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Auch ohne den Rahmen des Internationalen Literaturfestivals wäre eine
Lesung mit Jonathan Franzen momentan in Berlin sicher gut besucht
gewesen; an diesem 11. September war das Berliner Ensemble
ausverkauft, Karten gab es nur noch auf Warteliste. Am Ende gab es
dann zwar immer noch einige leere Plätze, aber trotzdem: eine ganze
Menge Leute hatten sich aufgemacht, Jonathan Franzen lesen zu hören.
Dabei war es nicht unbedingt das Publikum, das man sonst bei Lesungen
antrifft; Franzen lockt auch Leute an, bei denen man das Gefühl
hatte, man sollte besser nicht fragen, ob sie auch eines seiner
Bücher tatsächlich gelesen hatten, oder nur hier waren, weil Franzen
eben ein gutaussehender Autor ist, der in den Medien sehr präsent war
und auch noch ist.
Mit einer Viertelstunde Verspätung betritt dann auch endlich jemand
die Bühne - Thomas Brussig, der sich zwar selbst nicht vorstellt,
aber später doch eindeutig identifiziert werden kann. Er erklärt uns
kurz den Ablauf der Lesung, stellt Franzen in wenigen Worten vor, und
dann kommen die restlichen beiden Akteure des Abends: Franzen selbst
und Christian Brückner, der aus der deutschen Übersetzung lesen
soll.
Brückner beginnt dann auch mit einem Essay aus dem Band
"Anleitung zum Einsamsein" - Alter Plunder heißt dieser
Text, dem ich aber hier vorgelesen wenig abgewinnen konnte. Ich weiß,
dass Christian Brückner unter Hörbuchliebhabern viele Fans hat, er
ist auch die Synchronstimme von zB Robert de Niro, seine Stimme ist
tief und sonor, also eigentlich etwas, das ich sehr mag - nur bei ihm
nicht. Ich empfinde Brückners Stimme als ausgesprochen arrogant; die
Art, wie er diesen Text vorlas, trug nicht gerade dazu bei, meine
Meinung zu ändern.
Danach las Franzen selbst weiter; ein guter Vorleser, der aber
irgendwann keine Lust mehr hatte, weiterzulesen; mein Eindruck war:
lasst uns doch dieses Vorgelese sein lassen, und statt dessen zum
netten Teil übergehen, ich erzähle euch Anekdoten, ihr stellt mir
Fragen... doch so einfach ist das nicht möglich, Brussig insistiert,
dass erst noch aus der 27. Stadt (wieder von Brückner) gelesen werden
müsse. Auch dazu gibt es eine kurze Einführung von Brussig.
In der 27. Stadt geht es, wenn ich das richtig zusammenfasse,
einerseits um eine indische Polizeipräsidentin in St. Louis und
andererseits um eine Verschwörung, die das Opfer erst gar nicht als
echte Bedrohung wahrnimmt, sondern eher im Scherz sagt "es kommt
mir vor, als hätte alles sich gegen mich verschworen". Den Rest
will ich dann selbst lesen, es wird hier also sicher in den nächsten
Monaten eine Kritik in der Leselust zu finden sein.
Franzen selbst sagte dazu auf Nachfrage von Brussig, dass er sich bei
dem Plot durchaus von Kafka hätte inspirieren lassen, den er als
Autor sehr schätzt.
Überhaupt hätte er eine große Affinität zur deutschsprachigen
Literatur; er hat selbst eine Weile in Deutschland studiert,
spricht auch noch ganz gut deutsch, auch wenn er sich an diesem Abend
mehr ans Englische hält und sich damit entschuldigt, es hätte am
Vortag in Köln noch besser geklappt. Als er 1988 seinen ersten Roman,
eben diese 27. Stadt, fertiggestellt hatte, hatte er (angeblich) immer
ungeduldig darauf gewartet, dass er doch ins Deutsche übersetzt
würde, denn erst dann würde er sich als ernsthafter Schriftsteller
empfinden. Groß war dann natürlich die Enttäuschung, dass keine
Anfragen kamen für diesen Roman, und auch nicht für den nächsten,
sondern erst für seinen dritten, die Korrekturen.
Wie er sich in den letzten fünfzehn Jahre literarisch entwickelt
hätte, will Brussig dann wissen. Von Buch zu Buch wäre die Familie
stärker in den Mittelpunkt gerutscht, was Brussig zu weiteren
Lobpreisungen darüber, wie sehr in dieser soziologische Blick
Franzens beeindruckt hätte, veranlasst.
John Irving ist Ringer - das merkt man an seinen Büchern. Sie haben
sich mit Seismologie beschäftigt - das merkt man an der gerade
seismologischen Genauigkeit, mit der Franzen sich mit der Soziologie
einer amerikanischen Kleinstadt auseinandergesetzt habe, ist die
nächste Frage Brussigs, die für viel Erheiterung im Publikum
sorgt.
Franzen holt weit aus bei seiner Antwort. Als er damals nach
Deutschland kam, um zu studieren, war er auch deshalb glücklich, weil
die Literatur hier eine "Wissenschaft" ist, und sein Vater
somit eher bereit war, für die Ausbildung zu zahlen. Im Familienbund
wäre er eigentlich derjenige gewesen, der irgendwann Wissenschaftler
hätte werden sollen, und ja, er hätte tatsächlich eine Weile in
einem seismologischen Labor gearbeitet, und dabei vor allem gelernt
wie wichtig es ist, Dinge in Relation zu setzen, weil die beste
Messung nichts taugt, wenn gleich daneben ein Erdbeben stattfindet.
