Lesungen - dabei sein mit der LESELUST

 

01.07.02

Peter Carey liest aus "Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang"

Berlin, 30. Juni, Berliner Bücherfest am Bebelplatz 

 

 

Fußballweltmeisterschaft, Finale, Deutschland gegen Brasilien - wer interessiert sich da schon für das Berliner Bücherfest? Ob es nun daran lag, dass Deutschland verloren hat, ob das durchwachsene Wetter dazu beigetragen hat - jedenfalls war es um 18:00 Uhr erstaunlich gut gefüllt, als Peter Carey, der australische Schriftsteller und zweimalige Gewinner des renommierten Booker-Prize, das Lesezelt betrat um aus seinem Roman "True History of the Kelly Gang" vorzulesen.

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, dass Schriftsteller sich schlecht kleiden müssen - jedenfalls sind der hellbeige Anzug und die grauen Turnschuhe nicht wirklich der letzte Schrei. Auch die Haare sind nicht so dunkel, wie man sie von den Fotos kennt - aber das alles vermag nichts an dem sympathischen Eindruck zu ändern, den der Australier macht.

Vorgestellt wurde er von Johannes Reiser, der einige nette Details aus dem Leben Peter Careys erzählte. So war es eigentlich nicht zu erwarten, dass aus ihm einmal ein Schriftsteller werden würde; er wollte Naturwissenschaftler werden und hatte auch begonnen, etwas aus diesem Fachbereich zu studieren. Aber dann verliebte er sich und rasselte in der Folge durch alle Prüfungen. Die Alternative: arbeiten. Er startete in einer etwas ungewöhnlichen Werbeagentur: Der Chef war ein ehemaliger Kommunist, und die Mitarbeiter eine bunte Mischung aus Malern, Schriftstellern etc. Und diese Leute brachten Carey mit der Welt der Literatur in Kontakt - bald darauf begann er selbst zu schreiben. 

Drei Romane schrieb er; der erste fand gar keinen Verleger, beim zweiten Roman ging der Verleger pleite, ehe das Buch erscheinen konnte, und der dritte Versuch, in London diesmal, ging ebenfalls daneben. Also kehrte er nach Australien zurück - und startete einen neuen Versuch, diesmal mit Erzählungen. Und diese Erzählungen kamen sowohl bei seinen Freunden als auch beim Publikum und der Literaturkritik sehr gut an. Die ersten Preise folgten, und auf einmal fand sich auch in Europa ein Verleger.

Dass er dann wieder begann, Romane zu schreiben, war mehr oder weniger auch dem Zufall zuzuschreiben; seine Agentin erzählte dem Verleger in England, dass er an einem Roman schreiben würde - schließlich verkaufen sich Romane wesentlich leichter als Kurzgeschichten. Carey, der zu diesem Zeitpunkt in einer Kommune in Queensland lebte, lies sich überreden - und schrieb den Roman "Bliss", der auch ins Deutsche übersetzt wurde. 

Wenige Jahre später folgte für "Oscar and Lucinda" das erste Mal die höchste literarische Auszeichnung, die das Commonwealth zu vergeben hat: der Booker Prize. 

Nach dieser Einführung beginnt Peter Carey zu lesen - nicht ohne vorher für einen Lacher zu sorgen, indem er kurz einwirft, wie entspannt es ist, vorgestellt zu werden und kein einziges Wort davon zu verstehen.

Dann begann er vorzulesen. Und wie! Was am Text so speziell ist, diese langen Sätze ohne Punkt und Komma, und dazu die Mischung aus sprachlicher Finesse und dem Tonfall des ungebildeten Outlaws, das kommt bei seiner Art vorzulesen wunderbar rüber. Mittlerweile habe ich gelesen, dass seine Frau Theaterdirektorin ist - man merkte es seinem Vortrag an. Blickkontakt, wohlmodulierte Stimme, lebhafter Vortrag - es war leichter, seinem englischen Vorlesen zu folgen als dem darauffolgenden von Christian Rohr (der aber, das muss an dieser Stelle erwähnt werden, seine Sache auch sehr gut gemacht hat). Ein australischer Akzent war nur leicht zu hören - aber deutlich genug, um Fernweh auszulösen.

