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Die zumindest für mich recht überraschende Verlegung des
Veranstaltungsorts vom Kulturkaufhaus Dussmann in den Dachgarten des
Karstadt am Hermannplatz, Neukölln, hatte die zahlreichen Fans des
französischen Autors nicht abhalten können - der Saal ist gut
gefüllt, das Publikum erstaunlich jung; ich hatte hauptsächlich mit
Lesern zwischen 30 - 45 gerechnet, es war aber doch ein beachtlicher
Anteil Unter-Dreißigjähriger zu beobachten.
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Der Autor:

Der Autor:
Philippe Djian, geb. am 3.5.49, hatte zunächst ein Jahr
Literaturwissenschaft studiert, danach eine Journalismusschule, hat sich mit den verschiedensten Jobs durchs
Leben geschlagen, bis er mit
seinem dritten Roman, "Betty Blue. 37,2° am
Morgen" weltberühmt wurde. Er lebt selten länger als fünf Jahre
an einem Ort. Bisherige Stationen: New York, Florenz, Bordeaux, Biarritz,
Lausanne und Paris.
Weitere Titel:
Betty Blue
Erogene Zone
Verraten und verkauft
Blau wie die Hölle
Rückgrat
Krokodile
Pas de deux
Matador
Mörder
Kriminelle
Heißer Herbst
Schwarze
Tage, weiße Nächte
Sirenen
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Nachdem die Karstadt-Dame Philippe Djian kurz vorgestellt hatte und
sich dabei nicht nehmen ließ, seinen Namen wieder und wieder wie die
Senfsorte Dijon auszusprechen, fing ziemlich unvermittelt die Lesung
an.
Djian las die ersten Seiten aus "Schwarze Tage, weiße
Nächte" auf französisch vor. Sicher hat er, gerade zu Beginn,
auch sehr schnell gelesen - aber trotzdem war es für mich sehr
frustrierend festzustellen: ich verstehe, trotz 4 Jahren
Schulfranzösisch, kein einziges Wort.
Daniel Dubbe liest dann denselben Text auf Deutsch vor - und wo Djian
durch den Text hetzt, lässt sich Dubbe extra Zeit, alles deutlich zu
betonen, dem Vorgelesenen Leben einzuhauchen. Leider tut er dabei,
für meinen Geschmack, etwas zu viel des Guten; aber andererseits ist
es bei speziell diesem Roman ohnehin schwer, es ansprechend
vorzulesen.
Sie wechseln sich einige Male ab beim Vorlesen; Djian drosselt sein
Tempo letztendlich immerhin soweit, dass ich aus den Zischlauten
zumindest die Eigennamen und ein paar bekanntere Vokabeln heraushören
kann, Dubbe liest die Szene mit der gefesselten Nicole, die Szene mit
den Japanerinnen im Hotel - lauter sehr sexlastige Szenen also.
Allerdings ist es auch schwierig, andere Szenen in diesem Buch zu
finden.
Da die beiden Herren ziemlich lange lesen, kann man im Laufe der Zeit
ein immer stärkeres Interesse der Besucher an den
Verpflegungsständen erkennen, wo es Wein, Säfte und Brezeln umsonst
gibt - und endlich haben sie dann auch ein Einsehen und erklären die
Lesung für beendet, man könne nun Fragen an den Autor richten.
Die erste Frage lautet dann auch gleich "Herr Djian, wie spricht
man ihren Namen richtig aus?" Das Gelächter im Publikum ist
groß, die Karstadt-Dame kann man zu diesem Zeitpunkt nirgends
finden.
Nach ein, zwei Fragen, die hauptsächlich die Intellektualität des
Fragenden zeigen sollten, kommen dann die Fragen, die man bei einem
Autor wie Djian erwartet.
Ob die Sexualität, die Erotik für ihn mit zunehmendem Alter immer
wichtiger werde?
Hm, wichtiger ... sie würde vor allem schwieriger, komplexer,
antwortet der Autor.
Die Stimmung im Publikum wird immer lockerer. So, wie auch der Autor
nun mit brennender Zigarette dasitzt, folgen immer mehr Besucher
seinem Beispiel.
