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So voll, wie
ich es schon bei anderen Lesungen erlebt habe, ist es bei Kiepert an
diesem Mittwochnachmittag zwar nicht, aber dennoch: es sind viele
Leser gekommen, um dem Schweizer Autor zuzuhören, was er denn zu
erzählen hat.
Regine Kiepert, die wie gewohnt den Autor kurz vorstellt, freut sich
auch, ihn zum ersten Mal hier in Berlin begrüßen zu dürfen.
"Ich komme ja häufig gar nicht dazu, all die Bücher zu lesen,
die hier präsentiert werden" meinte sie, "aber dieses hier
las sich wunderbar in einem Zug, ich mochte es gar nicht mehr aus der
Hand legen".
Martin Suter lebt, so erfahren wir, halb auf Ibiza, halb in Guatemala
- und ein kleines bisschen auch in der Schweiz. Ich kannte ihn
ja nur von Fotos; daher war ich dann auch etwas überrascht, wie klein
und zierlich der Autor eigentlich ist.
"Ich werde so lange lesen, bis ich Ermüdungserscheinungen im
Publikum feststelle" schlägt er dem Publikum vor, und dann
fängt er an. Ganz offensichtlich ist er gut vorbereitet, seine
Buchausgabe ist gespickt mit grünen Post-its, die die Stellen
markieren, die er eigentlich lesen möchte. Doch er scheint sich immer
wieder neu zu entscheiden, jedenfalls blättert er zwischen den
einzelnen Abschnitten immer wieder im Buch herum.
Ausgelesen - nun stellt er sich den Publikumsfragen, die etwas
zögerlich gestellt werden. Woher er die Idee für diesen Roman
hatte?
Er hat jetzt drei Romane geschrieben, die sich mit neurologischen
Veränderungen befassen. (hier stellt er auch kurz die Inhalte seiner
anderen Bücher vor). Ursprünglich hatte er sich für Alzheimer
interessiert, weil sein Vater daran erkrankt war, und er wissen
wollte, welche Veränderungen im Gehirn sich dadurch ergeben. Eines
führte dann zum anderen, und seine ganzen Recherchen brachten ihn auf
die Themen für die nachfolgenden Bücher. Recherchen findet er
überhaupt sehr wichtig; wenn er selbst Bücher liest, ärgert er sich
immer über Ungenauigkeiten, die durch ein paar Nachforschungen
hätten vermieden werden können. Und so versucht er auch, alles so
wahrhaftig wie möglich zu schreiben, auch unter dem Aspekt, dass der
Leser ihm, wenn er zehnmal die Wahrheit gesagt hatte, die kleine
Lüge, die er beim elften Mal verwendet, ohne weiteres glaubt. Der
Pilz zum Beispiel, der in "Die
dunkle Seite des Mondes" für die dramatischen Veränderungen
sorgt, den gibt es nicht wirklich, wohl aber die Substanz.
Doch sein nächstes Buch wird sich mit einer anderen Thematik
beschäftigen. Mit welcher, weiß er noch nicht, da er jetzt erstmal
eine Schreibpause einlegen wird, Urlaub machen, Lesereisen, und danach
sein nächstes Buch beginnt.
Welche Bücher liest er selber gerne?
Angelsächsische Autoren, wie zum Beispiel Patricia Highsmith,
Summerset Maugham - einer der Autoren, die für ihn ein wunderbares
Vorbild eines Thrillerautors darstellen, ist ETA Hoffmann. Auch
Hitchcock, da ist er sicher, hat Hoffmann gelesen. Sein Anliegen ist
es, Bücher zu schreiben, wie er sie selber gerne lesen würde.
Haben Sie ein Anliegen, eine Botschaft, die Sie mit Ihren Büchern
vermitteln wollen? wird er danach gefragt. Schließlich würden seine
Romane bevorzugt im Wirtschaftsmilieu spielen.
Nein. Im deutschsprachigen Raum werden Berufe in Büchern oft
ausgeklammert, als müssten die Protagonisten nicht arbeiten, nicht
einkaufen gehen. Deshalb hat er auch Tom Wolfe sehr gerne gelesen,
weil da endlich mal auch Zahlen genannt wurden. Und da er nun selber
die Wirtschaftswelt kennt, stellt er sie in seinen Büchern auch
dar.
Aber um die Frage zu beantworten: Sein einziges Anliegen, wenn man es
so nennen möchte, ist, die Menschen für die Dauer der Lektüre zu
unterhalten.
Wie kam er eigentlich zum Romanschreiben?
