Lesungen - dabeigewesen mit der LESELUST

 

28.06.04

 

  Günter Grass und Robert Menasse 

25. Juni 2004 im LCB, aus der Reihe "Erlesenes Europa" 


   
Günther Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren, absolvierte nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaf eine Steinmetzlehre, studierte Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf und Berlin. 1956 erschien der erste Gedichtband mit Zeichungen, 1959 der erste Roman, "Die Blechtrommel". 1999 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Grass lebt in der Nähe von Lübeck.

Weitere Werke:
Die Blechtrommel

"Katz und Maus" (1961)
"Hundejahre" (1963)
"Der Butt" (Roman, 1977)
"Die Rättin" (1986)
"Unkenrufe" (Erzählung 1992)
"Ein weites Feld" (1995)
"Mein Jahrhundert": (1999)
"Im Krebsgang" (2002)

Zur Lesung Grass / Mulisch


andere
Literatur-
nobelpreisträger
  Erlesenes Europa (III)
Literatur und Politik
Lesung und Gespräch: Günter Grass und Robert Menasse
Moderation: Dieter Stolz

Beginn: 19 Uhr, anschließend Fußball-EM            

Die dritte Veranstaltung unserer Reihe "Erlesenes Europa" widmet sich poetischen Gesellschaftsdiagnosen im Spannungsfeld von erinnerter Vergangenheit und gegenwärtigen Verblendungszusammenhängen, von Geschichte und Geschichten, von Murphy, Marx und McKinsey, von Walzer- und Waffenexport, von ästhetischen Grenzüberschreitungen und neoliberaler Globalisierung. Kurzum, es geht um den Anspruch, seinen Lebens- und Gesellschafts(t)raum sowie die Zeit, in der wir leben, schreibend bis zur Kenntlichkeit zu entstellen. Der Literatur-Nobelpreisträger und engagierte Zeitgenosse Günter Grass, geboren 1927 in Danzig, trifft auf den polarisierenden Essayisten und herausragenden Romancier Robert Menasse, geboren 1954 in Wien.

Mit freundlicher Unterstützung durch den Hauptstadtkulturfonds.
 

So las sich die Ankündigung für diese Veranstaltung, die freitagabends in der schönen Villa des LCB am Wannsee stattfand. Der Name Grass ist Garant für hohe Besucherzahlen; so war auch schon verhältnismäßig früh ein großer Teil der Plätze belegt.

Obwohl durch die Beginnzeit der Fußballübertragung der Zeitrahmen ohnehin recht eingeschränkt war, begann die Veranstaltung dann erst nach einer viertelstündigen Verspätung. Der (im übrigen ausgezeichnet vorbereitete) Moderator stellte erstmal beide Autoren kurz vor, um sie dann nach ihren Eindrücken voneinander zu befragen. An dieser Stelle möchte ich noch kurz anmerken, dass sämtliche Zitate hier aus meiner Erinnerung stammen, also nicht wortwörtlich wiedergegeben sind. Sollte ich etwas falsch verstanden / interpretiert haben, bitte ich um Nachricht.

Grass wusste viele lobende Worte über Menasses "Vertreibung aus der Hölle" zu finden; der Roman wäre episch angelegt, der Autor hätte sich Widerstände gesetzt, das Wagnis der verschiedenen Zeitebenen hätte ihn beeindruckt und zudem hätte ihm gefallen, dass der Autor beim Schreiben nicht, wie so viele der heutigen Autoren, nur um sich selbst und sein Erleben kreist.

Dass Menasse natürlich auch genügend Lobesworte über Grass zu finden wusste ist wohl klar. Er wäre mit Grass literarisch sozialisiert worden, er wäre eines seiner großen Vorbilder gewesen, neben Dostojewski, Doderer und Musil. Zur Zeit seines Literaturstudiums war es verpönt gewesen, schreibend zu "erzählen", er hatte aber schon früh gewusst, dass er eben das wollte. Es wäre sein Anspruch, "mit großem, repräsentativem Gestus exemplarisch zu erzählen und sich in gesellschaftliche Prozesse einzufinden".

