Ein Versuch: Oliver Tidy – Dover (Rope Enough). übersetzt von mir…

Dover   Ganz ehrlich: eigentlich hatte ich noch nicht vor, “aller Welt“ von diesem Buch zu erzählen. Nur ein paar Freunde sollten davon erfahren, um es schon mal lesen zu können und mir ihre Meinung dazu sagen zu können. Daher sollten sie an diesem Wochenende die Möglichkeit haben, es kostenlos als eBook zu erwerben.

Womit der Autor dieses Krimis und ich allerdings nicht gerechnet hatten: dass ganz ohne Werbung (abgesehen von einem Blogeintrag bei Oliver und meiner Mail an eine gute Handvoll Freunde und Bekannte) so viele Menschen auf das Buch aufmerksam werden würden und es ebenfalls gratis erwerben. Aktuell: Platz 18 bei den kostenlosen Ebooks!

Ach so, warum mich das Ganze so nervös macht: ich habe dieses Buch ins Deutsche übersetzt! Und nun kann ich nur hoffen, dass ich meine Sache gut genug gemacht habe…..

Jedenfalls, wenn ihr es ausprobieren wollt, dann nur zu! Bis Sonntag ist es noch kostenlos zu haben, und auch danach kostet es kein Vermögen, sondern €2,99.

Ich will hier niemandem das Blaue vom Himmel versprechen. Es ist ein netter, solider Krimi, der mir im Original gut genug gefallen hatte, so dass ich ihn gerne übersetzen wollte. Und weil das dank der neuen Möglichkeiten im Selfpublishermarkt recht unkompliziert geht, habe ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt.

Nun heißt es hoffen, dass es nicht zuuuuu kalt ist und die Kritik mich nicht allzu unsanft auf den Boden zurückholt. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eines: der Link.

Patrick Modiano – Im Café der verlorenen Jugend (Dans le café de la jeunesse perdue)

modianoEs gab nur wenige Passagen in diesem (ohnehin recht dünnen) Bändchen des aktuellen Literaturnobelpreisträgers, bei denen ich das Gefühl hatte, nicht nur irgendwelche mehr oder weniger zusammenhängende Worte zu lesen, ohne daraus wirklich etwas entnehmen zu können.

Es geht um eine junge Frau, die aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird; getroffen hat man sich in einem Cafe, sie war Stammgast, jeder kannte sie – und doch auch wieder nicht.

Der kurze Teil, in dem ihre Kindheit und Jugend am Montparnasse erzählt wird haben mich dabei noch am ehesten interessiert.

Ich weiß nicht, woran es lag – dass ich diese Zeit nicht miterlebt habe, dass ich Paris so gut wie gar nicht kenne, dass mir diese Art des Lebens so völlig fremd ist – jedenfalls fand ich von Anfang an keinen Zugang. Ein gewisses Unverständnis bleibt mir daher auch, wofür konkret der Literaturnobelpreis bei diesem Autor denn nun verliehen wurde – aber dieses Rätsel werden wir wohl ohnehin nie lösen können. Da wäre mir ja beinahe noch Murakami als Preisträger lieber gewesen…

Fjodor Dostojewski – Erniedrigte und Beleidigte

erniedrigteFür mich ist Dostojewski der Vorreiter der ausgeprägten Darstellung von psychischen Verwicklungen in Romanen. “Erniedrigte und Beleidigte” zählt zu seinen frühen Werken, entsprechend hat mir dieses Element darin ein wenig gefehlt.

Ein rechtschaffener Mann, glücklich verheiratet, eine Tochter, wird eines Tages als Verwalter für das Anwesen eines Fürsten bestellt. Er kümmert sich hervorragend darum – und doch wird ihm eines Tages vorgeworfen, er hätte Misswirtschaft betrieben, ja, sich sogar bereichert. Außerdem hätte er versucht, seine Tochter mit dem Sohn des Fürsten zu verbandeln. Nun gibt es tatsächlich eine Annäherung zwischen Tochter und Sohn – doch nicht mit Billigung des Vaters.