Seit er 18 Jahre alt war, hatte er davon geträumt, vom Schreiben zu
leben. Und so wurde er ja auch erstmal Werbetexter, Journalist, hat
zum Beispiel für Geo Reportagen geschrieben - und sich mit 47 dann
darüber gewagt, seinen ersten Roman zu schreiben. Die Angst hatte
dabei sicher auch eine gewisse Rolle gespielt, denn Romane zu
schreiben ist doch immer noch die Königsdisziplin des Schreibens.
Da er ja so viel Zeit in seiner Wahlheimat Guatemala verbringt, wird
einer der nächsten Romane auch an diesem Schauplatz spielen?
Nein. Natürlich hatte er es versucht, aber das ganze las sich dann
wie eine Geo-Reportage, weil er permanent versucht war, zu
beschreiben, zu erklären, und es einfach nicht authentisch wurde.
Schreiben kann man nur über etwas, das man wirklich gut kennt, und
das ist bei ihm eben die Schweiz.
Kamen nach Business Class böse Kommentare von Managern?
Das schöne an der Satire ist ja, dass die, die es betrifft, es meist
gar nicht erkennen. Und so kamen auch fast durchweg positive
Reaktionen.
War Diogenes, als er damals seinen ersten Roman fertig hatte, die
erste Anlaufstelle, wo er seinen Roman gedruckt haben wollte?
Ja, für ihn war immer klar: wenn er einmal ein Buch schreibt, dann
sollte das bei Diogenes erscheinen. Und so hatte er auch das erste
Buch zu Diogenes geschickt - und es umgehend zurückerhalten.
Seither liegt dieser Roman in der Schublade, und da liegt er gut.
Worum ging es in diesem nicht veröffentlichten Buch?
Das hatte ihn Daniel Kehl, (Diogenes-Verleger) auch gefragt. Diese
Antwort sorgt natürlich für Gelächter im Publikum. Ja, es wäre gar
nicht so schlecht, das erste Buch nicht zu veröffentlichen; auch wenn
man es selbst nicht glaubt, aber meistens braucht man noch ein wenig
mehr Übung. Mittlerweile hätte er aber einige der Schauplätze aus
dem ersten Roman in den anderen verwendet, also könne er diesen auch
gar nicht mehr veröffentlichen, ohne erst recht wieder umzuschreiben.
Beim zweiten Versuch hatte er es dann auch nur über die Vermittlung
von Bekannten geschafft, bei Diogenes zu landen.
Warum ausgerechnet Diogenes?
Weil sie das Programm verlegen, das er selber gerne liest, die
Trennung zwischen Unterhaltungs- und Ernster Literatur nicht so streng
ist wie anderswo, und er sich da einfach wohlfühlt.
Wie lange schreibt er eigentlich an einem Buch?
Normalerweise dauert es von den ersten Recherchen zur Idee bis zum
Abliefern rund ein Jahr. Manche sagen, das wäre kurz, andere finden
es sehr lange - aber er will, wenn er dann mal begonnen hat, auch
wissen, wie es ausgeht. Er hat zwar schon ein Konzept im Kopf, was
passieren soll, aber was in den einzelnen Szenen konkret passiert,
ergibt sich dann doch erst beim Schreiben.
Man kann auch ganz anders schreiben, das weiß er - seine Kollegin
Donna Leon zum Beispiel hat, wenn sie beginnt, nicht mehr
Informationen als eine Leiche - das ist alles.
Nachdem Martin Suter ohnehin schon auf die zögerlich gestellten
Fragen sehr ausführlich geantwortet hat, ist der Übergang zum
Signieren keine rüde Unterbrechung.
Auch hier lässt er sich Zeit, fragt, für wen das Buch ist,
verwickelt die einzelnen Leser noch in kurze Gespräche - ein sehr
sympathischer Autor, der wirkt, wie seine Bücher: gute Unterhaltung,
angenehm, erfreulich - aber nicht so, dass man noch tagelang danach
grübelt. Hoffentlich werden ihn auch in der Zukunft noch viele
Bücher wieder nach Berlin führen!
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Der
Autor:

Martin
Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Er lebt mit seiner
Frau in Spanien und Guatemala. er war Werbetexter und
erfolgreicher Werber, ein Beruf, den er immer wieder
durch andere Schreibtätigkeiten ergänzt oder
unterbrochen hat. Unter anderem für GEO-Reportagen,
zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen.
Seit 1991 lebt er als freier Autor, seit 1992 schreibt er
die wöchentliche Kolumne "Business Class" in
der Weltwoche.
Weitere Titel:
Small World
Die dunkle Seite des Mondes
Ein perfekter Freund
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