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Das British Council hat auch in diesem Jahr im Rahmen des ILB eine
eigene Veranstaltungsreihe organisiert; in diesem Jahr steht sie unter
dem Schwerpunkt "Science and Fiction". Aus diesem Grund war
nicht nur die "Queen of Crime", PD James, eingeladen,
sondern auch Dr. Adrian Linacre, der als Forensiker tätig ist.
Nachdem ein großer Andrang für diese Lesung zu erwarten war, das BC
auf meinem Heimweg liegt und ich ohnehin ein Buch dabei hatte, war ich
schon relativ früh da und habe auch ein wenig von den
Vorbereitungsarbeiten miterlebt. Es ist für mich nun wirklich nicht
die erste Lesung im British Council; aber noch nie vorher habe ich
gesehen, dass die Mitarbeiter so hektisch und gereizt waren wie hier.
Die Nerven lagen blank, es gab genug Gekabbel im Hintergrund - doch
als die Lesung dann begann, war das alles vergessen.
Frenetischer Applaus empfing PD James - die beiden Herren an ihrer
Seite waren zwar präsent, aber für das Publikum im ersten Moment
unwichtig. Dann hat Bernhard Robben (der unter anderem Abbitte von Ian
McEwan übersetzt hat) eine sehr launige Vorstellung der Autorin
vorgetragen; im Stil eines Steckbriefs wurden sowohl ihr Lebenslauf,
ihre persönliche Erscheinung (sie mag Ihnen wie eine sanfte
Großmutter erscheinen, doch täuschen Sie sich nicht, sie mordet für
ihren Lebensunterhalt) und dann auch noch eine elegante Überleitung
zu ihrem Ermittler, Adam Dalgliesh, dem Publikum nahe gebracht. Dafür
gab es dann auch verdienten Applaus, viel Gelächter, auch von der
Autorin.
Diese bedankt sich artig, erzählt, dass sie bereits das dritte Mal in
Berlin ist, und erzählt dann kurz soviel zum Plot ihres neuesten
Buches "The Murder Room" wie nötig ist, um die dann
vorgelesene Szene zu verstehen. Das macht sie mit sehr viel Witz und
Tempo, wie sie überhaupt einen sehr gut gelaunten Eindruck
macht.
Weil es doch um Forensik und Sachverständige geht, liest sie danach
noch aus einem viel älteren Buch, "Death of an Expert Witness"
- und zwar eine Szene, als sich ein paar Sachverständige über
Expertengutachten vor Gericht unterhalten. Dass es bei ihren Büchern
so viel zu lachen gibt, war mir beim Lesen ehrlich gesagt bislang noch
gar nicht aufgefallen; diese Szene hat aber nicht nur mir mehr als ein
Schmunzeln entlockt.
Dann wollte sie gleich zur Diskussion überleiten und hat eine Frage
zu Blut, DNA und den neuen forensischen Methoden gestellt; doch so
weit war man noch nicht im Programm, und mit viel Taktgefühl hat der
Moderator es geschafft, nun auch Dr. Adrian Linacre vorzustellen.
Dabei wurden eine ganze Menge Abkürzungen verwendet, die seinen
Lebenslauf kennzeichnen; ehrlich gesagt, hab ich es nicht geschafft,
mir auch nur ein bisschen was davon zu merken. Soviel glaube ich
allerdings verstanden zu haben, dass er in Glasgow als Forensiker
arbeitet und das auch an der Univeristät unterrichtet.
Kaum zu glauben - aber was Geschichten erzählen angeht, kann dieser
Mann es mit der Krimikönigin locker aufnehmen!
Wer jemals CSI oder ähnliche Serien gesehen hat, soll das daraus
erworbene Wissen lieber schnell wieder vergessen; so wie hier läuft
es niemals ab. Dann nennt er gleich noch das beste Beispiel, wie man
es NICHT machen sollte: Der Fall OJ Simpson.
Und dann gehts los. Die DNA von 2,9 Mio UK-Bewohnern sind in einer
Datenbank gespeichert - und kaum jemand aus der Bevölkerung weiß
darüber Bescheid. Die Einführung einer Identity Card hat man mit der
Angst, nicht überwacht werden zu wollen, verhindert, doch Daten, die
zur Aufklärung sonst aussichtsloser Fälle beitragen können, werden
gespeichert.
Erst vor 2 Wochen ist das Gesetz gefallen, wonach man für ein
Vergehen auch nur einmal belangt werden kann; durch die neuen
Entwicklungen in der Forensik kann man nun auch noch Fälle
aufklären, die 30, 40 Jahre zurück liegen. Nachdem ein Fall, wenn er
nicht endgültig geklärt ist, in Großbritannien immer offen bleibt,
werden auch die dazugehörigen Beweismittel aufbewahrt. Gerade in den
letzten Jahren wurden auf diese Weise einige Fälle aufgerollt und zum
Abschluss gebracht, die ohne diese neuen Ermittlungsmethoden wohl
ungelöst geblieben wären.