Die Kinder reißen aus, ziehen zusammen – ein unerhörter Skandal. Eine Schande vor allem für den Vater des jungen Mädchens, der sich nun mit einer Klage konfrontiert sieht, die ihn ins Armenhaus bringen kann. Der Fürst hingegen manipuliert, wo er nur kann. Und die Tochter? Geht sehenden Auges in ihr Verderben. Denn natürlich weiß sie, dass der Sohn des Fürsten ein verweichlichter Taugenichts ist, der das Glücksspiel und andere Frauen liebt. Er ist nicht treu, nicht zuverlässig, und doch kann sie von ihm nicht lassen.

Ihr zur Seite gestellt ist ein junger Mann, der sie von Herzen liebt und verehrt. Er erzählt uns die Geschehnisse der Handlung auch. Und so haben wir also unser Liebesdreieck, mit allen Komplikationen, mit denen so etwas eben einhergeht. Das ist aus heutiger Sicht für mich oft fürchterlich dick aufgetragen. An die jüngeren, reiferen Werke kommt dieses hier meiner Meinung nach nicht heran.

Tana French – Sterbenskalt (Faithfull Place. Dublin Murder Squad 3)

french3Und weiter ging es – diesmal mit Frank, der im vorigen Band vorgestellt wurde und Cassies Vorgesetzter bei der Undercoverarbeit war.

Frank wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Er hat vor 20 Jahren schon komplett mit seiner Familie gebrochen; nun ja. Nicht ganz komplett. Zu einer seiner Schwestern hält er noch losen Kontakt – und die ruft ihn nun auch an, ausgerechnet an einem der Wochenenden, an denen er seine Tochter Holly nach der Scheidung noch sehen darf. Ein Koffer war gefunden worden – der Koffer von Rosie, mit der Frank damals vor 20 Jahren eigentlich durchbrennen wollte. Eine ganze Nacht lang hatte er damals auf sie gewartet und war dann alleine auf die Fähre nach England gegangen. Ein ganzes Leben lang war er davon ausgegangen, dass sie es sich anders überlegt hatte. Und nun wurde beim Abriss eines alten Hauses ihr Leichnam gefunden…

Diesmal geht die REise zurück in ein Dublin, das von Armut und strengen Regeln bestimmt war. Während Frank versucht herauszufinden, was damals wirklich geschah  (und ich als Leserin nach etwa 80 Seiten einen Verdacht hatte, der sich dann auch bestätigte) wurde eine ganze Zeit für mich beim Lesen lebendig.

Was Familie ausmacht, welche Fehler der Vergangenheit sich im Heute noch immer auswirken, vor allem, wenn niemals darüber gesprochen wird – das sind die Themen, auf denen dieses Buch aufgebaut ist. Ja, es ist ein Krimi, und natürlich will man danach auch wissen, wer es war und warum. Aber vor allem interessiert mich an dieser Art der Literatur die Möglichkeit, meiner Realität für eine kleine Weile zu entfliehen. Mit diesem Buch ist es mir auf jeden Fall gelungen. Schade finde ich nur, dass ich nicht unmittelbar mit Band 4 und 5 fortfahren konnte ;-)

Tana French – Totengleich (The Likeness. Dublin Murder Squad 2)

french2Nach “Grabesgrün” griff ich also gleich zum nächsten Band der Reihe. Tja… und war erstmal insgeheim ein wenig enttäuscht, dass eine der beiden Hauptfiguren des ersten Teils hier nur noch als unwichtige Randnotiz erscheint.
Doch bald schon war das vergessen – und man kann daher getrost jedem Leser empfehlen: egal, welches Buch du in welcher Reihenfolge liest, sie sind wirklich in sich abgeschlossen.

Hier steht nun also Cassie im Mittelpunkt; nach dem Abschluss des letzten Falls haben sich ihre und Robs Wege getrennt. Dafür ist sie nun mit Sam liiert und hat sich an eine Stelle versetzen lassen, die sie nicht an ihre persönlichen Grenzen bringt. Bis Frank auftaucht und sie um Hilfe bittet…

Denn davor war Cassie als Undercover-Agentin eingesetzt gewesen. Und die Person, deren Rolle sie damals mit Frank gemeinsam erfunden hatte, war nun tot aufgefunden worden – eine Frau, die exakt so aussieht wie sie.

