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Dussmann lädt ein zur Lesung - um 18:00 Uhr, also sehr früh, soll
der Gewinner des Booker-Preises
2002, Yann Martel, aus seinem Buch "Schiffbruch mit
Tiger" lesen. Der Einladung hat eine ausreichende Menge Leser
Folge geleistet - der Raum ist gut gefüllt, auch wenn ich hier schon
mehr Gedränge erlebt habe.
Die Lesung beginnt dann auch ziemlich pünktlich - drei Herren
betreten die Bühne, und ich muss zweimal hinsehen, um den Mann im
blauen Hemd als Yann Martel zu identifizieren. Dass die wilde dunkle
Mähne, die auf den bekannten Werbepostern meist zu sehen ist, schon
seit längerer Zeit einem Kurzhaarschnitt gewichen ist, war mir ja
bekannt - aber ich dachte, ich hätte genug Bilder gesehen, um ihn auf
der Straße zu erkennen. Yann Martel gehört aber meiner Meinung nach
zu den Menschen, die auf Bildern anders wirken als von Angesicht zu
Angesicht - zumindest, solange er nicht spricht. Der Mann, der hier
vor dem gespannten Publikum Platz nahm, wirkte im ersten Augenblick
eher gelangweilt und nichtssagend. Sobald er dann aber spricht, oder
auch nur konzentriert zuhört, verwandelt sich das Gesicht, tauchen
Lachfältchen aus, blitzen die tatsächlich sehr blauen Augen, und man
spürt seine Präsenz.
Hans-Jürgen
Balmes, Leiter internationale Literatur bei S. Fischer, stellt den
Autor kurz vor und erzählt ein wenig darüber, dass er selbst
überrascht war, so viele kanadische Autoren in seinem Programm zu
haben - und dass ihre Nachnamen alle mit einem M beginnen würden.
Aber so nett und kurzweilig er den Autor auch vorstellt, man merkt
doch: das Publikum will den Autor lesen hören. Fotoapparate blitzen,
es ist unruhig, und dann ist er endlich am Wort: der Autor.
Nachdem das Kapitel, das er zu lesen beginnt, die Einführung des
Autors im Buch ist und daher wenig Erklärung bedarf, beginnt er
gleich zu lesen; nach einiger Zeit setzt Ilja Richter die Lesung dann
auf Deutsch fort.
Sie wechseln sich noch mehrmals ab, wir hören den Anfang, dann ein
Gespräch zwischen den drei Vertretern der Religionen, die Pi ausübt,
und dann noch eine Szene auf dem Rettungsboot.
Souverän gelingen die Übergänge zwischen englisch und deutsch; man
merkt, dass Martel und Richter jetzt schon seit längerer Zeit auf
gemeinsamer Lesereise sind. Ilja Richter hat auch die deutsche
Hörbuchversion gesprochen; sein Vortrag ist zwar sehr lebendig und
gut intoniert, aber leider hat er eine Stimme, der ich nicht so lange
zuhören mag. Das ist natürlich Geschmackssache - und in diesem Fall
bevorzuge ich die etwas tiefere Stimme des Autors. Dessen Vortrag
gefällt mir besser als die Richters; da ich persönlich es bevorzuge,
wenn man den Text für sich wirken lässt und nicht ganz so
theatralisch liest, kam er meinen Neigungen hier entgegen.
Nach
einer guten halben Stunde endet die Vorlesezeit; das Publikum soll nun
Fragen stellen, aber es bleibt stumm. Das hatte der Autor wohl auch
schon während der Lesung vermutet; während Ilja Richter die deutsche
Fassung las, konnte man Martel dabei beobachten, wie er das ziemlich
apathische Publikum etwas zweifelnd musterte.
Nachdem so gar nichts kam, habe ich mich dann selbst zu Wort gemeldet,
obwohl Fragen stellen so gar nicht meine Stärke ist.
