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06.10.03

Philippe Djian liest aus "Schwarze Tage, weiße Nächte"

Berlin, 14. Oktober 2002, Karstadt am Hermannplatz

 

 



Die zumindest für mich recht überraschende Verlegung des Veranstaltungsorts vom Kulturkaufhaus Dussmann in den Dachgarten des Karstadt am Hermannplatz, Neukölln, hatte die zahlreichen Fans des französischen Autors nicht abhalten können - der Saal ist gut gefüllt, das Publikum erstaunlich jung; ich hatte hauptsächlich mit Lesern zwischen 30 - 45 gerechnet, es war aber doch ein beachtlicher Anteil Unter-Dreißigjähriger zu beobachten. 

  Der Autor: 


Der Autor: 
Philippe Djian, geb. am 3.5.49, hatte zunächst ein Jahr Literaturwissenschaft studiert, danach eine Journalismusschule, hat sich mit den verschiedensten Jobs durchs Leben geschlagen, bis er mit seinem dritten Roman, "Betty Blue. 37,2° am Morgen" weltberühmt wurde. Er lebt selten länger als fünf Jahre an einem Ort. Bisherige Stationen: New York, Florenz, Bordeaux, Biarritz, Lausanne und Paris.

Weitere Titel:  

Betty Blue

Erogene Zone

Verraten und verkauft

Blau wie die Hölle

Rückgrat

Krokodile

Pas de deux

Matador

Mörder

Kriminelle

Heißer Herbst

Schwarze Tage, weiße Nächte

Sirenen

 




Als Djian dann in Begleitung einer Karstadt-Dame und Daniel Dubbes  den Raum betritt, hätte ich ihn kaum erkannt; als wirklich attraktiv könnte man ihn ohnehin nicht bezeichnen, aber nun machte sich bemerkbar, das man doch über die Jahre immer nur ein Bild des Autors kennt - das, das auch seine Klappentexte ziert und ihn als jungen, draufgängerischen Rebellen zeigt.

Djian ist sichtlich alt geworden. Die Statur plumper, das Gesicht nicht mehr so kantig - aber: wir sind ja nicht gekommen, um einen französischen Beau zu bewundern, sondern den Kultautor persönlich zu erleben.


Nachdem die Karstadt-Dame Philippe Djian kurz vorgestellt hatte und sich dabei nicht nehmen ließ, seinen Namen wieder und wieder wie die Senfsorte Dijon auszusprechen, fing ziemlich unvermittelt die Lesung an. 

Djian las die ersten Seiten aus "Schwarze Tage, weiße Nächte" auf französisch vor. Sicher hat er, gerade zu Beginn, auch sehr schnell gelesen - aber trotzdem war es für mich sehr frustrierend festzustellen: ich verstehe, trotz 4 Jahren Schulfranzösisch, kein einziges Wort. 

Daniel Dubbe liest dann denselben Text auf Deutsch vor - und wo Djian durch den Text hetzt, lässt sich Dubbe extra Zeit, alles deutlich zu betonen, dem Vorgelesenen Leben einzuhauchen. Leider tut er dabei, für meinen Geschmack, etwas zu viel des Guten; aber andererseits ist es bei speziell diesem Roman ohnehin schwer, es ansprechend vorzulesen.

Sie wechseln sich einige Male ab beim Vorlesen; Djian drosselt sein Tempo letztendlich immerhin soweit, dass ich aus den Zischlauten zumindest die Eigennamen und ein paar bekanntere Vokabeln heraushören kann, Dubbe liest die Szene mit der gefesselten Nicole, die Szene mit den Japanerinnen im Hotel - lauter sehr sexlastige Szenen also. Allerdings ist es auch schwierig, andere Szenen in diesem Buch zu finden.

Da die beiden Herren ziemlich lange lesen, kann man im Laufe der Zeit ein immer stärkeres Interesse der Besucher an den Verpflegungsständen erkennen, wo es Wein, Säfte und Brezeln umsonst gibt - und endlich haben sie dann auch ein Einsehen und erklären die Lesung für beendet, man könne nun Fragen an den Autor richten.

Die erste Frage lautet dann auch gleich "Herr Djian, wie spricht man ihren Namen richtig aus?" Das Gelächter im Publikum ist groß, die Karstadt-Dame kann man zu diesem Zeitpunkt nirgends finden. 

Nach ein, zwei Fragen, die hauptsächlich die Intellektualität des Fragenden zeigen sollten, kommen dann die Fragen, die man bei einem Autor wie Djian erwartet. 

Ob die Sexualität, die Erotik für ihn mit zunehmendem Alter immer wichtiger werde? 
Hm, wichtiger ... sie würde vor allem schwieriger, komplexer, antwortet der Autor. 

Die Stimmung im Publikum wird immer lockerer. So, wie auch der Autor nun mit brennender Zigarette dasitzt, folgen immer mehr Besucher seinem Beispiel. 

