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Aus leidvoller Erfahrung bin ich
mittlerweile ja sehr skeptisch, wenn bei Dussmann Lesungen stattfinden
- aber da bereits in der Veranstaltungsankündigung zu lesen stand
dass der Verleger, Herr Hansen, die Moderation selbst übernehmen
würde, hab ich mich mal wieder hingewagt.
Und: Es hat sich gelohnt! Bei der launigen Einführung durch den
Verleger wurden wir erst darauf hingewiesen, dass der Autor das Buch
auf dem Müll gefunden hätte - die entsprechende Geschichte dazu
wurde uns aber für später versprochen. Aber auch die Geschichte, wie
Hansen selbst dazu kam, dieses Buch für MARE einzukaufen, ist nett:
Nämlich ohne vorher eine Zeile davon zu lesen, noch nicht einmal
einen Teil des Manuskripts oder zumindest ein Expose in Händen zu
halten. Gekauft wurde das Buch nach einem Mittagessen mit einem jungen
Agenten, der Hansen - er war damals in New York unterwegs, um schon
für den noch im Entstehen begriffenen Verlag Kontakte zu
knüpfen - den Inhalt des Buches erzählt hatte...
Sechs Monate später kamen die ersten 60 Seiten mit dem Hinweis
"das sind ca. 10 % des Buches..."
Nun war aber der Autor selbst an der Reihe, begrüßte uns ebenfalls
nochmals kurz, erklärte, er würde lieber im Stehen lesen, das fände
er höflicher (dafür war zwar nichts vorbereitet, aber das hat keinen
Misston hervorgerufen). Es hat 32 Jahre gedauert, bis er es endlich
nach Berlin geschafft hat - denn als er während seiner Militärzeit
in Würzburg war, war es amerikanischen Soldaten zwar möglich, nach
Berlin zu fahren, aber es erforderte eine Menge Papierkram. Nun - auch
diesmal hat es eine Menge Papierkram erfordert, aber er ist hier!
Er beginnt aus dem Prolog zu lesen, mitreißend, schnell, sehr
szenisch - sein ganzer Körper liest, er spielt es uns eher vor, als
es vorzulesen. Gerade eine seiner Figuren konnte ich richtig vor mir
sehen - er hatte sie vom Typus her ein wenig dargestellt, als wäre es
MRR ohne rollendes Rrrrr, aber mit ebensoviel Temperament in der
Rede.
Frank Arnold, der aus der deutschen Übersetzung liest, ist ebenfalls
ein guter Leser, aber seine gestische Untermalung wirkt gegen
Griesemer fast schon gekünstelt.
Das zweite längere Stück, das uns vorgelesen wird, handelt vom
Abrollen des Kabels, die beiden wechseln sich beim Lesen ab; und
leider, leider schaffen sie es dabei, dass meine Neugierde auf das
Buch immer größer wird. Dabei wollte ich mir doch in diesem Jahr
kein Buch mehr kaufen!
Beim anschließenden Gespräch mit Herrn Hansen erfahren wir auch, wie
man eine solche Geschichte auf dem Müll finden kann. Jeden Sonntag
kommt in der kleinen Stadt, in der Griesemer lebt, die Müllabfuhr
(die Stadt ist so klein, dass der gesamte Müll der Stadt in einen
Wagen passt). Aber natürlich wird auch Abfall getrennt, und als er
also eines Sonntags unterwegs war, Flaschen und Altpapier
wegzubringen, ist ihm im Altpapier eine Zeitschrift namens "Wired"
aufgefallen, die ihn immer schon verlockt hatte, ihm aber zu teuer
war. Also wollte er sie aus dem Stapel fischen - aber kaum dachte er,
er hätte sie, rutschte sie weg. Nach kurzem Überlegen entschloss er
sich, in den Wagen reinzuklettern - und erlitt einen gelinden Schock:
starrten ihn doch aus der Dunkelheit zwei Augen an! Ein kleiner Junge
war da im Papiercontainer... und Griesemer, als wäre er beim
Kaufhausdiebstahl erwischt worden, meinte ganz eingeschüchtert, ob er
wohl das Magazin haben könne? Er konnte. Und fand darin unter anderem
einen Artikel von Neal Stephenson (Cryptonomicon), der über die
Verlegung eines Glasfaserkabels um die Welt berichtete. Wenn dieses
Vorhaben schon gigantisch erscheine, meinte er, wieviel
beeindruckender wäre dann erst die Verlegung des ersten
Transatlantikkabels gewesen! Tja, und ab diesem Zeitpunkt wusste
Griesemer: Das ist meine Geschichte, darüber kann ich etwas
schreiben.
Auch über seinen Lebenslauf wurden wir ein wenig detaillierter
informiert: dass er während seiner Militärzeit in Deutschland war,
wissen wir ja schon (wahrscheinlich stammen daher auch die letzten
Deutschkenntnisse, die er für den Abschlusssatz seiner Lesung
verwendet hatte) - aber dass er damals eigentlich für Vietnam
ausgebildet wurde und stündlich auf seinen Marschbefehl dorthin
wartete um dann doch aus immer noch unerklärlichen Gründen nach
Deutschland geschickt zu werden, das hat er uns jetzt erst erzählt.
In Frankfurt angekommen war man sich nicht im Klaren, was man mit ihm
anfangen könnte; was er studiert hätte? Literatur. Kopfkratzen bei
den Offizieren, dann die Frage, ob er schon journalistisch gearbeitet
hätte? Ja, natürlich, flunkerte er, er könne über alles schreiben,
Sport, Kultur, was immer gewünscht würde!
Daraufhin verbrachte er seine Zeit bei der Militärzeitung. Zurück
aus der Armee hatte er das Glück, bei einer Zeitung als Journalist
anfangen zu können. In diesem Rahmen hatte er auch einmal über eine
Theatergruppe berichtet, wurde dann sogar zum Vorsprechen eingeladen.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass er Single war und die
Schauspielerinnen sehr hübsch, dachte er: kann nicht schaden, ging
hin, wurde genommen - und musste feststellen, dass die meisten
Schauspielerinnen bereits in festen Händen waren.
Aber er hatte so viel Spaß daran, dass er dabei blieb.
Sein größter Erfolg dabei war eine kleine Rolle in einer Produktion
gemeinsam mit Daniel Day-Lewis und Winona Ryder - Crucible / Hexenjagd
von Arthur Miller.
Beim Schreiben von "Rausch" war ihm sehr rasch klar, dass
die Spannung nicht von der eigentlichen Handlung her rühren konnte -
der Ausgang war ja klar. Also hat er den Spannungsbogen auf die
Entwicklung der Personen übertragen - und wenn ich mir in Erinnerung
rufe, was ich daraus gehört habe, dann glaube ich, dass ihm das
ziemlich gut gelungen sein dürfte!
Das war mal wieder eine Lesung, wo der Autor es durch seine schiere
Präsenz, sein offenkundiges Talent zum Geschichtenerzählen schafft,
den Leser neugierig auf seine Bücher zu machen - und wer Rausch schon
kennt, darf sich im nächsten Jahr auf die Übersetzung von "No
One Thinks of Greenland" freuen, die wieder im Mare-Verlag
herauskommen wird.
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Der
Autor:
John Griesemer wurde 1947 in New Jersey geboren. Nach dem
Militärdienst (ua in Würzburg) wurde er erst Journalist, dann
Schauspieler. Er lebt in einer Kleinstadt in New Hampshire
Weitere Titel:
Rausch
No One Thinks of Greenland
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