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30.10.02

Haruki Murakami liest aus "Sputnik Sweetheart"

Berlin, 1. Oktober 2002, Literarisches Colloquium Berlin

 

 



Vor einem Jahr war schon einmal die Rede davon, dass der japanische Autor nach Deutschland auf Lesereise kommen sollte. Doch dann kam der 11. September - und Haruki Murakami schickte stattdessen einen Entschuldigungsbrief, in dem er die Gründe für seine Absage zu erklären versuchte. 

Aber in diesem Jahr sollte er nun tatsächlich in Berlin erscheinen. Nur zwei Termine waren in Deutschland vorgesehen; einer in Berlin, ein zweiter in Köln. Beides Veranstaltungen  in relativ kleinem Rahmen - vor allem, wenn man die Popularität des Autors in Betracht zieht. Doch Murakami ist sehr zurückhaltend, wie auch die Pressesprecherin des Verlages noch am Telefon zu berichten weiß.

Großer Andrang war also zu erwarten - aber da die Reise nach Wannsee ohnehin weit ist, der Tag schön sonnig war und man noch wunderbar ein bisschen Zeit am Wasser verbringen konnte, waren wir sehr früh da. Früh genug jedenfalls, um uns Plätze in der zweiten Reihe zu sichern. 

Der relativ kleine Raum, schon ausgeweitet auf Vorraum, jede Möglichkeit, noch Platz zu machen, genutzt, ist entsprechend lange vor der Veranstaltung voll; aus diesem Grund beschließt man, auch pünktlich zu beginnen.

Lothar Müller führt durch das Gespräch, das auf Englisch geführt wird; Haruki Murakami liest auf japanisch, Gerhard Gutberlet, den vorzustellen sich peinlicherweise niemand die Mühe macht, liest aus der deutschen Übersetzung. 

Erst erzählt Lothar Müller ein wenig über Murakamis Werdegang, von seiner Jazzbar, den Erfolg von Naokos Lächeln, seinen anschließenden Reisen nach Europa, seinen Jahren in den USA - (mehr dazu auch hier). Im Zuge dieser Reisen war Murakami auch schon nach Berlin gekommen, in den 90ern.  Und dann fängt Murakami zu lesen an. 

"I´m afraid many of you do not understand japanese. But I do not care"

leitet er seine Lesung ein; und, wie nicht anders zu erwarten, versteh ich vom japanischen natürlich kein Wort. Aber es hört sich nett an. Murakami hat eine viel tiefere Stimme, als ich es von einem so kleinen Mann erwartet hätte; seine Handgelenke sind erstaunlich kräftig für die restliche zierliche Erscheinung.   

Er erzählt noch ein wenig, wie es zur Entstehung von Sputnik Sweetheart kam; die erste Seite hatte er bereits einige Jahre vorher geschrieben, nur so aus Spaß. Dann vergaß er die Geschichte wieder, und als sie ihm dann später wieder in die Hände fiel, war der Zeitpunkt da - und er fing an zu schreiben.

Bei der Lesung des deutschen Teils geht es sehr lebhaft zu. Das Publikum geht mit, lacht viel, die Stimmung ist gelöst, auch der Autor selbst lächelt manchmal ein wenig. 

Lothar Müller erzählt Murkami, dass in dessen Büchern fast immer ein Womanizer eine große Rolle spielt; nur in diesem Buch nicht, denn der Ich-Erzähler ist zwar in Surime verliebt, sie aber eindeutig nicht in ihn. 

Murakami antwortet darauf mit einem lakonischen "Yessssssssssssssss" "Mhm" "Yesssssssssssss" - Gelächter im Publikum - dann beschwert er sich: "You explained everything"

Dann erzählt er aber doch noch ein bisschen weiter von der Entstehungsgeschichte. Zuallererst hatte ihm der Klang der Worte "Sputnik Sweetheart" gefallen. Sputnik, die Kälte, Technik, im Gegensatz zum warmen Klang des "Sweetheart". 


In Murakamis Büchern erleben die Figuren oft eine Art Spaltung; beim Schreiben seiner Bücher erlebt er diese Trennung selbst auch.  In Sputnik Sweetheart erlebt die Miu eine Trennung von sich selbst, als sie sich vom Riesenrad aus in ihrem Appartment beobachtet; wenig später verschwindet Surime. In seinen Büchern würden oft Leute verschwinden, merkt Lothar Müller an. 

