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Bei der Fülle an mir bekannten Autoren, die hier in Berlin lesen,
geschieht es relativ selten, dass ich dann noch zu einer Veranstaltung
eines mir noch fremden Schriftstellers gehe.
Aber gerade im British Council in Berlin habe ich vergangenen Herbst
Toby Litt für mich entdeckt - ein Zufallstreffer, der sich wirklich
gelohnt hat. Dann hatte ich gelesen, dass Ali Smith für "Hotel
World" auf der Shortlist
für den Booker stand - und da auch das für mich ein starker
Anreiz ist, habe ich mich zum British Council aufgemacht.
Der kleine Raum war gut gefüllt; dem überwiegend muttersprachlichen
Publikum war die Autorin auch bekannt, was vielleicht auch damit
zusammenhängt, dass sie Creative Writing Kurse abhält - unter
anderem für das British Council.
Erst wurde die Autorin von einer jungen Dame vorgestellt, die ihren
eigenen Namen leider nicht genannt hat - was sehr schade ist, denn
ihre Vorstellung und Gesprächsführung war sehr professionell; dass
sie die Bücher der Autorin kannte, war deutlich zu erkennen. Auch
ihre spätere Gesprächsführung hat sich durch viel Empathie und
Können ausgezeichnet. (Nachtrag: Mittlerweile habe ich in Erfahrung
gebracht, dass es sich dabei um Dr Gesa Stedman handelt,
Dozentin am Großbritannien-Institut der HU)
Ali Smith wurde uns angekündigt als eine Autorin, deren Stimme uns in
Erinnerung bleiben würde - und das wird sie auch wirklich. Die
Autorin ist relativ klein, burschikos, mit Struwwelhaarschnitt und
Oberlippenbart, sehr leger gekleidet - und wenn man sie reden hört,
dann passt das auch alles zu ihr, sowohl die Art, wie sie etwas sagt,
als auch, was sie sagt. Auf gut österreichisch würde man sie eine
"Wilde Zechn" nennen.
Dem Publikum wurde freigestellt, ob sie aus ihrem Roman Hotel World
oder aus dem erst im April neu veröffentlichten Erzählungsband
"The Whole Story and Other Storys" vorlesen sollte; die
Entscheidung fiel für die Erzählungen, und so hörten wir aus dem 12
Geschichten umfassenden Band die für den Monat Mai. Um die Liebe zu
einem Baum geht es hier, erzählt aus zwei Perspektiven; die Person,
die erst immer mit "Du" adressiert wird, erzählt dann ab
etwa der Hälfte aus der eigenen Sicht weiter.
Der Stil hat mir gut gefallen - gute Beschreibungen, temporeiche
Dialoge, und vor allem: sehr viel Humor. Ihr zuzuhören war ein
Ohrgenuss: diese Erzählungen könnte ich mir wunderbar als Hörbuch
von ihr gelesen vorstellen, zumindest bei amazon habe ich aber noch
nichts dergleichen gefunden.
Nach dieser ersten Geschichte gab es ein Gespräch zwischen der
Autorin und der Moderatorin; ich versuche, ein paar der
angeschnittenen Themen so gut es mir gelingt hier zusammenzufassen.
Der Großteil von Smith´s Büchern besteht aus Kurzgeschichten; eine
Form, die sie sehr liebt, die für sie eine perfekte Kombination aus
Fiction und Poesie bedeutet. Leider gibt es auf dem britischen
Buchmarkt keinen echten Markt für Short Stories; die Erzählbände
landen meist schon kurz nach Erscheinen irgendwo in den hinteren
Winkeln der Regale, und die Leser haben gar keine Chance, darauf
aufmerksam zu werden. Auch für sie war es nicht einfach, ihre
Erzählungen zu publizieren; für die ersten beiden Bände hat sie
kaum Geld bekommen, den nächsten hat der Verlag produziert, bei dem
sie auch gearbeitet hat, und dann kam Granta und hat einen weiteren
Band herausgegeben. Mittlerweile ist sie bei Penguin gelandet, weil
ihr hier noch mehr Geld geboten wurde (wobei "mehr" nur
heißt: mittlerweile kann sie davon leben, aber ihr Geschirr wird zB
immer noch mangels Geschirrspüler von Hand gespült).

© Sarah
Wood
Nach
dem großen Erfolg von "Hotel World" hatte sie mit "The
Whole Story.." keine Probleme, ihren Verleger von einem weiteren
Erzählband zu überzeugen, aber zur Zeit arbeitet sie wieder an einem
Roman.
Andere Autoren geben an, während ihrer Schreibphasen nichts zu lesen,
weil sie sich nicht beeinflussen lassen wollen; das geht bei ihr
nicht, weil sie dauernd lesen muss.
Sie ist nicht nur Autorin, sondern auch Literaturkritikerin;
allerdings arbeitet sie kaum noch als solche. Hauptsächlich aus
Faulheit nicht mehr, aber auch, weil sie mittlerweile genau weiß,
welchen Effekt schlechte Kritiken auf sie haben. Zuerst würde sie den
Verfasser gerne schlagen, meint sie - und dann kommt die Phase, wo sie
befürchtet, er könne rechthaben, und das sei das allerschlimmste.
Die Geschichten, die in "Other Stories and Other Stories"
veröffentlicht wurden, sind geschlechtsneutral; ob sich ein Mann oder
eine Frau verliebt, ist im Wesentlichen dasselbe, für sie war es beim
Schreiben wichtig, sich in beide Geschlechterrollen einfühlen zu
können und sie offen zu gestalten. Diese Offenheit, hat sie danach
gemerkt, ist aber nur zum Teil gegeben da die Geschichten immer nur
aus einer Perspektive erzählt waren. Daher sind im neuen Buch
immer zwei Stimmen zu hören.
Das korrespondiert für sie stark mit den zwei Stimmen in einer
Erzählung, mit den beiden Lesarten; der offensichtlichen und der
unterströmigen, die miteinander in Dialog treten.
Es wurde noch mehr erzählt, es gab auch noch zwei Geschichten, die
mir ebenfalls sehr gut gefallen haben, vor allem die
September-Geschichte, die von einem Paar handelt, das an einem
Sonntagmorgen im Bett liegt und einen ziemlich aberwitzigen Dialog
beginnt. Witzig und doch sehr liebevoll und zärtlich.
Danach gabs noch Wein - und ich weiß, dass ich wieder eine Autorin
mehr habe, von der ich dringend in nächster Zeit ein Buch lesen muss.
Leider ist bislang noch keines ihrer Bücher ins Deutsche übersetzt.
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Die
Autorin:
Ali
Smith wurde 1962 in Inverness geboren. Sie studierte in Aberdeen und Cambridge englische Literatur.
Ali Smith schreibt regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für "The Scotsman" und "Times Literary Supplement". Sie lebt in Cambridge.
Für ihr Buch "Hotel World" war sie sowohl für den Booker
als auch für den Orange Prize auf der Shortlist.
Titel:
Free Love and Other Stories
Scottish Love Stories
Like
Wild Ways. New Stories About Women on the Road
Other Stories and Other Stories
Hotel World
The Whole Story and Other Stories
Mehr über eine Lesung der Autorin im
September 2003
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