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Fußballweltmeisterschaft,
Finale, Deutschland gegen Brasilien - wer interessiert sich da schon
für das Berliner Bücherfest? Ob es nun daran lag, dass Deutschland
verloren hat, ob das durchwachsene Wetter dazu beigetragen hat -
jedenfalls war es um 18:00 Uhr erstaunlich gut gefüllt, als Peter
Carey, der australische Schriftsteller und zweimalige Gewinner des
renommierten Booker-Prize,
das Lesezelt betrat um aus seinem Roman "True History of the
Kelly Gang" vorzulesen.
Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, dass Schriftsteller
sich schlecht kleiden müssen - jedenfalls sind der hellbeige Anzug
und die grauen Turnschuhe nicht wirklich der letzte Schrei. Auch die
Haare sind nicht so dunkel, wie man sie von den Fotos kennt - aber das
alles vermag nichts an dem sympathischen Eindruck zu ändern, den der
Australier macht.
Vorgestellt wurde er von Johannes Reiser, der einige nette Details aus
dem Leben Peter Careys erzählte. So war es eigentlich nicht zu
erwarten, dass aus ihm einmal ein Schriftsteller werden würde; er
wollte Naturwissenschaftler werden und hatte auch begonnen, etwas aus
diesem Fachbereich zu studieren. Aber dann verliebte er sich und
rasselte in der Folge durch alle Prüfungen. Die Alternative:
arbeiten. Er startete in einer etwas ungewöhnlichen Werbeagentur: Der
Chef war ein ehemaliger Kommunist, und die Mitarbeiter eine bunte
Mischung aus Malern, Schriftstellern etc. Und diese Leute brachten
Carey mit der Welt der Literatur in Kontakt - bald darauf begann er
selbst zu schreiben.
Drei Romane schrieb er; der erste fand gar keinen Verleger, beim
zweiten Roman ging der Verleger pleite, ehe das Buch erscheinen
konnte, und der dritte Versuch, in London diesmal, ging ebenfalls
daneben. Also kehrte er nach Australien zurück - und startete einen
neuen Versuch, diesmal mit Erzählungen. Und diese Erzählungen kamen
sowohl bei seinen Freunden als auch beim Publikum und der
Literaturkritik sehr gut an. Die ersten Preise folgten, und auf einmal
fand sich auch in Europa ein Verleger.
Dass er dann wieder begann, Romane zu schreiben, war mehr oder weniger
auch dem Zufall zuzuschreiben; seine Agentin erzählte dem Verleger in
England, dass er an einem Roman schreiben würde - schließlich
verkaufen sich Romane wesentlich leichter als Kurzgeschichten. Carey,
der zu diesem Zeitpunkt in einer Kommune in Queensland lebte, lies
sich überreden - und schrieb den Roman "Bliss", der auch
ins Deutsche übersetzt wurde.
Wenige Jahre später folgte für "Oscar and Lucinda" das
erste Mal die höchste literarische Auszeichnung, die das Commonwealth
zu vergeben hat: der Booker Prize.
Nach dieser Einführung beginnt Peter Carey zu lesen - nicht ohne
vorher für einen Lacher zu sorgen, indem er kurz einwirft, wie
entspannt es ist, vorgestellt zu werden und kein einziges Wort davon
zu verstehen.
Dann begann er vorzulesen. Und wie! Was am Text so speziell ist, diese
langen Sätze ohne Punkt und Komma, und dazu die Mischung aus
sprachlicher Finesse und dem Tonfall des ungebildeten Outlaws, das
kommt bei seiner Art vorzulesen wunderbar rüber. Mittlerweile habe
ich gelesen, dass seine Frau Theaterdirektorin ist - man merkte es
seinem Vortrag an. Blickkontakt, wohlmodulierte Stimme, lebhafter
Vortrag - es war leichter, seinem englischen Vorlesen zu folgen als
dem darauffolgenden von Christian Rohr (der aber, das muss an dieser
Stelle erwähnt werden, seine Sache auch sehr gut gemacht hat). Ein
australischer Akzent war nur leicht zu hören - aber deutlich genug,
um Fernweh auszulösen.
