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14.09.03

Ali Smith liest aus "The Whole Story and Other Stories"

Berlin, 11. Juni 2003, British Council

 

 



Bei der Fülle an mir bekannten Autoren, die hier in Berlin lesen, geschieht es relativ selten, dass ich dann noch zu einer Veranstaltung eines mir noch fremden Schriftstellers gehe.

Aber gerade im British Council in Berlin habe ich vergangenen Herbst Toby Litt für mich entdeckt - ein Zufallstreffer, der sich wirklich gelohnt hat. Dann hatte ich gelesen, dass Ali Smith für "Hotel World" auf der Shortlist für den Booker stand - und da auch das für mich ein starker Anreiz ist, habe ich mich zum British Council aufgemacht.

Der kleine Raum war gut gefüllt; dem überwiegend muttersprachlichen Publikum war die Autorin auch bekannt, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass sie Creative Writing Kurse abhält - unter anderem für das British Council.

Erst wurde die Autorin von einer jungen Dame vorgestellt, die ihren eigenen Namen leider nicht genannt hat - was sehr schade ist, denn ihre Vorstellung und Gesprächsführung war sehr professionell; dass sie die Bücher der Autorin kannte, war deutlich zu erkennen. Auch ihre spätere Gesprächsführung hat sich durch viel Empathie und Können ausgezeichnet. (Nachtrag: Mittlerweile habe ich in Erfahrung gebracht, dass es sich dabei um Dr Gesa Stedman handelt, Dozentin am Großbritannien-Institut der HU)

Ali Smith wurde uns angekündigt als eine Autorin, deren Stimme uns in Erinnerung bleiben würde - und das wird sie auch wirklich. Die Autorin ist relativ klein, burschikos, mit Struwwelhaarschnitt und Oberlippenbart, sehr leger gekleidet - und wenn man sie reden hört, dann passt das auch alles zu ihr, sowohl die Art, wie sie etwas sagt, als auch, was sie sagt. Auf gut österreichisch würde man sie eine "Wilde Zechn" nennen.

Dem Publikum wurde freigestellt, ob sie aus ihrem Roman Hotel World oder aus dem erst im April neu veröffentlichten Erzählungsband "The Whole Story and Other Storys" vorlesen sollte; die Entscheidung fiel für die Erzählungen, und so hörten wir aus dem 12 Geschichten umfassenden Band die für den Monat Mai. Um die Liebe zu einem Baum geht es hier, erzählt aus zwei Perspektiven; die Person, die erst immer mit "Du" adressiert wird, erzählt dann ab etwa der Hälfte aus der eigenen Sicht weiter. 

Der Stil hat mir gut gefallen - gute Beschreibungen, temporeiche Dialoge, und vor allem: sehr viel Humor. Ihr zuzuhören war ein Ohrgenuss: diese Erzählungen könnte ich mir wunderbar als Hörbuch von ihr gelesen vorstellen, zumindest bei amazon habe ich aber noch nichts dergleichen gefunden.

Nach dieser ersten Geschichte gab es ein Gespräch zwischen der Autorin und der Moderatorin; ich versuche, ein paar der angeschnittenen Themen so gut es mir gelingt hier zusammenzufassen.

Der Großteil von Smith´s Büchern besteht aus Kurzgeschichten; eine Form, die sie sehr liebt, die für sie eine perfekte Kombination aus Fiction und Poesie bedeutet. Leider gibt es auf dem britischen Buchmarkt keinen echten Markt für Short Stories; die Erzählbände landen meist schon kurz nach Erscheinen irgendwo in den hinteren Winkeln der Regale, und die Leser haben gar keine Chance, darauf aufmerksam zu werden. Auch für sie war es nicht einfach, ihre Erzählungen zu publizieren; für die ersten beiden Bände hat sie kaum Geld bekommen, den nächsten hat der Verlag produziert, bei dem sie auch gearbeitet hat, und dann kam Granta und hat einen weiteren Band herausgegeben. Mittlerweile ist sie bei Penguin gelandet, weil ihr hier noch mehr Geld geboten wurde (wobei "mehr" nur heißt: mittlerweile kann sie davon leben, aber ihr Geschirr wird zB immer noch mangels Geschirrspüler von Hand gespült). 


© Sarah Wood

 

Nach dem großen Erfolg von "Hotel World" hatte sie mit "The Whole Story.." keine Probleme, ihren Verleger von einem weiteren Erzählband zu überzeugen, aber zur Zeit arbeitet sie wieder an einem Roman.

Andere Autoren geben an, während ihrer Schreibphasen nichts zu lesen, weil sie sich nicht beeinflussen lassen wollen; das geht bei ihr nicht, weil sie dauernd lesen muss.

Sie ist nicht nur Autorin, sondern auch Literaturkritikerin; allerdings arbeitet sie kaum noch als solche. Hauptsächlich aus Faulheit nicht mehr, aber auch, weil sie mittlerweile genau weiß, welchen Effekt schlechte Kritiken auf sie haben. Zuerst würde sie den Verfasser gerne schlagen, meint sie - und dann kommt die Phase, wo sie befürchtet, er könne rechthaben, und das sei das allerschlimmste.

Die Geschichten, die in "Other Stories and Other Stories" veröffentlicht wurden, sind geschlechtsneutral; ob sich ein Mann oder eine Frau verliebt, ist im Wesentlichen dasselbe, für sie war es beim Schreiben wichtig, sich in beide Geschlechterrollen einfühlen zu können und sie offen zu gestalten. Diese Offenheit, hat sie danach gemerkt, ist aber nur zum Teil gegeben da die Geschichten immer nur aus einer Perspektive erzählt waren.  Daher sind im neuen Buch immer zwei Stimmen zu hören.

Das korrespondiert für sie stark mit den zwei Stimmen in einer Erzählung, mit den beiden Lesarten; der offensichtlichen und der unterströmigen, die miteinander in Dialog treten. 

Es wurde noch mehr erzählt, es gab auch noch zwei Geschichten, die mir ebenfalls sehr gut gefallen haben, vor allem die September-Geschichte, die von einem Paar handelt, das an einem Sonntagmorgen im Bett liegt und einen ziemlich aberwitzigen Dialog beginnt. Witzig und doch sehr liebevoll und zärtlich. 

Danach gabs noch Wein - und ich weiß, dass ich wieder eine Autorin mehr habe, von der ich dringend in nächster Zeit ein Buch lesen muss. Leider ist bislang noch keines ihrer Bücher ins Deutsche übersetzt.

 

  Die Autorin:

Ali Smith wurde 1962 in Inverness geboren. Sie studierte in Aberdeen und Cambridge englische Literatur. 

Ali Smith schreibt regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für "The Scotsman" und "Times Literary Supplement". Sie lebt in Cambridge.

Für ihr Buch "Hotel World" war sie sowohl für den Booker als auch für den Orange Prize auf der Shortlist.

Titel: 


Free Love and Other Stories

Scottish Love Stories

Like

Wild Ways. New Stories About Women on the Road

Other Stories and Other Stories

Hotel World

The Whole Story and Other Stories

Mehr über eine Lesung der Autorin im September 2003


© Daniela Ecker
11. Juni 2003
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