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16.09.03

P.D. James liest aus "The Murder Room" und "Death of an Expert Witness" - und Diskussion mit Dr. Adrian Linacre zum Thema Forensik

Berlin, 15. September 2003, British Council
Im Rahmen des 3. Internationalen Literaturfestivals Berlin

Moderation: Bernhard Robben

 

 



Das British Council hat auch in diesem Jahr im Rahmen des ILB eine eigene Veranstaltungsreihe organisiert; in diesem Jahr steht sie unter dem Schwerpunkt "Science and Fiction". Aus diesem Grund war nicht nur die "Queen of Crime", PD James, eingeladen, sondern auch Dr. Adrian Linacre, der als Forensiker tätig ist.

Nachdem ein großer Andrang für diese Lesung zu erwarten war, das BC auf meinem Heimweg liegt und ich ohnehin ein Buch dabei hatte, war ich schon relativ früh da und habe auch ein wenig von den Vorbereitungsarbeiten miterlebt. Es ist für mich nun wirklich nicht die erste Lesung im British Council; aber noch nie vorher habe ich gesehen, dass die Mitarbeiter so hektisch und gereizt waren wie hier. Die Nerven lagen blank, es gab genug Gekabbel im Hintergrund - doch als die Lesung dann begann, war das alles vergessen.

Frenetischer Applaus empfing PD James - die beiden Herren an ihrer Seite waren zwar präsent, aber für das Publikum im ersten Moment unwichtig. Dann hat Bernhard Robben (der unter anderem Abbitte von Ian McEwan übersetzt hat) eine sehr launige Vorstellung der Autorin vorgetragen; im Stil eines Steckbriefs wurden sowohl ihr Lebenslauf, ihre persönliche Erscheinung (sie mag Ihnen wie eine sanfte Großmutter erscheinen, doch täuschen Sie sich nicht, sie mordet für ihren Lebensunterhalt) und dann auch noch eine elegante Überleitung zu ihrem Ermittler, Adam Dalgliesh, dem Publikum nahe gebracht. Dafür gab es dann auch verdienten Applaus, viel Gelächter, auch von der Autorin.

Diese bedankt sich artig, erzählt, dass sie bereits das dritte Mal in Berlin ist, und erzählt dann kurz soviel zum Plot ihres neuesten Buches "The Murder Room" wie nötig ist, um die dann vorgelesene Szene zu verstehen. Das macht sie mit sehr viel Witz und Tempo, wie sie überhaupt einen sehr gut gelaunten Eindruck macht. 

Weil es doch um Forensik und Sachverständige geht, liest sie danach noch aus einem viel älteren Buch, "Death of an Expert Witness" - und zwar eine Szene, als sich ein paar Sachverständige über Expertengutachten vor Gericht unterhalten. Dass es bei ihren Büchern so viel zu lachen gibt, war mir beim Lesen ehrlich gesagt bislang noch gar nicht aufgefallen; diese Szene hat aber nicht nur mir mehr als ein Schmunzeln entlockt.

Dann wollte sie gleich zur Diskussion überleiten und hat eine Frage zu Blut, DNA und den neuen forensischen Methoden gestellt; doch so weit war man noch nicht im Programm, und mit viel Taktgefühl hat der Moderator es geschafft, nun auch Dr. Adrian Linacre vorzustellen. Dabei wurden eine ganze Menge Abkürzungen verwendet, die seinen Lebenslauf kennzeichnen; ehrlich gesagt, hab ich es nicht geschafft, mir auch nur ein bisschen was davon zu merken. Soviel glaube ich allerdings verstanden zu haben, dass er in Glasgow als Forensiker arbeitet und das auch an der Univeristät unterrichtet. 

Kaum zu glauben - aber was Geschichten erzählen angeht, kann dieser Mann es mit der Krimikönigin locker aufnehmen!

Wer jemals CSI oder ähnliche Serien gesehen hat, soll das daraus erworbene Wissen lieber schnell wieder vergessen; so wie hier läuft es niemals ab. Dann nennt er gleich noch das beste Beispiel, wie man es NICHT machen sollte: Der Fall OJ Simpson. 

Und dann gehts los. Die DNA von 2,9 Mio UK-Bewohnern sind in einer Datenbank gespeichert - und kaum jemand aus der Bevölkerung weiß darüber Bescheid. Die Einführung einer Identity Card hat man mit der Angst, nicht überwacht werden zu wollen, verhindert, doch Daten, die zur Aufklärung sonst aussichtsloser Fälle beitragen können, werden gespeichert. 

Erst vor 2 Wochen ist das Gesetz gefallen, wonach man für ein Vergehen auch nur einmal belangt werden kann; durch die neuen Entwicklungen in der Forensik kann man nun auch noch Fälle aufklären, die 30, 40 Jahre zurück liegen. Nachdem ein Fall, wenn er nicht endgültig geklärt ist, in Großbritannien immer offen bleibt, werden auch die dazugehörigen Beweismittel aufbewahrt. Gerade in den letzten Jahren wurden auf diese Weise einige Fälle aufgerollt und zum Abschluss gebracht, die ohne diese neuen Ermittlungsmethoden wohl ungelöst geblieben wären. 

