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28.04.02

Martin Suter liest aus "Ein perfekter Freund

Berlin, 24. April, Buchhandlung Kiepert am Hardenbergplatz 

 

 

So voll, wie ich es schon bei anderen Lesungen erlebt habe, ist es bei Kiepert an diesem Mittwochnachmittag zwar nicht, aber dennoch: es sind viele Leser gekommen, um dem Schweizer Autor zuzuhören, was er denn zu erzählen hat.

Regine Kiepert, die wie gewohnt den Autor kurz vorstellt, freut sich auch, ihn  zum ersten Mal hier in Berlin begrüßen zu dürfen. "Ich komme ja häufig gar nicht dazu, all die Bücher zu lesen, die hier präsentiert werden" meinte sie, "aber dieses hier las sich wunderbar in einem Zug, ich mochte es gar nicht mehr aus der Hand legen".

Martin Suter lebt, so erfahren wir, halb auf Ibiza, halb in Guatemala - und ein kleines bisschen auch in der Schweiz.  Ich kannte ihn ja nur von Fotos; daher war ich dann auch etwas überrascht, wie klein und zierlich der Autor eigentlich ist. 

"Ich werde so lange lesen, bis ich Ermüdungserscheinungen im Publikum feststelle" schlägt er dem Publikum vor, und dann fängt er an. Ganz offensichtlich ist er gut vorbereitet, seine Buchausgabe ist gespickt mit grünen Post-its, die die Stellen markieren, die er eigentlich lesen möchte. Doch er scheint sich immer wieder neu zu entscheiden, jedenfalls blättert er zwischen den einzelnen Abschnitten immer wieder im Buch herum.

Ausgelesen - nun stellt er sich den Publikumsfragen, die etwas zögerlich gestellt werden. Woher er die Idee für diesen Roman hatte? 
Er hat jetzt drei Romane geschrieben, die sich mit neurologischen Veränderungen befassen. (hier stellt er auch kurz die Inhalte seiner anderen Bücher vor). Ursprünglich hatte er sich für Alzheimer interessiert, weil sein Vater daran erkrankt war, und er wissen wollte, welche Veränderungen im Gehirn sich dadurch ergeben. Eines führte dann zum anderen, und seine ganzen Recherchen brachten ihn auf die Themen für die nachfolgenden Bücher. Recherchen findet er überhaupt sehr wichtig; wenn er selbst Bücher liest, ärgert er sich immer über Ungenauigkeiten, die durch ein paar Nachforschungen hätten vermieden werden können. Und so versucht er auch, alles so wahrhaftig wie möglich zu schreiben, auch unter dem Aspekt, dass der Leser ihm, wenn er zehnmal die Wahrheit gesagt hatte, die kleine Lüge, die er beim elften Mal verwendet, ohne weiteres glaubt. Der Pilz zum Beispiel, der in "Die dunkle Seite des Mondes" für die dramatischen Veränderungen sorgt, den gibt es nicht wirklich, wohl aber die Substanz. 

Doch sein nächstes Buch wird sich mit einer anderen Thematik beschäftigen. Mit welcher, weiß er noch nicht, da er jetzt erstmal eine Schreibpause einlegen wird, Urlaub machen, Lesereisen, und danach sein nächstes Buch beginnt. 

Welche Bücher liest er selber gerne? 
Angelsächsische Autoren, wie zum Beispiel Patricia Highsmith, Summerset Maugham - einer der Autoren, die für ihn ein wunderbares Vorbild eines Thrillerautors darstellen, ist ETA Hoffmann. Auch Hitchcock, da ist er sicher, hat Hoffmann gelesen. Sein Anliegen ist es, Bücher zu schreiben, wie er sie selber gerne lesen würde.

Haben Sie ein Anliegen, eine Botschaft, die Sie mit Ihren Büchern vermitteln wollen? wird er danach gefragt. Schließlich würden seine Romane bevorzugt im Wirtschaftsmilieu spielen.
Nein. Im deutschsprachigen Raum werden Berufe in Büchern oft ausgeklammert, als müssten die Protagonisten nicht arbeiten, nicht einkaufen gehen. Deshalb hat er auch Tom Wolfe sehr gerne gelesen, weil da endlich mal auch Zahlen genannt wurden. Und da er nun selber die Wirtschaftswelt kennt, stellt er sie in seinen Büchern auch dar. 
Aber um die Frage zu beantworten: Sein einziges Anliegen, wenn man es so nennen möchte, ist, die Menschen für die Dauer der Lektüre zu unterhalten.