Dieses Erdbeben hätte der 11. September ja wohl abgegeben, meint
Brussig daraufhin; wie er denn nun - natürlich seismologisch genau -
die Veränderungen in den USA festhalten werde?
Darauf reagiert Franzen etwas ungehalten; natürlich wäre der 11.
September ein traumatischer, schlimmer Tag gewesen, doch noch
schlimmer wäre für ihn dann gewesen, ab dem 12. September immer
hören zu müssen "Die Welt wird nicht mehr sein, wie sie einmal
war" - was für ihn nicht stimmt. Er findet es auch paradox, hier
immer darauf angesprochen zu werden, denn in NY, der Stadt, die die
vielen Opfer hatte, die mit der Lücke in der Skyline lebt, wäre das
kein Thema. Da jammert man über die Bush-Regierung, DAS wäre ein
Thema!
Er habe in seinem Essayband viel über die Einsamkeit des
Schriftstellers geschrieben, meint Brussig dann weiter. Ob der
derzeitige Erfolg und damit verbundene Öffentlichkeit die Qualität
seiner zukünftigen Werke gefährden würde? "Spätestens jetzt
ist es Zeit zu gehen" meinte nach dieser Frage der junge Mann
neben mir und verlies kopfschüttelnd das BE. Franzen hatte aber auch
darauf eine Antwort. Er hätte so viele Jahre das Los eines
Schriftstellers kennen gelernt, er wüsste schon, was dieses Leben
wirklich ausmacht, da könne ihm die Aufmerksamkeit, die ihm jetzt
für kurze Zeit zuteil würde, nicht mehr so vom Boden der Realität
holen.
Und eigentlich will Franzen schon die ganze Zeit Fragen aus dem
Publikum beantworten, doch Brussig hat immer noch etwas auf Lager, bis
Franzen die Sache selbst in die Hand nimmt und sich nun mit den zum
Teil nicht minder heiteren, aber doch bei weitem nicht so peinlichen
Fragen wie Brussigs beschäftigt.
Er hätte einmal gesagt, Schriftsteller wären langweilig - ob er sich
selbst auch so sähe? Nein, natürlich nicht, eigentlich findet er
sich ganz interessant. Aber sein Leben ist nicht interessant; der Weg
vom Schreibtisch zum Sofa, um zu lesen, wäre eben nicht mit Emergency
Room zu vergleichen.
Warum kommen ausgerechnet Inder vor in der 27. Stadt? Das hat
einerseits lang zurückreichende Ursachen; während des Studiums hatte
er gemeinsam mit zwei Freunden mal ein Theaterstück geschrieben, das
im kolonialen Indien spielte, und dabei gab es einen indischen
Polizeipräsidenten. Irgendwann hätte er diese Figur aus Spaß in
eine Vorstadt von St. Louis verpflanzt; und das hatte dann ein
Eigenleben entwickelt, weil er es spannend fand, wie diese beiden
Welten dann zusammenpassen. Außerdem fand er das Wortspiel
Inder/Indianer lustig.
"Ich habe die Korrekturen nicht gelesen. Nennen Sie mir einen
Grund, warum ich das tun sollte" - "It was well reviewed."
Dann kamen noch ein paar Fragen, die ich aber schon nur noch mit
halbem Ohr mitverfolgen konnte, weil ich zu meiner nächsten
Verabredung schon deutlich mehr als das akademische Viertelstündchen
zu spät war.
Insgesamt ein Auftritt des Autors, der ihn als sympathisch, am Leser
interessiert und als geborenen Entertainer gezeigt hat; man hatte den
Eindruck, er genießt dieses Bad in der Menge, es macht ihm Spaß,
sich mit den Leuten zu unterhalten. Ob das nun tatsächlich so ist,
oder ob er einfach so professionell ist, dieses Gefühl zu vermitteln,
kann ich nicht beurteilen - auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass er
an diesem Abend noch ein paar Leserherzen dazu gewonnen hat. Daran
konnte auch Thomas Brussig nicht wirklich viel kaputt machen, der es
sicher gut gemeint hat, und sichtlich geehrt war, diese Veranstaltung
moderieren zu dürfen, aber trotzdem hauptsächlich für Lachsalven im
Publikum gesorgt hat.
Die Zitate hier sind übrigens selbstverständlich nicht wörtlich,
sondern aus meiner Erinnerung sinngemäß zusammengestellt!
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Der
Autor:
Jonathan Franzen
wurde 1959
in Western Springs / Illinois geboren, wuchs in Webser Groves/Missouri
auf, einer Vorstadt von St. Louis. Im Jahr 1988 veröffentlichte er den
Roman "The Twenty-Seventh City", 1992 einen zweiten, "Strong
Motion". Für seinen dritten Roman, "The Corrections", in
Amerika als literarische Sensation gefeiert und millionenfach verkauft,
bekam er 2001 den National Book Award verliehen. Jonathan Franzen
studierte eine Zeit lang in Berlin und München und lebt heute in New
York.
Weitere Titel:
Die 27ste Stadt
Strong Motion
Die
Korrekturen
Anleitung zum Einsamsein
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