Sie willigt ein, in die Rolle der Toten zu schlüpfen, um von innen heraus den Mörder zu finden.

Was unglaubwürdig klingt, wenn man nur die Beschreibung liest – wie kann ein Mensch die Rolle eines anderen übernehmen und mit den Menschen zusammenleben, ohne dass diese es merken? wurde hier so gut umgesetzt, dass man es richtig plastisch vor sich sehen konnte.

Die Welt, die French hier beschreibt, ist ein Kosmos für sich – und diese versponnenen Zusammenhänge, die psychischen Abhängigkeiten einer Gruppe Menschen voneinander, boten mir als Leserin wunderbares Lesevergnügen.

Und immer noch hoffe ich, dass ich Rob und Cassie in einem der nächsten Bände noch einmal erleben darf…

Tana French – Grabesgrün (In the Woods. Dublin Murder Squad 1)

17542_French_Grabesgru¨n.inddWarum habe ich eigentlich so lange gebraucht, bis ich Tana French gelesen habe? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie schon vor vielen Jahren alle Welt von “Grabesgrün” geschwärmt hatte. Gut – zu viel Lob von allen Seiten führt bei mir oft dazu, dass ich erst mal skeptisch bin. Dazu kam dann aber auch, dass der Prolog aus Kindersicht und in der ersten Person Präsens erzählt wurde – das liegt mir normalerweise nicht besonders.

Nun, viele Jahre später habe ich es also doch “gewagt” – und hatte den Vorteil, gleich mal einige Bücher der Autorin hintereinander weg lesen zu können.

Zum Inhalt von Grabesgrün brauche ich ja nicht mehr viel sagen – ein Ausgrabungsteam findet eines Morgens eine Kinderleiche auf einem Opferstein drapiert. Vor 20 Jahren sind an der selben Stelle schon einmal zwei Kinder verschwunden – das dritte Kind, das damals völlig geschockt gefunden wurde, das sich aber an nichts erinnern konnte, ist nun Detective – und wird mit diesem Fall beauftragt. Hängen die beiden Fälle zusammen?

Die beiden Kollegen, die hier zusammenarbeiten, glänzen dabei durch ihre tiefe Verbundenheit. Sie sind nur Freunde, die sich blind vertrauen – bis eine Grenze überschritten wird…

Ich habe mich bei diesem Buch ausgezeichnet unterhalten gefühlt. Gut geschrieben, der Plot ist spannend und plausibel, aber vor allem haben es mir die Hauptfiguren angetan. So sehr, dass ich unmittelbar darauf zum nächsten Buch von Tana French gegriffen habe…

Patrick Modiano – Ein so junger Hund (Chien de printemps)

hundAus gegebenem Anlass mal wieder ein Fundstückchen aus dem Archiv:
2014 wird Patrick Modiano mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Vor 10 Jahren habe ich erstmals ein Buch von ihm gelesen – das mich nicht überzeugt hatte. Ich werde es nochmal mit dem Autor versuchen, mein Lesegeschmack hat sich schließlich geändert…

Was aus der Freundin geworden war, mit der er da auf einer Parkbank fotografiert worden war, konnte der Erzähler dieser Geschichte nicht sagen; irgendwann aus seinem Leben verschwunden, so wie auch Jansen, der das Bild vor fast 30 Jahren aufgenommen hatte.

Aber Jansen hatte in seinem Leben viel stärkere Spuren hinterlassen; nach den Aufnahmen hatten sie ihn in sein Atelier begleitet, hatten die drei Koffer gesehen, in denen er seine Bilder aufbewahrte, kunterbunt und ungeordnet. Für Jansen war die Zeit gekommen, das alles hinter sich zu lassen, er wollte die Spuren tilgen, wollte einfach weggehen, aufbrechen – doch einst hatte auch er versucht, die flüchtigen Momente festzuhalten, hatte nicht nur auf den Auslöser gedrückt, sondern gewissenhaft Namen und Orte auf die Rückseite der Bilder geschrieben.