Grass erwiderte darauf, dass viele der heutigen Nachwuchsliteraten glaubten, alles auch sich selbst heraus zu schaffen, ohne sich zu ihren Vorbildern zu bekennen.

Der Moderatur nutzte die Gelegenheit, zum Thema Fußball überzuleiten; schließlich wird der Abend durch die Übertragung des Viertelfinalspiels zwischen Frankreich und Griechenland begrenzt. Beide Autoren haben eine Verbindung und auch Leidenschaft zum Thema Fußball: Grass als Förderer, Anhänger des SC Freiburg - Menasse durch seinen Vater, der immerhin österreichischer Nationalspieler war.

Stolz hatte es gewagt, Grass als "Fan" des SC Freiburg zu bezeichnen, was ihm ein Plädoyer Menasses für die korrekte Verwendung von Anglizismen einbrachte, da der Begriff "Fan" im englischen Sprachraum nicht verwendet würde. Ein erstes Beispiel für den Auftritt des angry young man, dem noch weitere folgen sollten.

Passend zum Thema Fußball wurde von Grass ein Fußballgedicht vorgetragen; von Menasse eine Passage aus dem Roman "Die Vertreibung aus der Hölle", in dem Müllers Führungstor im Spiel Deutschland gegen Holland bei der WM 74 beschrieben wurde, was sehr unterhaltsam war.

Inwieweit darf und soll ein Künstler sich in zeitpolitische Fragen einmischen?

Unabdingbar ist es für einen wachen, intellektuellen Geist, auch politisch Stellung zu nehmen, meint Menasse. Umso unverständlicher für ihn, dass der BRECHT-Preis in diesem Jahr an seinen Landsmann CHRISTOPH RANSMAYR verliehen wurde, der in seiner Dankesrede in Augsburg keinen politischen Kommentar abgeben wollte und dies so begründete "Was soll ein Künstler politisch mehr begreifen als ein Metzger?" Diese Aussage erzürnte Menasse sehr, der die Verleihung des Brechtpreises ausgerechnet an Ransmayr mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Bush verglich und meinte, dessen Kommentar wäre eines Metzgers würdig, nicht aber eines Künstlers.

Ein Metzger, ein Gewerbetreibender, würde Politik immer vor dem Hintergrund seiner eigenen Interessen als Gewerbetreibender betrachten. Als Künstler wäre man in der Lage, über den eigenen soziopolitischen Tellerrand zu blicken und aus dieser Sicht zu argumentieren.

Grass entgegnete, dass die politische Stellungnahme meist doch schon in den Werken enthalten wäre, gerade auch dann, wenn scheinbar alltägliches geschildert würde. Schon alleine durch die Darstellung anderer Wahrheiten (und hier wurde bewusst das Wort "WahrheitEN" gewählt) würde die Literatur ihren Beitrag leisten.

Menasse kam in weiterer Folge darauf zu sprechen, dass ihm heute vor allem eins Sorge bereite: das Denken in Alternativen verschwindet. Durch das Scheitern der kommunistischen Systeme, durch das Fortschreiten der Globalisierung kristallisiert sich immer mehr eine einheitliche Lösung, ein einheitliches Denken heraus, es werden keine anderen Möglichkeiten mehr angedacht.
Zudem beinhalte Engagement heute jeweils gleich so viele globale Brennpunkte, dass den Einzelnen die Mutlosigkeit erfasse. Die erste Aufgabe die er sieht besteht darin, diese Mutlosigkeit zu bekämpfen.

Grass weist anschließend darauf hin, dass drei große Ausnahmepolitiker der 70er, Kreisky, Palme & Brandt, bereits zu Zeiten als noch der Ost-West-Konflikt in voller Höhe war, auf die Nord-Süd-Problematik hinwiesen, ein Thema, das bis heute viel zu wenig diskutiert, geschweige denn gelöst wäre.