Danach blieb leider nur noch kurze Zeit für Fragen, die Johannes
Reiser an den Autor stellen konnte. "Wer war eigentlich Ned
Kelly" - das war die Schlüsselfrage, die er ihm stellte. In
Australien kennt den Namen jedes Kind, aber hier in Deutschland ist er
wahrscheinlich weitgehend unbekannt.
Ja, Ned Kelly, holt Peter Carey aus - in den USA, wo er lebt, kennt
auch jedes Schulkind die Outlaws, wie zum Beispiel Jesse James. Aber
Ned Kelly ist von der Bedeutung her eher mit Thomas Jefferson zu
vergleichen. Man sollte schließlich nicht vergessen, dass das heutige
Australien als Sträflingskolonie begann.
Er hatte ihn also sein Leben lang gekannt, wollte auch schon seit dem
Zeitpunkt, als er den Brief gelesen hatte, den Ned Kelly hinterlassen
hatte, davon überzeugt, dass er über ihn schreiben wollte - aber es
hatte 40 Jahre gedauert, bis er es dann tatsächlich in Angriff
nahm.
Der Auslöser dafür war die Ausstellung eines australischen Malers in
New York. Auf den Bildern war auch Ned Kelly zu sehen - und Peter
Carey hatte seine Freunde in diese Ausstellung geschleppt und sah sich
plötzlich in der Rolle des Erzählers wieder, der über Australiens
Geschichte referierte.
Ned Kellys Brief hatte er zu einer Zeit gelesen, als er auch Joyce,
Faulkner etc, kennen gelernt hatte - der Unterschied in der Sprache,
aber doch die Kraft und Schönheit, die in diesem irisch-australischen
Schriftstück zu lesen war, hatte ihn verlockt, diese Sprache in einem
Roman umzusetzen.
Über eine historische Größe zu schreiben, die so präsent ist wie
Ned Kelly, sei doch ganz schön riskant, meinte Johannes Reiser dann.
Ja, so der Autor. Aber wenn Literatur nicht riskant ist, dann lohne es
sich nicht, morgens aus dem Bett zu steigen.
Das Leben einer historisch bekannten Figur sei wie eine große dunkle
Fläche, die von hellen Scheinwerfern beleuchtet werde - das sind die
Stellen, die die Historiker kennen. Und das dazwischen ist der Raum
für den Schriftsteller, das Buch mit Leben zu füllen, mit seiner
Fiktion. Es wäre ihm in diesem Fall auch lieber gewesen, die Gang
hätte nur aus drei oder zwei Mitgliedern bestanden; die Mutter hätte
vielleicht ein paar Kinder weniger gehabt, aber das ist nun mal
Historie.
Können wir ein paar Minuten überziehen, fragt Johannes Reiser - doch
der Veranstalter winkt ab, die nächste Lesung soll um 19:00 Uhr
beginnen. Peter Carey signiert aber noch kurz auf dem Stand am
Bebelplatz.
Das Festzelt leert sich schlagartig, die Schlange vor dem Signiertisch
bleibt aber überschaubar. Wir holen uns auch noch kurz eine
Unterschrift, wechseln ein paar Worte mit dem Autor - und haben den
Rest des Abends Fernweh nach Australien, nach der so entspannten,
freundlichen australischen Art, die man auch an Peter Carey wieder
erleben durfte.
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Der
Autor:

Peter Carey wurde 1943 in
Bacchus Marsh, Victoria (Australien) geboren und lebt heute mit seiner
Frau, der Theaterdirektorin Alison Summers und den beiden Söhnen in New York. Er wurde 1988 und 2001 mit
dem wichtigsten Literaturpreis des Common Wealth, dem Booker Prize
ausgezeichnet. "Oscar und Lucinda" wurde von Gillian Armstrong mit Ralph
Fiennes in der Hauptrolle verfilmt.
Weitere Titel:
Oscar
and Lucinda
The Tax Inspector
The Unusual Life of Tristan Smith
Die geheimen Machenschaften des Jagg Maggs
The
True History of the Kelly Gang (Booker Prize 2001) = Die wahre Geschichte
von Ned Kelly und seiner Gang
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