Ob DNA-Proben ohne Einwilligung genommen werden dürfen, fragt PD James dann? Wenn man Verdächtiger in einem Fall ist, dann ist man verpflichtet, in die Entnahme dieser Probe einzuwilligen, zumindest seit 1999. Zwei Proben werden entnommen; eine wird analysiert, die andere tiefgekühlt aufbewahrt. Zuständig dafür ist der Forensic Science Service, der als etwas vertrauenswürdiger als die Polizei gilt. Dabei werden nur je 20 Zahlen gespeichert, aus denen allerdings keine Kenntnisse wie äußere Erscheinung, Erbkrankheiten etc. gewonnen werden können.

Bis 1999 wurden nach Abschluss eines Falles die Proben der Unschuldigen zerstört; doch dann kam Tony Blair und benannte die Datenbank von "Criminal" in "National" um, seither bleiben sie drin, und sie wächst wöchentlich um ca. 5000 Proben an. Irgendwann in nicht allzuferner Zukunft, ist sich Linacre sicher, wird von jedem neugeborenen Baby gleich eine DNA-Probe entnommen werden; so furchtbar sich das im ersten Moment auch anhört, steckt für ihn doch auch ein Kern Fairness drin; entweder man speichert nur die Daten von Kriminellen - oder eben alle. 


Bei Gerichtsaussagen versteigen sich die Gutachter aber nie zu einer Aussage "dieses Blut ist von..." sondern geben nur Wahrscheinlichkeiten an; schließlich gibt es die - wenn auch sehr geringe - Option, dass man auf einen von 5 Mio trifft, der eine identische DNA vorweisen kann. Ansonsten ist das nur bei eineiigen Zwillingen möglich. Der einzige Bug in diesem System, wie Linacre meint. 

Ihr Adam Dalgliesh verspürt gerade bei Fällen, in denen es um ein Kind geht, doch auch sehr starken Ärger, Wut und Hilflosigkeit - ob es ihm ähnlich gehe, will PD James dann wissen. 

Nein, lautet die Antwort. Er wird zu einem Mordschauplatz gerufen, lässt sich nach Möglichkeit keinerlei Details von den ermittelnden Beamten geben, streift seine Schutzkleidung über und beginnt mit seiner Untersuchung. Dabei kommt es auf das Muster von Blutspritzern an, aus denen man Einschlagwinkel, Kraftanwendung etc. lesen kann - nein, er trennt das Opfer vom Fall, und für ihn zählt nur der Fall. Außerdem: wenn es ihm keinen Spaß machen würde, hätte er diesen Beruf nicht gewählt. 

Dann wird es wieder lustig; denn nach Dr. Linacres Überzeugung gibt es in Schottland ein wesentlich besseres System als im Rest GBs: erstens treffen sich hier die Forensiker 14 Tage vor dem Gerichtstermin, um in ihre gegenseitigen Akten zu sehen, und zweitens gibt es hier einen Freispruch ohne Beweise, der ein sehr leichtes Wiederaufnehmen eines Falles ermöglicht. 

Ob auch Adam Dalgliesh jemals in Schottland ermitteln würde, lautet dann eine Frage aus dem Publikum. Nein, niemals, ist sich PD James sicher; sie müsst erst lange Jahre dort leben, weil für sie Lokalkolorit eben sehr wichtig wäre; und dann würde sie es wahrscheinlich trotzdem falsch machen. Außerdem, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln, wäre Dalgliesh wohl in Schottland auch nicht unbedingt willkommen.

Wenn man davon ausgeht, dass in absehbarer Zeit die DNA aller Menschen in einer Datenbank erfasst wäre - wäre das nicht gleichzeitig das Ende des Krimis? Schließlich könne doch dann jeder Mord sofort aufgeklärt werden.

Da widerspricht Linacre dann doch. DNA wäre genial, die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, ebenso; doch nur DNA alleine ist kein schlüssiger Beweis. Es gilt somit immer nur in Verbindung mit anderen, stichhaltigen Beweisen. 

Und PD James merkt an, dass es in Krimis ja nicht unbedingt nur darum geht, wer der Mörder ist, sondern vor allem um die psychologischen Hintergründe. 

Warum es für sie eigentlich so wichtig wäre, dass ihre Bücher sachlich richtig wären? Ob das an ihrem bürokratischen Hintergrund in einer Behörde liegen würde, oder ist das ein Zugeständnis an den Leser?

Aus Respekt vor ihren Lesern würde sie gründlich recherchieren, erzählt sie dann abschließend; das wäre sie ihnen, und auch sich selbst schuldig.

Ein guter Abschlusssatz - danach gabs noch Wein und Signierstunde, und ich bin mit dem Gefühl, mich wirklich großartig unterhalten zu haben, nach Hause gefahren.      

 

Die Autorin: 


Phyllis Dorothy James
seit 1991 Baroness James of Holland Park, wurde 1920 geboren. Da ihr Mann unheilbar krank aus dem Weltkrieg zurückkehrte, musste sie für sich und die beiden Töchter selbst sorgen. Erst nach langen Jahren in der Krankenhausverwaltung und in der Kriminalabteilung des Innenministeriums konnte sie sich ab 1962 der Schriftstellerei widmen. 

Weitere Titel (Auszug):  

Der Beigeschmack des Todes

Vorsatz und Begierde

Tod eines Sachverständigen

Wer sein Haus auf Sünden baut


Was gut und böse ist


Tod an heiliger Stätte



 

© Daniela Ecker
14. September 2003
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