"Yesssss, it´s very natural in Japan" scherzt Murakami. Dann erklärt er aber, dass die Mentalität in Japan eben anders wäre, da wäre dieses "Ding" viel näher an der realen Welt dran. Die dünne Schicht dazwischen ist sehr zerbrechlich; ähnlich leicht zerbricht man auch, geht verloren - sei es nun nur mental oder in der Realität. 

Lothar Müller kommt auf das aktuelle Buch zurück: ob die Verknüpfung zwischen Surimes Literaturschaffen, ihres Erzählens, und ihres Verschwindens eine Bedeutung habe? 

Murakami meint darauf, dass das Motiv nicht so wichtig sei; nach dem Motto: "Sie ist weg, gewöhn dich dran". Das hat vom Motiv her Ähnlichkeit mit Orpheus, der ja auch in die Unterwelt entschwindet. In Japan gibt es eine ähnliche Geschichte. Der große Unterschied ist, dass in der westlichen Welt an dieser Geschichte vor allem der Weg interessiert, während er in Japan da sein will - und schwups, auch da ist. 

Sein Erzähler in Sputnik Sweetheart wäre sehr "bookish" und Musikverliebt. Die Ähnlichkeit mit dem Autor sei aufgrund seiner Biographie ja wohl offensichtlich. 

Ja, meint Murakami - er war ein Einzelkind, Bücher und Musik waren seine besten Freunde. Durch sie lebte er in sehr enger Verbindung mit seiner inneren Welt; das ist allerdings auch manchmal gefährlich, weil man sich leicht darin verlieren kann.

In "Naokos Lächeln" lesen die beiden Hauptfiguren F. Scott Fitzgerald - und das ist für sie ein ganz wesentliches Merkmal, mit dem sie sich von der Gesellschaft unterscheiden. 

Murkami erzählt, dass er die Bücher auch gelesen hat, um Japan zu entfliehen; danach hatte er sich ein paar Jahre hauptsächlich im Ausland aufgehalten. Er war also ein Expatriot-Writer; seine Themen kreisten aber nach wie vor um Japan. 

Ob er in dieser Zeit die Übersetzungen amerikanischer Autoren ins Japanische vorgenommen hätte? Und ob er dazu noch Zeit hätte?

Das ist für ihn ja kein Job, sondern eine Passion - ein Freizeitvergnügen also.

1995, nach dem Erdbeben in Kobe und dem Anschlag der Aum-Sekte, ging er zurück nach Japan. Sein Elternhaus in Kobe war zerstört, und nach all diesen Nachrichten dachte er, er müsse unbedingt nach Hause.

Lothar Müller weist auf die Ähnlichkeit der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen Japan und Deutschland hin.

"The harder we work, the richer we become. The richer, the happier. But we did no longer know, what happiness was." 

Auch Japan dachte immer, "unser Land ist sicher". War es aber nicht. Man kann dem Grund unter den Füßen nicht mehr trauen. Der Anschlag der AUM-Sekte hat das Leben, die Gesellschaft in Japan nachhaltig verändert.

Underground ist entsprechend auch ein Non-Fiction-Buch. Es ist nach  Interviews mit den Betroffenen, aber auch mit Sektenmitgliedern entstanden. Es kam ihm vor wie ein wissenschaftliches Projekt; eine Studie der Gesellschaft der 90er. Hier "sie" und da "wir". Aber in Underground ist diese Kluft gar nicht so groß, wie man vermuten würde. Warum? 

Murakami wollte wissen, was die Verletzten fühlten. Während seiner Recherchen hat er festgestellt, dass ihn das Leben, der Alltag der Betroffenen viel mehr interessiert hat als dieser eine entscheidende Moment. Der Unterschied zu den Menschen, die durch die viele Arbeit glücklich geworden sein sollten, war so groß; sie sehen ihre Kinder nur am Wochenende, verbringen täglich lange Stunden in dichtest gepressten U-Bahnen. Für ihn gibt es zwei Systeme: einmal ein Offenes, in dem man bestimmt nicht immer glücklich ist, das inkomplett ist; aber man hat zumindest die freie Wahl. Und dann gibt es die geschlossene Welt, den kleinen Kreis; man muss nicht mehr selbst wählen, braucht sich mit vielen Dingen nicht mehr belasten. Und diese Funktion erfüllt die Sekte - eine Zufluchtsstation für die Menschen, die mit der Komplexität der Welt nicht mehr zurande kommen. 

