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19.06.03

Yann Martel liest aus "Schiffbruch mit Tiger" (Life of Pi)

Berlin, 18. Juni 2003, Kulturkaufhaus Dussmann
Aus der deutschen Übersetzung liest Ilja Richter. 
Einführung von Hans-Jürgen Balmes, S. Fischer Verlag

 

 



Dussmann lädt ein zur Lesung - um 18:00 Uhr, also sehr früh, soll der Gewinner des Booker-Preises 2002, Yann Martel, aus seinem Buch "Schiffbruch mit Tiger" lesen. Der Einladung hat eine ausreichende Menge Leser Folge geleistet - der Raum ist gut gefüllt, auch wenn ich hier schon mehr Gedränge erlebt habe. 

Die Lesung beginnt dann auch ziemlich pünktlich - drei Herren betreten die Bühne, und ich muss zweimal hinsehen, um den Mann im blauen Hemd als Yann Martel zu identifizieren. Dass die wilde dunkle Mähne, die auf den bekannten Werbepostern meist zu sehen ist, schon seit längerer Zeit einem Kurzhaarschnitt gewichen ist, war mir ja bekannt - aber ich dachte, ich hätte genug Bilder gesehen, um ihn auf der Straße zu erkennen. Yann Martel gehört aber meiner Meinung nach zu den Menschen, die auf Bildern anders wirken als von Angesicht zu Angesicht - zumindest, solange er nicht spricht. Der Mann, der hier vor dem gespannten Publikum Platz nahm, wirkte im ersten Augenblick eher gelangweilt und nichtssagend. Sobald er dann aber spricht, oder auch nur konzentriert zuhört, verwandelt sich das Gesicht, tauchen Lachfältchen aus, blitzen die tatsächlich sehr blauen Augen, und man spürt seine Präsenz. 

Hans-Jürgen Balmes, Leiter internationale Literatur bei S. Fischer, stellt den Autor kurz vor und erzählt ein wenig darüber, dass er selbst überrascht war, so viele kanadische Autoren in seinem Programm zu haben - und dass ihre Nachnamen alle mit einem M beginnen würden. Aber so nett und kurzweilig er den Autor auch vorstellt, man merkt doch: das Publikum will den Autor lesen hören. Fotoapparate blitzen, es ist unruhig, und dann ist er endlich am Wort: der Autor.

Nachdem das Kapitel, das er zu lesen beginnt, die Einführung des Autors im Buch ist und daher wenig Erklärung bedarf, beginnt er gleich zu lesen; nach einiger Zeit setzt Ilja Richter die Lesung dann auf Deutsch fort. 

Sie wechseln sich noch mehrmals ab, wir hören den Anfang, dann ein Gespräch zwischen den drei Vertretern der Religionen, die Pi ausübt, und dann noch eine Szene auf dem Rettungsboot. 

Souverän gelingen die Übergänge zwischen englisch und deutsch; man merkt, dass Martel und Richter jetzt schon seit längerer Zeit auf gemeinsamer Lesereise sind. Ilja Richter hat auch die deutsche Hörbuchversion gesprochen; sein Vortrag ist zwar sehr lebendig und gut intoniert, aber leider hat er eine Stimme, der ich nicht so lange zuhören mag. Das ist natürlich Geschmackssache - und in diesem Fall bevorzuge ich die etwas tiefere Stimme des Autors. Dessen Vortrag gefällt mir besser als die Richters; da ich persönlich es bevorzuge, wenn man den Text für sich wirken lässt und nicht ganz so theatralisch liest, kam er meinen Neigungen hier entgegen.

Nach einer guten halben Stunde endet die Vorlesezeit; das Publikum soll nun Fragen stellen, aber es bleibt stumm. Das hatte der Autor wohl auch schon während der Lesung vermutet; während Ilja Richter die deutsche Fassung las, konnte man Martel dabei beobachten, wie er das ziemlich apathische Publikum etwas zweifelnd musterte. 

