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08.10.03

Lars Sabyee Christensen liest aus "Der Halbbruder"

Berlin, 15. September 2003, Sophiensäle
Im Rahmen des 3. Internationalen Literaturfestivals Berlin

Moderation: Gernot Wolfram
Deutscher Sprecher: Roland Schäfer

 

 



Zum Konzept des Literaturfestivals gehört ein kurzer Moment Musik, der den Besuchern die Gelegenheit geben soll, den Alltag abzustreifen und sich auf die folgende Lesung einzustimmen. 

Autor, Moderator, Übersetzerin und deutscher Sprecher saßen bereits auf der Bühne - und nach dem obligatorischen Gong konnte die Lesung dann beginnen. 

Lars Christensen war bereits mehrmals in Berlin zur Berlinale, wenn die Verfilmungen seiner Bücher gezeigt wurden. Den Anstoß zum Schreiben erhielt er durch die Musik der 60er: Rock´n Roll, John Lennon, das war seine Inspiration.

Mit seinem aktuellen Buch, "Der Halbbruder", begann er bereits vor 20 Jahren, wusste aber bald, dass er einen sehr wichtigen Stoff vor sich hatte und noch nicht erfahren genug war, ihn auch zu Papier zu bringen. Familie ist in Norwegen ein sehr wichtiges Thema, und in diesem Buch geht es um 3 Generationen einer Familie.

Das Buch beginnt mit einem Brief; dieser Brief stammt von Christensens Großvater. Er war ein junger Seemann, der nach Grönland unterwegs war, als er den Brief schrieb. Dieser Großvater starb vor Christensens Geburt, aber sein Vater hatte ihm diesen Brief als Kind immer wieder vorgelesen. Es ist ein Brief wie eine Liebesgeschichte, ein Brief, der ihn vielleicht zum Schriftsteller gemacht hat. 

Die Namen der beiden Brüder in Christensens Buch sind sehr sprechend; der eine bedeutet "Friede", während der andere nach einem Zirkuskönig benannt ist. Dieser letztere, Barnum, ist der kleinste Mann Oslos, was für die Erzählung sehr wichtig ist.

Dann wird vorgelesen: und zwar der Teil des Buches, in dem der Vater durch einen Diskus getötet wird - einem Diskus, der von seinem Sohn geschleudert wird. Ein Unfall... 

Das vorgelesene Kapitel ist eigentlich recht lang, hat mich aber so gefangen genommen, dass ich seither weiß: dieses Buch will ich unbedingt lesen. 


Die Fragestunde beginnt, und der Moderator fängt mit dem Thema Familie an: wie groß die Bedeutung für die jungen norwegischen Schriftsteller wäre? Wenn man sich ansieht, dass in Norwegen der Großteil des Geldes für Möbel, für Wohnen, und in Italien für Kleidung ausgegeben wird, dann erklärt das nach Christensens Ansicht auch die Bedeutung der Familie. In Norwegen lebt man, anders als in den heißen Ländern, nach innen, entsprechend wichtig ist auch die Familie.

In diesem Buch spielen Mütter eine sehr wichtige Rolle - während die Väter vor allem durch ihre Abwesenheit wichtig werden. 

Christensen sieht sich selbst als sehr regionalen Schreiber, weshalb er seine Bücher auch in Oslo ansiedelt, einer Stadt, die er kennt, weil er hier auch seine Charaktere, seine Geschichten findet. Er hat als Kind zum Beispiel immer erzählen gehört, dass ein alter Mann nachts im Park Pferde begrub, die er hier auch verarbeitet hat.

Ob es Missverständnisse mit ausländischen Lesern gäbe, die glaubten, genug über das Land zu wissen und dann durch den regionalen Bezug die eigentliche Bedeutung nicht erkennen würden?
Für einen norwegischen Schriftsteller ist es ein Privileg, übersetzt zu werden - und trotz des regionalen Schwerpunkts ist die Literatur sicher auch in anderen Ländern ohne Schwierigkeiten verständlich.

Nachdem der Autor in Zusammenhang mit den Übersetzungen von den Beschränkungen der norwegischen Sprache gefragt wird, erklärt er, dass er keinesfalls die Sprache an sich als "beschränkt" empfinden würde - aber es gäbe nun einmal nur 5 Millionen Menschen, die diese Sprache aktiv sprechen. 

Ob er in Alt- oder Neunorwegisch schreibe? In Neunorwegisch, das wohl mit unserem Hochdeutsch vergleichbar ist.

Auch in einem seiner anderen Bücher, "Der Alleinunterhalter", ist der Protagonist kein strahlender Held; ob das sein Thema wäre? Nachtmenschen, Looser - das sind seine Figuren, aus dem einfachen Grund, weil erfolgreiche Menschen langweilig sind, und daher nur für ein kurzes Buch Stoff bieten würden. Aber er versucht, in seinen Büchern Trauer und Heiterkeit zu vereinen.

Wichtige Autoren, die ihn geprägt hätten? Das waren vor allem die Texter der Musik seiner Zeit, aber auch Knut Hamsum. Er liest viel - wie wahrscheinlich alle Schriftsteller, meint er. 

In Norwegen ist er auch als Dichter bekannt; ob er Romane für wichtiger halte als Poesie? Sie erreichen auf jeden Fall mehr Leser, egal ob in Deutschland oder Norwegen; Christensen versucht aber immer auch ein Dichter zu sein, wenn er seine Geschichten erzählt. 

      

 

Der Autor: 

Lars Sabyee Christensen

1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Er publizierte zehn Romane, zwei Sammlungen seiner Kurzgeschichten und neun Gedichtbände.Der Durchbruch in Norwegen gelang ihm 1984 mit seinem Roman Yesterday. Seine Bücher sind vielfach preisgekrönt und wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. 

Titel (Auszug):  

Der Halbbruder

Der Alleinunterhalter

Yesterday

Der Joker sticht

Der eifersüchtige Friseur und andere Helden

Der falsche Tote

Herman

Zeig´s ihnen, Otto

 

© Daniela Ecker
8. Oktober 2003
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