Da er doch auch einige Jahre in Europa und den USA verlebt hat - gibt es etwas, was für ihn an der westlichen Kultur unverständlich geblieben ist, oder ist es für ihn gleich, in Japan, Deutschland oder den USA zu leben?

In Japan wäre es sehr schwer, ein individuelles Leben zu leben; wenn man zu keiner Firma gehört, steht man außerhalb der Gesellschaft. Das war mit ein Grund für ihn, wegzugehen. Aber kaum war er weg, hat er gemerkt: dieses anderssein, der Wunsch, sich von der Gesellschaft abzuheben, war auch ein Teil seiner Identität. Und hier im Westen ist es so leicht, unabhängig zu sein, dass die Individualität dadurch für ihn viel schwerer zu leben war. 

In seinen Büchern bleibt immer noch eine Frage offen. Wenn Haruki Murakami zu schreiben beginnt, nimmt er sich auch immer ganz fest vor, diese Fragen zu beantworten - aber dann ist das Buch fertig und die Frage immer noch offen.

Nun ist es am Publikum, Fragen zu stellen: 

Am Berlin Marathon, der zwei Tage vor der Lesung stattgefunden hat, hat er nicht teilgenommen. Aber er wird im Herbst noch einen Marathon laufen.

Ob die Übersetzungen die Kultur der Sprache widerspiegeln würden, in die sie übersetzt würden?
Das kann er nicht beurteilen, da er kein Deutsch kann. Aber da er selber Übersetzer ist, zählt für ihn vor allem die Liebe zum Buch, zum Geschriebenen, das man übertragen will.

Beim "Mister Aufziehvogel" hat einer der Besucher den Eindruck, dass unser Leben vorherbestimmt ist. Ob dieser Eindruck seine Meinung widerspiegle? 

"I made up a story. Don´t think of a schedule, a program. I´ just write."

Einer der Leser ist ganz angetan von der Erzählung "Als ich eines schönen Morgens das hundertprozentige Mädchen sah". Dazu hat er eine ziemlich lange und wirre Frage, die weder der Autor noch der Moderator (noch ich) dem Sinn nach erfassen können; also beschränkt sich der Fragende dann darauf, wissen zu wollen, ob Haruki Murakami selbst an die Existenz des hundertprozentigen Mädchens glauben würde? 

"Hope so"

ist die lakonische Antwort darauf.

Die letzte Frage wird ihm auf japanisch gestellt; die junge Frau, die sichtlich nervös ist, stellt die Frage netterweise aber zuerst auf deutsch, dann erst spricht sie japanisch mit dem Autor.  Vor seiner Reise nach Deutschland war Haruki Murakami in New York, und hat dort aus seinem Erzählband "After the Quake" gelesen. Sie will nun wissen, wie das Publikum darauf reagiert hat?

Aufgrund der Ähnlichkeit der Ereignisse mit denen in New York vom 11. September 2001 gibt es eine innere Verbindung zwischen diesen einzelnen Tragödien. Die New Yorker haben das auch gezeigt, die Reaktionen waren sehr emotional, sehr gut. Er selbst war sehr erschüttert, das Gelände des WTC zu sehen.

Und dann ist der Abend auch schon wieder vorbei; ein Autogramm gibt es noch, allerdings nur für ein Buch; die Stimmung war den ganzen Abend über sehr entspannt und familiär, man merkte, dass das Publikum überwiegend aus jungen Fans bestand, die fast alles gelesen hatten, was Murakami veröffentlicht hatte. Und der Autor selbst hat sich mir als viel weniger streng und schüchtern präsentiert, als ich es erwartet hätte - ich war ganz angetan von seinem Humor und seiner Gelassenheit. Ein schöner Abend - der mir noch mehr Lust auf das neue Murakami-Buch (also Kafka on the Shore, Sputnik Sweetheart kenne ich längst) gemacht hat, als ich ohnehin schon hatte. 



  Der Autor:


Haruki Murakami,
1949 in Kyoto geboren, zumeist in Europa oder USA lebend, ist der gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor von sechs Romanen und Erzählungsbänden. Er hat die Werke von Raymond Chandler,
John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.

Zur ausführlichen Biographie und Bibliographie des Autors

Weitere Titel: 


Mister Aufziehvogel


Gefährliche Geliebte

Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah

Der Elefant verschwindet
 

Hard-boiled Wonderland
 

Wilde Schafsjagd


Naokos Lächeln


Tanz mit dem Schafsmann


Untergrundkrieg

Sputnik Sweetheart


© Daniela Ecker
22. Oktober 2002

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