Nachdem so gar nichts kam, habe ich mich dann selbst zu Wort gemeldet, obwohl Fragen stellen so gar nicht meine Stärke ist. 

Ob er seine Geschichte mittlerweile satt hätte, da er sie seit der Booker-Verleihung so oft hätte vorlesen müssen, fragte ich ihn. 

Eigentlich hätte er sie schon viel länger satt, lautete seine Antwort - schließlich sei das Buch vor mittlerweile fast zwei Jahren erschienen und er hätte damit eigentlich bereits abgeschlossen gehabt. Zudem war das Veröffentlichungsdatum kein Tag, an den man sich gerne erinnert: der 9. September 2001. Aber der Gewinn des Booker Prize hätte ihm so viele Türen geöffnet, ihn auf der Lesereise auch an so viele Orte geführt, die er sonst wohl nicht so rasch hätte besuchen können, dass er die Story wieder alles andere als satt hätte. Nein, eigentlich nicht - war dann auch die finale Aussage.

Wohin er nach dem Ende seiner Gastprofessur in Berlin gehen würde? Diese Professur endete im Februar, seither ist er auf Lesereise, aber danach will er nach Kanada zurück. Aber er will auf alle Fälle noch einmal nach Berlin, es hat ihm hier gut gefallen - vor allem, seit er es jetzt erstmals im Sommer erlebt hat, denn die Wintermonate waren ja doch etwas grau. 

Wie viel von "Schiffbruch mit Tiger" denn wahr wäre, lautete eine andere Frage, die sich dann doch noch jemand zu stellen wagte. 

Das wäre die Frage, die er am häufigsten zu hören bekäme, lautete die Antwort; seine Standardantwort darauf: "Fiction is Art. And Art is always True". Ilja Richter weiß dazu auch noch ein sehr gutes Zitat nachzuliefern: "Eine Geschichte muss nicht wahr sein, sie muss nur stimmen" (sinngemäß zitiert). 

Ob er an einem neuen Buch schreibe? Würde er gerne, aber seit der Verleihung des Booker hat er dafür keine Zeit mehr. 

Das sind genug Fragen, wird befunden - wie immer bei Dussmann ist man bemüht, die Veranstaltung nicht in die Länge zu ziehen, die Besucher sollen ihre Bücher signieren lassen und vorher natürlich kaufen. 

Zum Schluss habe ich den Autor noch darum gebeten, kurz für ein Foto still zu halten - und für mich auch die Brille nochmals aufzusetzen, was er auch getan hat. Sympathischer Mensch, (erwähnte ich schon die sehr blauen Augen?), sehr selbstbewusst, aber obwohl ich das Buch nicht ungern gelesen habe - einmal reicht, habe ich nach dieser Lesung beschlossen. Und ich bin auch froh, die englische Version gelesen zu haben - auch wenn meiner Meinung nach die Übersetzung ganz gut gelungen ist, bin ich doch über manche Formulierungen gestolpert, die ich im Englischen als weniger harsch empfunden habe. 


  Der Autor:

Yann Martel  wurde 1963 in Spanien von Kanadischen Eltern geboren. Er wuchs in Alsaska, British Columbia, Costa Rica, Frankreich, Ontario und Mexiko,  und blieb auch als Erwachsener ein Reisender, der viel Zeit im Iran, der Türkei und Indien verbracht hat. Nach seinem Philosophiestudium an der Trent Universtiy, und nachdem er sich als Baumpflanzer, Tellerwäscher und Sicherheitsdienst verdingt hatte - begann er zu schreiben. Yann Martel lebt normalerweise in Montreal, hatte von Oktober 2002 - Februar 2003 eine Gastprofessur an der Freien Universtität Berlin inne und will nach dem Ende seiner Lesereise wieder nach Kanada zurück. 2002 erhielt er für "Life of Pi" den Booker-Prize

Weitere Titel:

Facts behind Helsinki

Self

Life of Pi (Schiffbruch mit Tiger)

© Daniela Ecker
18. Juni 2003
LESELUST

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