Aus einem Impuls heraus bietet der Junge an, ein Register der Bilder zu erstellen; unbezahlt, aus Interesse. So arbeitet er sich durch die Jahre, die Lebensstationen des Fotografen, der mit Auskünften über sich selbst so sparsam bleibt – vor allem, wenn es um Colette geht, Colette, die auch der Erzähler einst kannte… Weiterlesen

Jean-Philippe Blondel – Zweiundzwanzig (Et rester vivant)

blondelIch zermartere mir seit Tagen den Kopf, in welcher Literatursendung ich auf dieses Buch aufmerksam wurde. Es war jedenfalls etwas, das ich nur so nebenbei gesehen hatte – ein Mann erzählte davon, dass er im Alter von zweiundzwanzig Vollwaise war, weil er erst seine Mutter und den Bruder, dann vier Jahre später seinen Vater durch einen Autounfall verloren hatte. Mir war in Erinnerung geblieben, dass er von sich wie von einem Romanhelden sprach – und dass man einer Romanfigur solche Schicksalsschläge nicht zumuten würde, weil es keiner glauben würde.

Nun fand ich das Buch zufällig in der Onleihe, habe es kurzentschlossen ausgeliehen und auch gleich gelesen (ist ja nicht besonders umfangreich).

Zu diesem Buch gibt es auch einen Soundtrack, der eine nicht unerhebliche Rolle spielt:
Lloyd Cole – Rich https://www.youtube.com/watch?v=xEmlVhEnIpc

Der Ort, der in diesem Song besungen wird, Morro Bay, wird zum Sehnsuchtsort des Erzählers, und nachdem er die väterliche Wohnung verkauft hat, geht er kurzerhand mit seiner (Ex?)Freundin und dem besten Freund (und neuen Freund von Laure) auf eine Reise nach Kalifornien. Weiterlesen

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

seethalerSeethaler erzählt in diesem schmalen Band vom Leben eines wortkargen Mannes, der sein Leben in den Bergen verbringt.
Er ist das ungeliebte Ziehkind auf dem Bauernhof, auf dem er aufwächst – eines Morgens im Alter von vier Jahren von der Stadt aufs Land gebracht worden, die Mutter war in der Stadt auf Abwege geraten und hatte ihrem Bruder das Kind, mit ein paar Silberlingen als Versüßung, überlassen.

Es folgt, was man eigentlich schon erwartet. Harte Kindheit, viel Arbeit, keine Liebe, dafür häufige Züchtigung – die so weit geht, dass dem Kind bei einer der Prügelarien das Bein so schlim gebrochen wird, dass er nie mehr ohne Humpeln laufen kann.

Doch natürlich wird aus ihm ein großer, starker Mann, trotz dieser Einschränkung, der ausgesprochen arbeitsam ist und alles stoisch erträgt. Bis er dann auf Marie trifft. Hier will er dann erstmals mehr aus sich machen, denn einer Frau muss man etwas bieten. Er heuert also bei der Firma an, die eine Seilbahn auf den Berg bauen will, arbeitet auch dort natürlich fabelhaft, und eines Tages ist es soweit, dass er seiner Marie einen Antrag macht, und zwar einen ausgesprochen romantischen – mit petroleumgetränkten Säcken, die die Kollegen auf dem Berg entzünden, schreibt er seine Liebe zu ihr geradezu in die Landschaft. Weiterlesen

Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand

Köhlmeier Zwei Herren am StrandEigentlich hatte ich erwartet, dass ich mit diesem Buch gar nichts falsch machen kann. Ein Autor, den ich seit vielen Jahren sehr schätze und mag. Ein Thema, das ich kenne und das mich fasziniert (Depressionen und ihr Umgang damit). Ein bisschen Zeitgeschichte. Dazu zwei bekannte Persönlichkeiten, die ich zumindest bislang in keinen Zusammenhang zueinander gebracht hätte – Charlie Chaplin und Sir Winston Churchill.

Zu meinem großen Bedauern empfand ich die Leküre aber nicht als Vergnügen, sondern zähe Arbeit. Weiterlesen