Wie der Bogen dann zur Aufklärung gespannt wurde kann ich ehrlich gesagt nicht mehr nachvollziehen - jedenfalls handeln die nächsten Kommentare, an die ich mich erinnere, auf die Entscheidung der Kopftuch-Debatte. "Der heutigen Verwirrung ist mit Kopftuchverbot nicht beizukommen" meint Grass. Lessing hätte dafür eine andere Lösung gefunden. Sozialismus und Kommunismus wären beides missratene Kinder der Aufklärung.
Für Menasse ist die Debatte an sich schon ein lessingsches Drama; schon die Frage, worum es eigentlich geht verbildlicht die drei Ringe; PolitiK? Kultur? Religion? Was davon ist vorherrschend. Die Schwierigkeit liegt für ihn auch darin, dass man bei dieser Debatte nicht weiß, welchem Aspekt der Aufklärung man folgen soll (kulturelle Toleranz befürworten, oder den Fanatismus verneinen).

Was halten die beiden Autoren von der nachwachsenden Generation von Schriftstellern? fragte dann Dieter Stolz, und brachte als Beispiel Juli Zeh und (ich glaube) Kathrin Dorn.

Menasses Kommentar dazu: "ich bin selber nachwachsend"...

Was halten Sie von der Politikverdrossenheit?
Diese Frage wurde speziell an Grass als früheres SPD-Parteimitglied gestellt. Dieser meinte, die Kritikpunkte an der derzeitigen Regierung wären unübersehbar, er bewundere aber den Kampf mit dem sie unbeirrbar an den unbestreitbar notwendigen Reformen festhalte.

Diese Aussage rief bei Menasse heftigen Widerspruch hervor. Für ihn ist schon die Aussage an sich, dass alle sich einig wären, dass Reformen notwendig sind, falsch. Warum sollte, was bei viel geringerem allgemeinen Reichtum als heute selbstverständlich war, heute nicht mehr leistbar sein? Und führte dann das Beispiel an, dass der Prozentpunkt der Summe des BIP, der für die Rente aufgewendet würde, sich nicht verändert hätte, was dann doch zu erheblicher Lärmentwicklung im Publikum führte.

Die Wirtschaftsdiskussion wurde daraufhin vom Moderator unterbrochen, der beide Autoren noch um einen kurzen Beitrag zum Erinnern bat, woraufhin Grass aus einer Rede  las (Die Zukunft der Erinnerung?) und Menasse ein weiteres Stück aus Der Vertreibung aus der Hölle, die Passage, in der Viktor seinen Großeltern erzählt, was er studiert: Geschichte und Germanistik. Spätestens hier ist mir erst richtig klar geworden, wie viel Witz auch in diesem Buch steckt.

Danach haben beide Autoren sich noch zum Thema Europa geäußert, aber es war schon eine spürbare Unruhe im Publikum, und so hieß es dann: ab jetzt Fußball, die beiden Autoren signieren noch.

Am Tisch saß dann allerdings nur noch Günter Grass und hat brav die ihm vorgehaltenen Bücher unterzeichnet; Menasse habe ich dann später auf der Terrasse des LCB gefunden, wo er wesentlich entspannter als während der Diskussion wirkte, ein Glas Wein trank und mit den Damen plauderte.

Wie schon bei der ersten Lesung die ich mit Grass erlebt hatte hat er mich auch diesmal wieder mit der Art, wie er argumentiert, begeistert. Menasse hat viele interessante Gedankenanstöße, verrennt sich meiner Meinung nach dann auch wieder. Zudem fand ich es etwas seltsam, dass sich ein fünfzigjähriger, arrivierter Schriftsteller immer noch als junger Rebell sieht.


  Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. Er lebt als Romancier und Essayist in Wien und Amsterdam. 

Weitere Titel

Sinnliche Gewissheit 

Selige Zeiten, brüchige Welt 

Schubumkehr 

Das Land ohne Eigenschaften 

Erklär mir Österreich 

Die Vertreibung aus der Hölle



© Daniela Ecker
27. Juni 2004

LESELUST

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