Ob DNA-Proben ohne Einwilligung genommen werden dürfen, fragt PD
James dann? Wenn man Verdächtiger in einem Fall ist, dann ist man
verpflichtet, in die Entnahme dieser Probe einzuwilligen, zumindest
seit 1999. Zwei Proben werden entnommen; eine wird analysiert, die
andere tiefgekühlt aufbewahrt. Zuständig dafür ist der Forensic
Science Service, der als etwas vertrauenswürdiger als die Polizei
gilt. Dabei werden nur je 20 Zahlen gespeichert, aus denen allerdings
keine Kenntnisse wie äußere Erscheinung, Erbkrankheiten etc.
gewonnen werden können.
Bis 1999 wurden nach Abschluss eines Falles die Proben der
Unschuldigen zerstört; doch dann kam Tony Blair und benannte die
Datenbank von "Criminal" in "National" um, seither
bleiben sie drin, und sie wächst wöchentlich um ca. 5000 Proben an.
Irgendwann in nicht allzuferner Zukunft, ist sich Linacre sicher, wird
von jedem neugeborenen Baby gleich eine DNA-Probe entnommen werden; so
furchtbar sich das im ersten Moment auch anhört, steckt für ihn doch
auch ein Kern Fairness drin; entweder man speichert nur die Daten von
Kriminellen - oder eben alle.
Bei Gerichtsaussagen versteigen sich die Gutachter aber nie zu einer
Aussage "dieses Blut ist von..." sondern geben nur
Wahrscheinlichkeiten an; schließlich gibt es die - wenn auch sehr
geringe - Option, dass man auf einen von 5 Mio trifft, der eine
identische DNA vorweisen kann. Ansonsten ist das nur bei eineiigen
Zwillingen möglich. Der einzige Bug in diesem System, wie Linacre
meint.
Ihr Adam Dalgliesh verspürt gerade bei Fällen, in denen es um ein
Kind geht, doch auch sehr starken Ärger, Wut und Hilflosigkeit - ob
es ihm ähnlich gehe, will PD James dann wissen.
Nein, lautet die Antwort. Er wird zu einem Mordschauplatz gerufen,
lässt sich nach Möglichkeit keinerlei Details von den ermittelnden
Beamten geben, streift seine Schutzkleidung über und beginnt mit
seiner Untersuchung. Dabei kommt es auf das Muster von Blutspritzern
an, aus denen man Einschlagwinkel, Kraftanwendung etc. lesen kann -
nein, er trennt das Opfer vom Fall, und für ihn zählt nur der Fall.
Außerdem: wenn es ihm keinen Spaß machen würde, hätte er diesen
Beruf nicht gewählt.
Dann wird es wieder lustig; denn nach Dr. Linacres Überzeugung gibt
es in Schottland ein wesentlich besseres System als im Rest GBs:
erstens treffen sich hier die Forensiker 14 Tage vor dem
Gerichtstermin, um in ihre gegenseitigen Akten zu sehen, und zweitens
gibt es hier einen Freispruch ohne Beweise, der ein sehr leichtes
Wiederaufnehmen eines Falles ermöglicht.
Ob auch Adam Dalgliesh jemals in Schottland ermitteln würde, lautet
dann eine Frage aus dem Publikum. Nein, niemals, ist sich PD James
sicher; sie müsst erst lange Jahre dort leben, weil für sie
Lokalkolorit eben sehr wichtig wäre; und dann würde sie es
wahrscheinlich trotzdem falsch machen. Außerdem, sagt sie mit einem
verschmitzten Lächeln, wäre Dalgliesh wohl in Schottland auch nicht
unbedingt willkommen.
Wenn man davon ausgeht, dass in absehbarer Zeit die DNA aller Menschen
in einer Datenbank erfasst wäre - wäre das nicht gleichzeitig das
Ende des Krimis? Schließlich könne doch dann jeder Mord sofort
aufgeklärt werden.
Da widerspricht Linacre dann doch. DNA wäre genial, die
Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, ebenso; doch nur DNA alleine
ist kein schlüssiger Beweis. Es gilt somit immer nur in Verbindung
mit anderen, stichhaltigen Beweisen.
Und PD James merkt an, dass es in Krimis ja nicht unbedingt nur darum
geht, wer der Mörder ist, sondern vor allem um die psychologischen
Hintergründe.
Warum es für sie eigentlich so wichtig wäre, dass ihre Bücher
sachlich richtig wären? Ob das an ihrem bürokratischen Hintergrund
in einer Behörde liegen würde, oder ist das ein Zugeständnis an den
Leser?
Aus Respekt vor ihren Lesern würde sie gründlich recherchieren,
erzählt sie dann abschließend; das wäre sie ihnen, und auch sich
selbst schuldig.
Ein guter Abschlusssatz - danach gabs noch Wein und Signierstunde, und
ich bin mit dem Gefühl, mich wirklich großartig unterhalten zu
haben, nach Hause gefahren.
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Die
Autorin:

Phyllis Dorothy James,
seit 1991 Baroness James of
Holland Park, wurde 1920 geboren. Da ihr Mann unheilbar
krank aus dem Weltkrieg zurückkehrte, musste sie für
sich und die beiden Töchter selbst sorgen. Erst nach
langen Jahren in der Krankenhausverwaltung und in der
Kriminalabteilung des Innenministeriums konnte sie sich
ab 1962 der Schriftstellerei widmen.
Weitere Titel (Auszug):
Der Beigeschmack des Todes
Vorsatz und Begierde
Tod eines Sachverständigen
Wer sein Haus auf Sünden baut
Was gut und böse ist
Tod
an heiliger Stätte
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