Lesungen - dabeigewesen mit der LESELUST 
Auch Thommy ist dabeigewesen - hier zu seinem Bericht über diese Lesung

 

24.05.02

Jose Saramago liest aus "Alle Namen"
30. Oktober 1999, SFB
 

  


Heute war es also so weit: die schon lange geplante gemeinsam besuchte Veranstaltung (eines Teils der Lesegruppe) im Sender Freies Berlin: José Saramgo liest aus "Alle Namen".

Lt. Zitty wurde die Einführung von einem gewissen Herrn Ray-Güde Mertin gehalten, der auch die Werke Saramagos ins Deutsche übersetzt.

Ich kann mich ja irren; aber meines Erachtens hat es sich dabei doch um eine Frau gehandelt.

Wie dem auch sei: sie hat ihre Sache sehr gut gemacht. Sie hat erzählt, wie Saramago aufgewachsen ist, seinen Start als Autor - bis er dann mit dem "Memorial" international bekannt wurde. Das Memorial haben wir ja nun in der Montagsgruppe auch gelesen - das heißt, wirklich GELESEN hatten es nur zwei Leute, der Rest der Truppe hat ja aufgrund der reichlich antiquierten Sprache und des etwas verquasten Inhalts klein beigegeben. Es ist mir trotzdem noch einiges aus dem Inhalt in Erinnerung.

Saramago hatte unter anderem auch als Lektor gearbeitet; und dabei ist ihm eines Tages die Übersetzung eines Buches von einem deutschen Autor in die Hände gefallen - zu einem Zeitpunkt, als von Saramago selbst nur ein paar Gedichte veröffentlicht worden waren. Bei diesem Buch handelte es sich um "Die Blechtrommel". Und es wäre schon eine Ironie des Schicksals, so sein Kommentar, dass er den Nobelpreis für Literatur ein Jahr vor Günther Grass erhalten hätte.

1995 wurde sein Roman "Die Stadt der Blinden" veröffentlich. Ein Buch, das auch in Amerika ganz großes Interesse hervorrief - vor allem in Hollywood. Dort fing man an, mehr oder weniger dezent beim Autor anzuklopfen, ob die Filmrechte denn noch zu vergeben wären. Unter anderem auch die Produktionsfirma von Whoopie Goldberg - und eine Verfilmung des Romans à la Sister Act 5 war dann doch nicht ganz im Sinne des Autors.

Wir haben aber auch erfahren, dass im Frühjahr die Filmrechte an eine kanadische Firma gingen; es wäre weit genug von Hollywood entfernt, um das wagen zu können. Zumindest würden sie sehr behutsam an eine Umsetzung herangehen.

Ich persönlich kann mir ja nicht vorstellen, dass eine Verfilmung dieses Buches sinnvoll ist. Der Reiz hatte für mich gerade darin bestanden, dass ich mich auf einer sehr persönlichen Ebene damit auseinandersetzen musste, dass sich meine eigene Moral auf dem Prüfstand befand. Aber man wird ja sehen...

Ja, und dann wurde viel vom Roman erzählt, auch einiges daraus vorgelesen. (es waren übrigens sehr sehr viele Menschen da, die des Portugiesischen mächtig waren. Die konnten immer lachen, hätte gerne mitgelacht...).

Saramago hat erzählt, wie ein Buch bei ihm entsteht; dass da erstmal der Titel irgendwann einfach da wäre, und er sich dann daransetzen würde, es mit Inhalt zu füllen.

Zu Alle Namen war er während über ein ganz anderes Projekt gekommen. Er wollte eine Autobiographie schreiben - nicht, weil er das grundsätzlich für so wichtig hält, sondern um seine Kindheit für sich selbst festzuhalten. Dazu musste er Nachforschungen über seinen Bruder, der 1920 geboren und 1924 verstorben war, anstellen. Dabei stellte er fest: statistisch gesehen ist er noch gar nicht tot, da diese Nachricht nie ans Standesamt weitergegeben worden war.

Und so war auch die Idee, der Handlungsort des Romans geboren. Dieses kleine Erlebnis mit dem Bruder wurde übrigens nicht im Buch verarbeitet.

Senor José ist Amtsschreiber im zentralen Personenstandsregister - und stößt eines Tages durch Zufall auf die Akte einer Frau. Er stellt Nachforschungen über sie an, will auf ihre Spur kommen (warum er das will kam in der Lesung übrigens nicht raus) - er geht in die Schule, die sie besucht hatte, er sucht und sucht, wird selber sehr krank dabei, und findet sie erst, als sie schon tot ist. Selbstmord.

Und dann, am Friedhof, kann er auch nicht sicher sein, dass er tatsächlich vor ihrem Grab steht; denn ein Schäfer tauscht allmorgendlich die Nummern an den Gräbern dieser Selbstmörder aus, da er meint: diese Menschen hätten sich umgebracht, weil sie nicht gefunden werden wollten. Dies sollte auch in ihrem Tod respektiert werden. Diese Szene war übrigens wirklich sehr schön geschildert, hat mir gefallen.

Ansonsten bin ich mir nicht so sicher, ob ich Alle Namen nun unbedingt lesen werde. Selber kaufen, als Hardcover, würde ich es auf alle Fälle nicht. Prinzipiell hatte mich auch der Inhalt nicht soweit überzeugt, dass ich sofort zu den Büchertischen im Foyer gestürmt wäre, um meine Ausgabe noch signieren zu lassen.

Eigenartig fand ich auch, und das war nicht nur mir aufgefallen: ein ganz wesentliches Stilmittel Saramagos war doch, dass er NIE direkte Rede verwendet hatte. Aber bei ALLE NAMEN war, zumindest beim Zuhören, ganz eindeutig direkt
gesprochen worden. Vielleicht hatte er es nicht interpunktiert, vielleicht wäre es auch bei den anderen Büchern so, wenn man sie vorgelesen hört; das müsste ich nochmals gucken.

Fazit: es war sehr interessant, hat mir gefallen, und der Abend fand noch einen netten Ausklang im Schwarzen Café....


  Der Autor:

Jose Saramago wurde am 16. November 1922 in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlages und Journalist bei verschiedenen Lissabonner Tageszeitungen. Ab 1966 widmete er sich verstärkt der schriftstellerischen Tätigkeit. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.
1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Weitere Titel:
Die Stadt der Blinden.

Das Memorial

© Daniela Ecker