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Das internationale Literaturfestival bringt auch Ali Smith bereits zum
zweiten Mal in diesem Jahr nach Berlin; auch diesmal, obwohl es ein
Nachmittag ist, ist der kleine Veranstaltungsraum im British Council
gut gefüllt.
Ziemlich allein gelassen sitzt sie diesmal an dem Tisch und beginnt zu
lesen - den Beginn aus ihrem Roman, "Hotel World". Das ist
ein sehr sprachverliebter, kunstvoller Text, der natürlich gerade im
Vortrag auch gewinnt; doch Ali liest nicht so gern aus Texten, die sie
schon länger abgeschlossen hat.
Ihr nächster Text ist entsprechend eine Erzählung, die sie erst
diesen Sommer im Auftrag einer Zeitung geschrieben hat. Ein seltsames
Paket wird dabei angeliefert, die Adresse stimmt, aber der Name nicht;
und der/die neurotische Empfänger (bei Alis Protagonisten kann man
nie so genau sagen, ob sie nun männlich oder weiblich sind) fühlt
sich von diesem Paket bedroht. Als ihr(e) Partner(in) dann abends nach
Hause kommt, beschließen sie, dass das Paket ja auch beschädigt
angekommen sein könnte, und öffnen es. Ein schlimmer Geruch steigt
daraus aus - schmutzige Kleider, und ein Zettel mit einer seltsamen
Botschaft. Im zweiten Teil erinnert sich dann einer der beiden an die
Jugend, daran, wie er/sie zum erstenmal verliebt war, in ein junges
Mädchen, das immer mit dem Gewehr in der Hand angetroffen wurde.
Angefreundet hatte man sich mit der kleinen, nicht ganz so
ansehnlichen Schwester, um dann irgendwann die Gelegenheit zu nutzen,
in den Garten zur schießenden Schwester zu entkommen. Bis zu einem
Samstag, als alles anders war, als Angela gar nicht erst mit ihm
sprach, sondern gleich zur Schwester ins Zimmer schob, wo die Aufgabe
dann war, ein Eichhörnchen in einer Falle zu erschießen. Den dritten
Teil habe ich nicht so ganz verstanden - und der Rest des Publikums
wahrscheinlich auch nicht so recht, denn die Autorin hatte uns danach
gefragt, was wir davon halten, ob es dazu irgendwelche Anmerkungen
gäbe, ob der Text, vorgelesen, funktionieren würde. Schweigen. Dann
kam die Aussage, sie möge doch noch ein paar Sekunden Zeit lassen,
damit man noch darüber nachdenken könne, und auch danach kam nichts.
Dann wurde uns noch eine Erzählung aus "The Whole Story and
Other Stories" vorgelesen, eine Weihnachtsgeschichte, die mich
allerdings nicht so ganz überzeugt hatte.
Die darauffolgende Fragestunde musste die Autorin auch selbst
moderieren; auf die Bitte, doch etwas langsamer zu lesen hatte sie
zuvor schon geantwortet, dass ihr das leider genetisch unmöglich sei.
Sie sei eben leider kein Entertainer; und mittlerweile müssten die
Autorin in ihren Verträgen auch eine Klausel unterschreiben, dass sie
bereit wären, in der Öffentlichkeit aufzutreten.
Ob sie sich in der Tradition der schottischen Schriftsteller sähe,
kam dann die Frage von einem jungen Mann, der sich als einer ihrer
Kommilitonen herausstellte; ja.
Ob von ihrem Verlag Druck auf sie ausgeübt würde, weil sie doch
hauptsächlich Kurzgeschichten schreibe, und die Verlage Romane lieber
sähen; nein, nachdem ihr letztes Buch sich so gut verkauft hätte,
wäre dieser Druck in der nächsten Zeit von ihr genommen.
Und ob sie immer schon im Voraus wisse, ob aus einem Stoff ein Roman
oder eine Kurzgeschichte würde; nein, aber man müsse es trotzdem
beim Arbeiten wissen, weil eine Kurzgeschichte nur einen Moment
umfasse, während ein Roman, so verwinkelt und verdreht er auch
geschrieben sein möge, doch immer eine lineare Geschichte erzähle.
Und das wars dann auch schon wieder - die Stunde ist um, die nächste
Lesung hier schon angekündigt, das Publikum kommt noch zum Signieren
- nett wars wieder, aber fairerweise sollte man den Autoren doch
jemanden mit an den Tisch setzen, der die Atmosphäre ein wenig
lockert, der den Ablauf in der Hand hat, und erstmal Fragen zu stellen
beginnt, wenn das Publikum noch zu schüchtern dafür ist.
Hotel World jedenfalls muss ich langsam wirklich lesen!
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Die
Autorin:
Ali
Smith wurde 1962 in Inverness geboren. Sie studierte in Aberdeen und Cambridge englische Literatur.
Ali Smith schreibt regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für "The Scotsman" und "Times Literary Supplement". Sie lebt in Cambridge.
Für ihr Buch "Hotel World" war sie sowohl für den Booker
als auch für den Orange Prize auf der Shortlist.
Titel:
Free Love and Other Stories
Scottish Love Stories
Like
Wild Ways. New Stories About Women on the Road
Other Stories and Other Stories
Hotel World
The Whole Story and Other Stories
Mehr über eine Lesung der Autorin im
Juni 2003
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