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16.11.03

Jonathan Franzen liest aus "Anleitung zum Einsamsein" und "Die 27. Stadt"

Berlin, 11. September 2003, Berliner Ensemble
Im Rahmen des 3. Internationalen Literaturfestivals Berlin

Moderation: Thomas Brussig
Deutsche Lesung: Christian Brückner

 

 



Auch ohne den Rahmen des Internationalen Literaturfestivals wäre eine Lesung mit Jonathan Franzen momentan in Berlin sicher gut besucht gewesen; an diesem 11. September war das Berliner Ensemble ausverkauft, Karten gab es nur noch auf Warteliste. Am Ende gab es dann zwar immer noch einige leere Plätze, aber trotzdem: eine ganze Menge Leute hatten sich aufgemacht, Jonathan Franzen lesen zu hören.

Dabei war es nicht unbedingt das Publikum, das man sonst bei Lesungen antrifft; Franzen lockt auch Leute an, bei denen man das Gefühl hatte, man sollte besser nicht fragen, ob sie auch eines seiner Bücher tatsächlich gelesen hatten, oder nur hier waren, weil Franzen eben ein gutaussehender Autor ist, der in den Medien sehr präsent war und auch noch ist.

Mit einer Viertelstunde Verspätung betritt dann auch endlich jemand die Bühne - Thomas Brussig, der sich zwar selbst nicht vorstellt, aber später doch eindeutig identifiziert werden kann. Er erklärt uns kurz den Ablauf der Lesung, stellt Franzen in wenigen Worten vor, und dann kommen die restlichen beiden Akteure des Abends: Franzen selbst und Christian Brückner, der aus der deutschen Übersetzung lesen soll.

Brückner beginnt dann auch mit einem Essay aus dem Band "Anleitung zum Einsamsein" - Alter Plunder heißt dieser Text, dem ich aber hier vorgelesen wenig abgewinnen konnte. Ich weiß, dass Christian Brückner unter Hörbuchliebhabern viele Fans hat, er ist auch die Synchronstimme von zB Robert de Niro, seine Stimme ist tief und sonor, also eigentlich etwas, das ich sehr mag - nur bei ihm nicht. Ich empfinde Brückners Stimme als ausgesprochen arrogant; die Art, wie er diesen Text vorlas, trug nicht gerade dazu bei, meine Meinung zu ändern.  

Danach las Franzen selbst weiter; ein guter Vorleser, der aber irgendwann keine Lust mehr hatte, weiterzulesen; mein Eindruck war: lasst uns doch dieses Vorgelese sein lassen, und statt dessen zum netten Teil übergehen, ich erzähle euch Anekdoten, ihr stellt mir Fragen... doch so einfach ist das nicht möglich, Brussig insistiert, dass erst noch aus der 27. Stadt (wieder von Brückner) gelesen werden müsse. Auch dazu gibt es eine kurze Einführung von Brussig.

In der 27. Stadt geht es, wenn ich das richtig zusammenfasse, einerseits um eine indische Polizeipräsidentin in St. Louis und andererseits um eine Verschwörung, die das Opfer erst gar nicht als echte Bedrohung wahrnimmt, sondern eher im Scherz sagt "es kommt mir vor, als hätte alles sich gegen mich verschworen". Den Rest will ich dann selbst lesen, es wird hier also sicher in den nächsten Monaten eine Kritik in der Leselust zu finden sein.

Franzen selbst sagte dazu auf Nachfrage von Brussig, dass er sich bei dem Plot durchaus von Kafka hätte inspirieren lassen, den er als Autor sehr schätzt. 

Überhaupt hätte er eine große Affinität zur deutschsprachigen Literatur;  er hat selbst eine Weile in Deutschland studiert, spricht auch noch ganz gut deutsch, auch wenn er sich an diesem Abend mehr ans Englische hält und sich damit entschuldigt, es hätte am Vortag in Köln noch besser geklappt. Als er 1988 seinen ersten Roman, eben diese 27. Stadt, fertiggestellt hatte, hatte er (angeblich) immer ungeduldig darauf gewartet, dass er doch ins Deutsche übersetzt würde, denn erst dann würde er sich als ernsthafter Schriftsteller empfinden. Groß war dann natürlich die Enttäuschung, dass keine Anfragen kamen für diesen Roman, und auch nicht für den nächsten, sondern erst für seinen dritten, die Korrekturen.

Wie er sich in den letzten fünfzehn Jahre literarisch entwickelt hätte, will Brussig dann wissen. Von Buch zu Buch wäre die Familie stärker in den Mittelpunkt gerutscht, was Brussig zu weiteren Lobpreisungen darüber, wie sehr in dieser soziologische Blick Franzens beeindruckt hätte, veranlasst.

John Irving ist Ringer - das merkt man an seinen Büchern. Sie haben sich mit Seismologie beschäftigt - das merkt man an der gerade seismologischen Genauigkeit, mit der Franzen sich mit der Soziologie einer amerikanischen Kleinstadt auseinandergesetzt habe, ist die nächste Frage Brussigs, die für viel Erheiterung im Publikum sorgt. 