Danach blieb leider nur noch kurze Zeit für Fragen, die Johannes Reiser an den Autor stellen konnte. "Wer war eigentlich Ned Kelly" - das war die Schlüsselfrage, die er ihm stellte. In Australien kennt den Namen jedes Kind, aber hier in Deutschland ist er wahrscheinlich weitgehend unbekannt. 

Ja, Ned Kelly, holt Peter Carey aus - in den USA, wo er lebt, kennt auch jedes Schulkind die Outlaws, wie zum Beispiel Jesse James. Aber Ned Kelly ist von der Bedeutung her eher mit Thomas Jefferson zu vergleichen. Man sollte schließlich nicht vergessen, dass das heutige Australien als Sträflingskolonie begann. 

Er hatte ihn also sein Leben lang gekannt, wollte auch schon seit dem Zeitpunkt, als er den Brief gelesen hatte, den Ned Kelly hinterlassen hatte, davon überzeugt, dass er über ihn schreiben wollte - aber es hatte 40 Jahre gedauert, bis er es dann tatsächlich in Angriff nahm. 

Der Auslöser dafür war die Ausstellung eines australischen Malers in New York. Auf den Bildern war auch Ned Kelly zu sehen - und Peter Carey hatte seine Freunde in diese Ausstellung geschleppt und sah sich plötzlich in der Rolle des Erzählers wieder, der über Australiens Geschichte referierte.

Ned Kellys Brief hatte er zu einer Zeit gelesen, als er auch Joyce, Faulkner etc, kennen gelernt hatte - der Unterschied in der Sprache, aber doch die Kraft und Schönheit, die in diesem irisch-australischen Schriftstück zu lesen war, hatte ihn verlockt, diese Sprache in einem Roman umzusetzen.

Über eine historische Größe zu schreiben, die so präsent ist wie Ned Kelly, sei doch ganz schön riskant, meinte Johannes Reiser dann. Ja, so der Autor. Aber wenn Literatur nicht riskant ist, dann lohne es sich nicht, morgens aus dem Bett zu steigen.

Das Leben einer historisch bekannten Figur sei wie eine große dunkle Fläche, die von hellen Scheinwerfern beleuchtet werde - das sind die Stellen, die die Historiker kennen. Und das dazwischen ist der Raum für den Schriftsteller, das Buch mit Leben zu füllen, mit seiner Fiktion. Es wäre ihm in diesem Fall auch lieber gewesen, die Gang hätte nur aus drei oder zwei Mitgliedern bestanden; die Mutter hätte vielleicht ein paar Kinder weniger gehabt, aber das ist nun mal Historie. 

Können wir ein paar Minuten überziehen, fragt Johannes Reiser - doch der Veranstalter winkt ab, die nächste Lesung soll um 19:00 Uhr beginnen. Peter Carey signiert aber noch kurz auf dem Stand  am Bebelplatz. 

Das Festzelt leert sich schlagartig, die Schlange vor dem Signiertisch bleibt aber überschaubar. Wir holen uns auch noch kurz eine Unterschrift, wechseln ein paar Worte mit dem Autor - und haben den Rest des Abends Fernweh nach Australien, nach der so entspannten, freundlichen australischen Art, die man auch an Peter Carey wieder erleben durfte.     

  Der Autor: 

Peter Carey wurde 1943 in Bacchus Marsh, Victoria (Australien) geboren und lebt heute mit seiner Frau, der Theaterdirektorin Alison Summers und den beiden Söhnen in New York. Er wurde 1988 und 2001 mit dem wichtigsten Literaturpreis des Common Wealth, dem Booker Prize ausgezeichnet.  "Oscar und Lucinda" wurde von Gillian Armstrong mit Ralph Fiennes in der Hauptrolle verfilmt.

Weitere Titel: 
Oscar and Lucinda
 

The Tax Inspector 

The Unusual Life of Tristan Smith

Die geheimen Machenschaften des Jagg Maggs

The True History of the Kelly Gang (Booker Prize 2001) = Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang


© Daniela Ecker
30. Juni  2002

LESELUST