Seit dem Erfolg seiner Romane, wie zum Beispiel "Erogene Zone", hätten sich überall plötzlich angehende Autoren gefunden, die seinem Beispiel nacheifern wollten und glaubten, ein ausschweifendes Leben zu führen und dann davon zu erzählen, wochenlang an einem Satz herumzufeilen, wenig zu schlafen sei schon ausreichend, einen großen Roman zu schreiben. Die meisten dieser Autoren hätten dann aber wieder aufgegeben, weil ihnen eine Geschichte gefehlt hätte, die sie erzählen konnten. Wie hält Philippe Djian es denn, wenn er einen Roman beginnt? Existiert da schon ein fertiger Plot?
Nein, nicht wirklich. Allerdings habe er jedesmal, sobald er mit dem Schreiben beginne, das Gefühl, das Buch würde schon irgendwo existieren, er würde es also nicht neu erfinden. Oft sei es der erste Satz, der den Rest dann nach sich zieht, das Nachdenken darüber, wer diesen Satz denn gesagt haben könnte, was er damit gemeint haben könnte... und so sei es auch hier gewesen, mit dem Anfangssatz "Warum nicht einen Porno?"

Natürlich kreisen noch mehr Fragen  um das Thema Sexualität, warum er ausgerechnet einen Porno geschrieben hätte, ob er glaube, etwas zur sexuellen Befreiung der Frauen in Frankreich beigetragen zu haben, wie groß sein Erfolg bei Frauen wäre, und ob er das Schubladensystem, das in "Schwarze Tage, weiße Nächte" so detailliert beschrieben wird - Gefühle: ordentlich in der obersten Schublade; Sex - unterste Schublade, unwichtig - auch für sich selbst anwenden würde...

Philippe Djian hat schon länger die Heuchelei gestört, die zum Beispiel in amerikanischen Filmen vorherrscht: wann immer dort eine leidenschaftliche Sexszene stattfindet, sieht man nur eine Hand, die sich in ein Laken krallt, begleitet von entsprechender Musik. Das war ihm zu verlogen. Und so entschloss er sich, das Feld der Pornographie nicht alleine den Schmuddelautoren zu überlassen, sondern einen ambitionierten literarischen Porno zu verfassen, das eingeschränkte Vokabular aufzuwerten.

Die sexuelle Befreiung der französischen Frauen schreibt er dann doch eher den Autorinnen zu, wie beispielsweise Catherine Millet; 

über etwaigen Erfolg bei Frauen wisse er nichts, weil er doch schon seit 30 Jahren glücklich verheiratet sei, und in seiner Frau immer wieder eine neue Frau entdecken würde; 

Aber: ja, natürlich gelte das Schubladensystem auch für ihn...

In seinen Romanen würde Musik ja auch immer eine große Rolle spielen würde. Wäre er heute Musiker - welche Art von Musik würde er machen? Die Antwort darauf ging für mich leider unter der Information unter, dass Djian auf einem Ohr taub ist. 

Welches seiner Bücher ihm das liebste wäre? 
Keines im Speziellen; es wäre eigentlich immer wieder dasselbe Buch, das er schreiben würde, nur mit etwas ausgewechseltem Personal. Eine Einschätzung, die ich durchaus teilen würde ;-))

Das wäre doch ein gutes Schlusswort, meinte dann Daniel Dubbe. Philippe Djian würde später noch seine Romane signieren, aber vorher hätte er noch eine Mitteilung zu machen: Am Büchertisch liege nämlich auch sein eigenes Buch aus, "Hart auf Hart" - und ob er uns daraus noch eine Geschichte vorlesen solle? Die Begeisterung im Publikum hält sich zwar in Grenzen, aber sehr viel Ermutigung braucht Dubbe ohnehin nicht, um zu lesen zu beginnen.

Dabei ist der Beginn seiner Geschichte sogar noch witzig. Er fängt damit an, dass er eigentlich die Frage nach Djians´ Einstellung zu Houellebecq etwas vermisst hätte, die wäre auf den vorangegangenen Lesungen jeweils gestellt worden; seine Erzählung würde jedenfalls von Houellebecq handeln. Nach einem witzigen Einstieg wird die Story aber immer langweiliger, was man auch an der Unruhe im Publikum merken kann, aber ungerührt liest Dubbe, bis er seine Story zu Ende erzählt hat.

 
Ich hatte zwar auch ein Buch mit, um es eventuell signieren zu lassen - aber so recht war meine Lust nicht mehr vorhanden, und ich wollte endlich wieder an die frische Luft. 

 

Auch wenn Djian in seinen letzten Romanen für mich sehr viel hat vermissen lassen - nachdem er ein wenig aufgetaut war, ließ sich schon der Mann erkennen, der für Bücher wie "Mörder" oder "Pas de deux" verantwortlich war. Anfangs wirkte er hauptsächlich arrogant, aber am Ende war es eher sein Zynismus, der für eine allseits gelöste Stimmung sorgte, so absurd sich das vielleicht auch anhören mag.

© Daniela Ecker
16. Oktober 2002

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