Ob er seine Geschichte mittlerweile satt hätte, da er sie seit der Booker-Verleihung
so oft hätte vorlesen müssen, fragte ich ihn.
Eigentlich hätte er sie schon viel länger satt, lautete seine
Antwort - schließlich sei das Buch vor mittlerweile fast zwei Jahren
erschienen und er hätte damit eigentlich bereits abgeschlossen
gehabt. Zudem war das Veröffentlichungsdatum kein Tag, an den man
sich gerne erinnert: der 9. September 2001. Aber der Gewinn des Booker
Prize hätte ihm so viele Türen geöffnet, ihn auf der Lesereise
auch an so viele Orte geführt, die er sonst wohl nicht so rasch
hätte besuchen können, dass er die Story wieder alles andere als
satt hätte. Nein, eigentlich nicht - war dann auch die finale
Aussage.
Wohin er nach dem Ende seiner Gastprofessur in Berlin gehen würde?
Diese Professur endete im Februar, seither ist er auf Lesereise, aber
danach will er nach Kanada zurück. Aber er will auf alle Fälle noch
einmal nach Berlin, es hat ihm hier gut gefallen - vor allem, seit er
es jetzt erstmals im Sommer erlebt hat, denn die Wintermonate waren ja
doch etwas grau.
Wie viel von "Schiffbruch mit Tiger" denn wahr wäre,
lautete eine andere Frage, die sich dann doch noch jemand zu stellen
wagte.
Das wäre die Frage, die er am häufigsten zu hören bekäme, lautete
die Antwort; seine Standardantwort darauf: "Fiction is Art. And
Art is always True". Ilja Richter weiß dazu auch noch ein sehr
gutes Zitat nachzuliefern: "Eine Geschichte muss nicht wahr sein,
sie muss nur stimmen" (sinngemäß zitiert).
Ob er an einem neuen Buch schreibe? Würde er gerne, aber seit der
Verleihung des Booker hat er dafür keine Zeit mehr.
Das sind genug Fragen, wird befunden - wie immer bei Dussmann ist man
bemüht, die Veranstaltung nicht in die Länge zu ziehen, die Besucher
sollen ihre Bücher signieren lassen und vorher natürlich
kaufen.
Zum Schluss habe ich den Autor noch darum gebeten, kurz für ein Foto
still zu halten - und für mich auch die Brille nochmals aufzusetzen,
was er auch getan hat. Sympathischer Mensch, (erwähnte ich schon die
sehr blauen Augen?), sehr selbstbewusst, aber obwohl ich das Buch
nicht ungern gelesen habe - einmal reicht, habe ich nach dieser Lesung
beschlossen. Und ich bin auch froh, die englische Version gelesen zu
haben - auch wenn meiner Meinung nach die Übersetzung ganz gut
gelungen ist, bin ich doch über manche Formulierungen gestolpert, die
ich im Englischen als weniger harsch empfunden habe.
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Der
Autor:
Yann Martel
wurde 1963 in Spanien von Kanadischen Eltern geboren. Er wuchs in Alsaska,
British Columbia, Costa Rica, Frankreich, Ontario und Mexiko, und
blieb auch als Erwachsener ein Reisender, der viel Zeit im Iran, der
Türkei und Indien verbracht hat. Nach seinem Philosophiestudium an der
Trent Universtiy, und nachdem er sich als Baumpflanzer, Tellerwäscher und
Sicherheitsdienst verdingt hatte - begann er zu schreiben. Yann Martel
lebt normalerweise in Montreal, hatte von Oktober 2002 - Februar 2003 eine Gastprofessur
an der Freien Universtität Berlin inne und will nach dem Ende seiner
Lesereise wieder nach Kanada zurück. 2002 erhielt er für
"Life of Pi" den Booker-Prize.
Weitere Titel:
Facts behind Helsinki
Self
Life
of Pi (Schiffbruch mit Tiger)
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