Wie kam er eigentlich zum Romanschreiben?
Seit er 18 Jahre alt war, hatte er davon geträumt, vom Schreiben zu leben. Und so wurde er ja auch erstmal Werbetexter, Journalist, hat zum Beispiel für Geo Reportagen geschrieben - und sich mit 47 dann darüber gewagt, seinen ersten Roman zu schreiben. Die Angst hatte dabei sicher auch eine gewisse Rolle gespielt, denn Romane zu schreiben ist doch immer noch die Königsdisziplin des Schreibens.

Da er ja so viel Zeit in seiner Wahlheimat Guatemala verbringt, wird einer der nächsten Romane auch an diesem Schauplatz spielen?
Nein. Natürlich hatte er es versucht, aber das ganze las sich dann wie eine Geo-Reportage, weil er permanent versucht war, zu beschreiben, zu erklären, und es einfach nicht authentisch wurde. Schreiben kann man nur über etwas, das man wirklich gut kennt, und das ist bei ihm eben die Schweiz.

Kamen nach Business Class böse Kommentare von Managern?
Das schöne an der Satire ist ja, dass die, die es betrifft, es meist gar nicht erkennen. Und so kamen auch fast durchweg positive Reaktionen. 

War Diogenes, als er damals seinen ersten Roman fertig hatte, die erste Anlaufstelle, wo er seinen Roman gedruckt haben wollte?
Ja, für ihn war immer klar: wenn er einmal ein Buch schreibt, dann sollte das bei Diogenes erscheinen. Und so hatte er auch das erste Buch zu Diogenes geschickt - und es umgehend zurückerhalten.  Seither liegt dieser Roman in der Schublade, und da liegt er gut.

Worum ging es in diesem nicht veröffentlichten Buch?
Das hatte ihn Daniel Kehl, (Diogenes-Verleger) auch gefragt. Diese Antwort sorgt natürlich für Gelächter im Publikum. Ja, es wäre gar nicht so schlecht, das erste Buch nicht zu veröffentlichen; auch wenn man es selbst nicht glaubt, aber meistens braucht man noch ein wenig mehr Übung. Mittlerweile hätte er aber einige der Schauplätze aus dem ersten Roman in den anderen verwendet, also könne er diesen auch gar nicht mehr veröffentlichen, ohne erst recht wieder umzuschreiben.

Beim zweiten Versuch hatte er es dann auch nur über die Vermittlung von Bekannten geschafft, bei Diogenes zu landen.

Warum ausgerechnet Diogenes? 
Weil sie das Programm verlegen, das er selber gerne liest, die Trennung zwischen Unterhaltungs- und Ernster Literatur nicht so streng ist wie anderswo, und er sich da einfach wohlfühlt.

Wie lange schreibt er eigentlich an einem Buch?
Normalerweise dauert es von den ersten Recherchen zur Idee bis zum Abliefern rund ein Jahr. Manche sagen, das wäre kurz, andere finden es sehr lange - aber er will, wenn er dann mal begonnen hat, auch wissen, wie es ausgeht. Er hat zwar schon ein Konzept im Kopf, was passieren soll, aber was in den einzelnen Szenen konkret passiert, ergibt sich dann doch erst beim Schreiben.

Man kann auch ganz anders schreiben, das weiß er - seine Kollegin Donna Leon zum Beispiel hat, wenn sie beginnt, nicht mehr Informationen als eine Leiche - das ist alles.

Nachdem Martin Suter ohnehin schon auf die zögerlich gestellten Fragen sehr ausführlich geantwortet hat, ist der Übergang zum Signieren keine rüde Unterbrechung. 

Auch hier lässt er sich Zeit, fragt, für wen das Buch ist, verwickelt die einzelnen Leser noch in kurze Gespräche - ein sehr sympathischer Autor, der wirkt, wie seine Bücher: gute Unterhaltung, angenehm, erfreulich - aber nicht so, dass man noch tagelang danach grübelt. Hoffentlich werden ihn auch in der Zukunft noch viele Bücher wieder nach Berlin führen!

  Der Autor: 

Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Er lebt mit seiner Frau in Spanien und Guatemala. er war Werbetexter und erfolgreicher Werber, ein Beruf, den er immer wieder durch andere Schreibtätigkeiten ergänzt oder unterbrochen hat. Unter anderem für GEO-Reportagen, zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen.

Seit 1991 lebt er als freier Autor, seit 1992 schreibt er die wöchentliche Kolumne "Business Class" in der Weltwoche.

Weitere Titel: 

Small World
 

Die dunkle Seite des Mondes
  

Ein perfekter Freund

© Daniela Ecker
28. April  2002

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