Seit dem Erfolg seiner Romane, wie zum Beispiel "Erogene
Zone", hätten sich überall plötzlich angehende Autoren
gefunden, die seinem Beispiel nacheifern wollten und glaubten, ein
ausschweifendes Leben zu führen und dann davon zu erzählen,
wochenlang an einem Satz herumzufeilen, wenig zu schlafen sei schon
ausreichend, einen großen Roman zu schreiben. Die meisten dieser
Autoren hätten dann aber wieder aufgegeben, weil ihnen eine
Geschichte gefehlt hätte, die sie erzählen konnten. Wie hält
Philippe Djian es denn, wenn er einen Roman beginnt? Existiert da
schon ein fertiger Plot?
Nein, nicht wirklich. Allerdings habe er jedesmal, sobald er mit dem
Schreiben beginne, das Gefühl, das Buch würde schon irgendwo
existieren, er würde es also nicht neu erfinden. Oft sei es der erste
Satz, der den Rest dann nach sich zieht, das Nachdenken darüber, wer
diesen Satz denn gesagt haben könnte, was er damit gemeint haben
könnte... und so sei es auch hier gewesen, mit dem Anfangssatz
"Warum nicht einen Porno?"
Natürlich kreisen noch mehr Fragen um das Thema Sexualität,
warum er ausgerechnet einen Porno geschrieben hätte, ob er glaube,
etwas zur sexuellen Befreiung der Frauen in Frankreich beigetragen zu
haben, wie groß sein Erfolg bei Frauen wäre, und ob er das
Schubladensystem, das in "Schwarze Tage, weiße Nächte" so
detailliert beschrieben wird - Gefühle: ordentlich in der obersten
Schublade; Sex - unterste Schublade, unwichtig - auch für sich selbst
anwenden würde...
Philippe Djian hat schon länger die Heuchelei gestört, die zum
Beispiel in amerikanischen Filmen vorherrscht: wann immer dort eine
leidenschaftliche Sexszene stattfindet, sieht man nur eine Hand, die
sich in ein Laken krallt, begleitet von entsprechender Musik. Das war
ihm zu verlogen. Und so entschloss er sich, das Feld der Pornographie
nicht alleine den Schmuddelautoren zu überlassen, sondern einen
ambitionierten literarischen Porno zu verfassen, das eingeschränkte
Vokabular aufzuwerten.
Die sexuelle Befreiung der französischen Frauen schreibt er dann doch
eher den Autorinnen zu, wie beispielsweise Catherine Millet;
über etwaigen Erfolg bei Frauen wisse er nichts, weil er doch schon
seit 30 Jahren glücklich verheiratet sei, und in seiner Frau immer
wieder eine neue Frau entdecken würde;
Aber: ja, natürlich gelte das Schubladensystem auch für ihn...
In seinen Romanen würde Musik ja auch immer eine große Rolle spielen
würde. Wäre er heute Musiker - welche Art von Musik würde er
machen? Die Antwort darauf ging für mich leider unter der Information
unter, dass Djian auf einem Ohr taub ist.
Welches seiner Bücher ihm das liebste wäre?
Keines im Speziellen; es wäre eigentlich immer wieder dasselbe Buch,
das er schreiben würde, nur mit etwas ausgewechseltem Personal. Eine
Einschätzung, die ich durchaus teilen würde ;-))
Das wäre doch ein gutes Schlusswort, meinte dann Daniel Dubbe.
Philippe Djian würde später noch seine Romane signieren, aber vorher
hätte er noch eine Mitteilung zu machen: Am Büchertisch liege
nämlich auch sein eigenes Buch aus, "Hart auf Hart" - und
ob er uns daraus noch eine Geschichte vorlesen solle? Die Begeisterung
im Publikum hält sich zwar in Grenzen, aber sehr viel Ermutigung
braucht Dubbe ohnehin nicht, um zu lesen zu beginnen.
Dabei ist der Beginn seiner Geschichte sogar noch witzig. Er fängt
damit an, dass er eigentlich die Frage nach Djians´ Einstellung zu
Houellebecq etwas vermisst hätte, die wäre auf den vorangegangenen
Lesungen jeweils gestellt worden; seine Erzählung würde jedenfalls
von Houellebecq handeln. Nach einem witzigen Einstieg wird die Story
aber immer langweiliger, was man auch an der Unruhe im Publikum merken
kann, aber ungerührt liest Dubbe, bis er seine Story zu Ende erzählt
hat.
Ich hatte zwar auch
ein Buch mit, um es eventuell signieren zu lassen - aber so recht war
meine Lust nicht mehr vorhanden, und ich wollte endlich wieder an die
frische Luft.
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