Franzen holt weit aus bei seiner Antwort. Als er damals nach Deutschland kam, um zu studieren, war er auch deshalb glücklich, weil die Literatur hier eine "Wissenschaft" ist, und sein Vater somit eher bereit war, für die Ausbildung zu zahlen. Im Familienbund wäre er eigentlich derjenige gewesen, der irgendwann Wissenschaftler hätte werden sollen, und ja, er hätte tatsächlich eine Weile in einem seismologischen Labor gearbeitet, und dabei vor allem gelernt wie wichtig es ist, Dinge in Relation zu setzen, weil die beste Messung nichts taugt, wenn gleich daneben ein Erdbeben stattfindet.

Dieses Erdbeben hätte der 11. September ja wohl abgegeben, meint Brussig daraufhin; wie er denn nun - natürlich seismologisch genau - die Veränderungen in den USA festhalten werde? 

Darauf reagiert Franzen etwas ungehalten; natürlich wäre der 11. September ein traumatischer, schlimmer Tag gewesen, doch noch schlimmer wäre für ihn dann gewesen, ab dem 12. September immer hören zu müssen "Die Welt wird nicht mehr sein, wie sie einmal war" - was für ihn nicht stimmt. Er findet es auch paradox, hier immer darauf angesprochen zu werden, denn in NY, der Stadt, die die vielen Opfer hatte, die mit der Lücke in der Skyline lebt, wäre das kein Thema. Da jammert man über die Bush-Regierung, DAS wäre ein Thema!

Er habe in seinem Essayband viel über die Einsamkeit des Schriftstellers geschrieben, meint Brussig dann weiter. Ob der derzeitige Erfolg und damit verbundene Öffentlichkeit die Qualität seiner zukünftigen Werke gefährden würde? "Spätestens jetzt ist es Zeit zu gehen" meinte nach dieser Frage der junge Mann neben mir und verlies kopfschüttelnd das BE. Franzen hatte aber auch darauf eine Antwort. Er hätte so viele Jahre das Los eines Schriftstellers kennen gelernt, er wüsste schon, was dieses Leben wirklich ausmacht, da könne ihm die Aufmerksamkeit, die ihm jetzt für kurze Zeit zuteil würde, nicht mehr so vom Boden der Realität holen.

Und eigentlich will Franzen schon die ganze Zeit Fragen aus dem Publikum beantworten, doch Brussig hat immer noch etwas auf Lager, bis Franzen die Sache selbst in die Hand nimmt und sich nun mit den zum Teil nicht minder heiteren, aber doch bei weitem nicht so peinlichen Fragen wie Brussigs beschäftigt.

Er hätte einmal gesagt, Schriftsteller wären langweilig - ob er sich selbst auch so sähe? Nein, natürlich nicht, eigentlich findet er sich ganz interessant. Aber sein Leben ist nicht interessant; der Weg vom Schreibtisch zum Sofa, um zu lesen, wäre eben nicht mit Emergency Room zu vergleichen. 

Warum kommen ausgerechnet Inder vor in der 27. Stadt? Das hat einerseits lang zurückreichende Ursachen; während des Studiums hatte er gemeinsam mit zwei Freunden mal ein Theaterstück geschrieben, das im kolonialen Indien spielte, und dabei gab es einen indischen Polizeipräsidenten. Irgendwann hätte er diese Figur aus Spaß in eine Vorstadt von St. Louis verpflanzt; und das hatte dann ein Eigenleben entwickelt, weil er es spannend fand, wie diese beiden Welten dann zusammenpassen. Außerdem fand er das Wortspiel Inder/Indianer lustig.

"Ich habe die Korrekturen nicht gelesen. Nennen Sie mir einen Grund, warum ich das tun sollte" - "It was well reviewed."

Dann kamen noch ein paar Fragen, die ich aber schon nur noch mit halbem Ohr mitverfolgen konnte, weil ich zu meiner nächsten Verabredung schon deutlich mehr als das akademische Viertelstündchen zu spät war.

Insgesamt ein Auftritt des Autors, der ihn als sympathisch, am Leser interessiert und als geborenen Entertainer gezeigt hat; man hatte den Eindruck, er genießt dieses Bad in der Menge, es macht ihm Spaß, sich mit den Leuten zu unterhalten. Ob das nun tatsächlich so ist, oder ob er einfach so professionell ist, dieses Gefühl zu vermitteln, kann ich nicht beurteilen - auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass er an diesem Abend noch ein paar Leserherzen dazu gewonnen hat. Daran konnte auch Thomas Brussig nicht wirklich viel kaputt machen, der es sicher gut gemeint hat, und sichtlich geehrt war, diese Veranstaltung moderieren zu dürfen, aber trotzdem hauptsächlich für Lachsalven im Publikum gesorgt hat.

Die Zitate hier sind übrigens selbstverständlich nicht wörtlich, sondern aus meiner Erinnerung sinngemäß zusammengestellt! 

  Der Autor:

Jonathan Franzen  
wurde 1959 in Western Springs / Illinois geboren, wuchs in Webser Groves/Missouri auf, einer Vorstadt von St. Louis. Im Jahr 1988 veröffentlichte er den Roman "The Twenty-Seventh City", 1992 einen zweiten, "Strong Motion". Für seinen dritten Roman, "The Corrections", in Amerika als literarische Sensation gefeiert und millionenfach verkauft, bekam er 2001 den National Book Award verliehen. Jonathan Franzen studierte eine Zeit lang in Berlin und München und lebt heute in New York.


Weitere Titel

Die 27ste Stadt


Strong Motion

Die Korrekturen


Anleitung zum Einsamsein 

© Daniela Ecker
14. September 2003
LESELUST

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