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Zum Konzept des Literaturfestivals gehört ein kurzer Moment Musik,
der den Besuchern die Gelegenheit geben soll, den Alltag abzustreifen
und sich auf die folgende Lesung einzustimmen.
Autor, Moderator, Übersetzerin und deutscher Sprecher saßen bereits
auf der Bühne - und nach dem obligatorischen Gong konnte die Lesung
dann beginnen.
Lars Christensen war bereits mehrmals in Berlin zur Berlinale, wenn
die Verfilmungen seiner Bücher gezeigt wurden. Den Anstoß zum
Schreiben erhielt er durch die Musik der 60er: Rock´n Roll, John
Lennon, das war seine Inspiration.
Mit seinem aktuellen Buch, "Der Halbbruder", begann er
bereits vor 20 Jahren, wusste aber bald, dass er einen sehr wichtigen
Stoff vor sich hatte und noch nicht erfahren genug war, ihn auch zu
Papier zu bringen. Familie ist in Norwegen ein sehr wichtiges Thema,
und in diesem Buch geht es um 3 Generationen einer Familie.
Das Buch beginnt mit einem Brief; dieser Brief stammt von Christensens
Großvater. Er war ein junger Seemann, der nach Grönland unterwegs
war, als er den Brief schrieb. Dieser Großvater starb vor
Christensens Geburt, aber sein Vater hatte ihm diesen Brief als Kind
immer wieder vorgelesen. Es ist ein Brief wie eine Liebesgeschichte,
ein Brief, der ihn vielleicht zum Schriftsteller gemacht hat.
Die Namen der beiden Brüder in Christensens Buch sind sehr sprechend;
der eine bedeutet "Friede", während der andere nach einem
Zirkuskönig benannt ist. Dieser letztere, Barnum, ist der kleinste
Mann Oslos, was für die Erzählung sehr wichtig ist.
Dann wird vorgelesen: und zwar der Teil des Buches, in dem der Vater
durch einen Diskus getötet wird - einem Diskus, der von seinem Sohn
geschleudert wird. Ein Unfall...
Das vorgelesene Kapitel ist eigentlich recht lang, hat mich aber so
gefangen genommen, dass ich seither weiß: dieses Buch will ich
unbedingt lesen.
Die Fragestunde beginnt, und der Moderator fängt mit dem Thema
Familie an: wie groß die Bedeutung für die jungen norwegischen
Schriftsteller wäre? Wenn man sich ansieht, dass in Norwegen der
Großteil des Geldes für Möbel, für Wohnen, und in Italien für
Kleidung ausgegeben wird, dann erklärt das nach Christensens Ansicht
auch die Bedeutung der Familie. In Norwegen lebt man, anders als in
den heißen Ländern, nach innen, entsprechend wichtig ist auch die
Familie.
In diesem Buch spielen Mütter eine sehr wichtige Rolle - während die
Väter vor allem durch ihre Abwesenheit wichtig werden.
Christensen sieht sich selbst als sehr regionalen Schreiber, weshalb
er seine Bücher auch in Oslo ansiedelt, einer Stadt, die er kennt,
weil er hier auch seine Charaktere, seine Geschichten findet. Er hat
als Kind zum Beispiel immer erzählen gehört, dass ein alter Mann
nachts im Park Pferde begrub, die er hier auch verarbeitet hat.
Ob es Missverständnisse mit ausländischen Lesern gäbe, die
glaubten, genug über das Land zu wissen und dann durch den regionalen
Bezug die eigentliche Bedeutung nicht erkennen würden?
Für einen norwegischen Schriftsteller ist es ein Privileg, übersetzt
zu werden - und trotz des regionalen Schwerpunkts ist die Literatur
sicher auch in anderen Ländern ohne Schwierigkeiten verständlich.
Nachdem der Autor in Zusammenhang mit den Übersetzungen von den
Beschränkungen der norwegischen Sprache gefragt wird, erklärt er,
dass er keinesfalls die Sprache an sich als "beschränkt"
empfinden würde - aber es gäbe nun einmal nur 5 Millionen Menschen,
die diese Sprache aktiv sprechen.
Ob er in Alt- oder Neunorwegisch schreibe? In Neunorwegisch, das wohl
mit unserem Hochdeutsch vergleichbar ist.
Auch in einem seiner anderen Bücher, "Der
Alleinunterhalter", ist der Protagonist kein strahlender Held; ob
das sein Thema wäre? Nachtmenschen, Looser - das sind seine Figuren,
aus dem einfachen Grund, weil erfolgreiche Menschen langweilig sind,
und daher nur für ein kurzes Buch Stoff bieten würden. Aber er
versucht, in seinen Büchern Trauer und Heiterkeit zu vereinen.
Wichtige Autoren, die ihn geprägt hätten? Das waren vor allem die
Texter der Musik seiner Zeit, aber auch Knut Hamsum. Er liest viel -
wie wahrscheinlich alle Schriftsteller, meint er.
In Norwegen ist er auch als Dichter bekannt; ob er Romane für
wichtiger halte als Poesie? Sie erreichen auf jeden Fall mehr Leser,
egal ob in Deutschland oder Norwegen; Christensen versucht aber immer
auch ein Dichter zu sein, wenn er seine Geschichten erzählt.
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Der
Autor:
Lars Sabyee Christensen,
1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Er publizierte zehn Romane, zwei Sammlungen seiner Kurzgeschichten und neun Gedichtbände.Der Durchbruch in Norwegen gelang ihm 1984 mit seinem Roman Yesterday. Seine Bücher sind vielfach preisgekrönt und wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Titel (Auszug):
Der Halbbruder
Der Alleinunterhalter
Yesterday
Der Joker sticht
Der eifersüchtige Friseur und andere Helden
Der falsche Tote
Herman
Zeig´s ihnen, Otto
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