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17.11.03

John Griesemer liest aus "Rausch"

17. November 2003, Dussmann Kulturkaufhaus 

 

 


Aus leidvoller Erfahrung bin ich mittlerweile ja sehr skeptisch, wenn bei Dussmann Lesungen stattfinden - aber da bereits in der Veranstaltungsankündigung zu lesen stand dass der Verleger, Herr Hansen, die Moderation selbst übernehmen würde, hab ich mich mal wieder hingewagt.

Und: Es hat sich gelohnt! Bei der launigen Einführung durch den Verleger wurden wir erst darauf hingewiesen, dass der Autor das Buch auf dem Müll gefunden hätte - die entsprechende Geschichte dazu wurde uns aber für später versprochen. Aber auch die Geschichte, wie Hansen selbst dazu kam, dieses Buch für MARE einzukaufen, ist nett: Nämlich ohne vorher eine Zeile davon zu lesen, noch nicht einmal einen Teil des Manuskripts oder zumindest ein Expose in Händen zu halten. Gekauft wurde das Buch nach einem Mittagessen mit einem jungen Agenten, der Hansen - er war damals in New York unterwegs, um schon für den noch im Entstehen begriffenen Verlag Kontakte zu knüpfen  - den Inhalt des Buches erzählt hatte... 
Sechs Monate später kamen die ersten 60 Seiten mit dem Hinweis "das sind ca. 10 % des Buches..." 

Nun war aber der Autor selbst an der Reihe, begrüßte uns ebenfalls nochmals kurz, erklärte, er würde lieber im Stehen lesen, das fände er höflicher (dafür war zwar nichts vorbereitet, aber das hat keinen Misston hervorgerufen). Es hat 32 Jahre gedauert, bis er es endlich nach Berlin geschafft hat - denn als er während seiner Militärzeit in Würzburg war, war es amerikanischen Soldaten zwar möglich, nach Berlin zu fahren, aber es erforderte eine Menge Papierkram. Nun - auch diesmal hat es eine Menge Papierkram erfordert, aber er ist hier!

Er beginnt aus dem Prolog zu lesen, mitreißend, schnell, sehr szenisch - sein ganzer Körper liest, er spielt es uns eher vor, als es vorzulesen. Gerade eine seiner Figuren konnte ich richtig vor mir sehen - er hatte sie vom Typus her ein wenig dargestellt, als wäre es MRR ohne rollendes Rrrrr, aber mit ebensoviel Temperament in der Rede. 

Frank Arnold, der aus der deutschen Übersetzung liest, ist ebenfalls ein guter Leser, aber seine gestische Untermalung wirkt gegen Griesemer fast schon gekünstelt. 

Das zweite längere Stück, das uns vorgelesen wird, handelt vom Abrollen des Kabels, die beiden wechseln sich beim Lesen ab; und leider, leider schaffen sie es dabei, dass meine Neugierde auf das Buch immer größer wird. Dabei wollte ich mir doch in diesem Jahr kein Buch mehr kaufen! 

Beim anschließenden Gespräch mit Herrn Hansen erfahren wir auch, wie man eine solche Geschichte auf dem Müll finden kann. Jeden Sonntag kommt in der kleinen Stadt, in der Griesemer lebt, die Müllabfuhr (die Stadt ist so klein, dass der gesamte Müll der Stadt in einen Wagen passt). Aber natürlich wird auch Abfall getrennt, und als er also eines Sonntags unterwegs war, Flaschen und Altpapier wegzubringen, ist ihm im Altpapier eine Zeitschrift namens "Wired" aufgefallen, die ihn immer schon verlockt hatte, ihm aber zu teuer war. Also wollte er sie aus dem Stapel fischen - aber kaum dachte er, er hätte sie, rutschte sie weg. Nach kurzem Überlegen entschloss er sich, in den Wagen reinzuklettern - und erlitt einen gelinden Schock: starrten ihn doch aus der Dunkelheit zwei Augen an! Ein kleiner Junge war da im Papiercontainer... und Griesemer, als wäre er beim Kaufhausdiebstahl erwischt worden, meinte ganz eingeschüchtert, ob er wohl das Magazin haben könne? Er konnte. Und fand darin unter anderem einen Artikel von Neal Stephenson (Cryptonomicon), der über die Verlegung eines Glasfaserkabels um die Welt berichtete. Wenn dieses Vorhaben schon gigantisch erscheine, meinte er, wieviel beeindruckender wäre dann erst die Verlegung des ersten Transatlantikkabels gewesen! Tja, und ab diesem Zeitpunkt wusste Griesemer: Das ist meine Geschichte, darüber kann ich etwas schreiben.

Auch über seinen Lebenslauf wurden wir ein wenig detaillierter informiert: dass er während seiner Militärzeit in Deutschland war, wissen wir ja schon (wahrscheinlich stammen daher auch die letzten Deutschkenntnisse, die er für den Abschlusssatz seiner Lesung verwendet hatte) - aber dass er damals eigentlich für Vietnam ausgebildet wurde und stündlich auf seinen Marschbefehl dorthin wartete um dann doch aus immer noch unerklärlichen Gründen nach Deutschland geschickt zu werden, das hat er uns jetzt erst erzählt. In Frankfurt angekommen war man sich nicht im Klaren, was man mit ihm anfangen könnte; was er studiert hätte? Literatur. Kopfkratzen bei den Offizieren, dann die Frage, ob er schon journalistisch gearbeitet hätte? Ja, natürlich, flunkerte er, er könne über alles schreiben, Sport, Kultur, was immer gewünscht würde! 
Daraufhin verbrachte er seine Zeit bei der Militärzeitung. Zurück aus der Armee hatte er das Glück, bei einer Zeitung als Journalist anfangen zu können. In diesem Rahmen hatte er auch einmal über eine Theatergruppe berichtet, wurde dann sogar zum Vorsprechen eingeladen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass er Single war und die Schauspielerinnen sehr hübsch, dachte er: kann nicht schaden, ging hin, wurde genommen - und musste feststellen, dass die meisten Schauspielerinnen bereits in festen Händen waren. 
Aber er hatte so viel Spaß daran, dass er dabei blieb. 
Sein größter Erfolg dabei war eine kleine Rolle in einer Produktion gemeinsam mit Daniel Day-Lewis und Winona Ryder - Crucible / Hexenjagd von Arthur Miller. 

Beim Schreiben von "Rausch" war ihm sehr rasch klar, dass die Spannung nicht von der eigentlichen Handlung her rühren konnte - der Ausgang war ja klar. Also hat er den Spannungsbogen auf die Entwicklung der Personen übertragen - und wenn ich mir in Erinnerung rufe, was ich daraus gehört habe, dann glaube ich, dass ihm das ziemlich gut gelungen sein dürfte!

Das war mal wieder eine Lesung, wo der Autor es durch seine schiere Präsenz, sein offenkundiges Talent zum Geschichtenerzählen schafft, den Leser neugierig auf seine Bücher zu machen - und wer Rausch schon kennt, darf sich im nächsten Jahr auf die Übersetzung von "No One Thinks of Greenland" freuen, die wieder im Mare-Verlag herauskommen wird.  


  Der Autor: 

John Griesemer
wurde 1947 in New Jersey geboren. Nach dem Militärdienst (ua in Würzburg) wurde er erst Journalist, dann Schauspieler. Er lebt in einer Kleinstadt in New Hampshire

Weitere Titel: 

Rausch

No One Thinks of Greenland 



© Daniela Ecker
17. November 2003

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