Lesungen - dabei sein mit der LESELUST

 

21.04.02

Bernhard Schlink liest "Der Andere" aus "Liebesfluchten"

musikalisch begleitet von Henner Wolter

Berlin, 21. April, 11:00 Uhr - Deutsches Theater 
 

 

Sonntagmorgen in Berlin, ein wundervoll sonniger Frühlingstag. Vor dem Deutschen Theater tummeln sich vornehmlich Damen und Herren in den besten Jahren, aber auch Jugendliche bis Menschen meines Alters. 

Dann ertönt der Gong, langsam strömt man ins Theater. Es füllt sich rasch - ausverkauft. Die Bühne ist leer. Ein orangefarbiges, beleuchtetes Rechteck vor schwarzem Hintergrund. Ein Tisch und ein Stuhl in der Mitte der Bühne - etwas abseits noch ein kleines rundes Bistrotischchen und noch ein Stuhl. Ein Notenständer.

Dann betreten sie die Bühne - Bernhard Schlink und Henner Wolter. Seit langem wären sie Freunde, führt Schlink kurz auf; und er freue sich, dass Henner Wolter die heutige Lesung musikalisch auf der Klarinette untermalen würde. 

Wolter seinerseits erwähnt noch kurz, bevor er zu spielen anfängt, dass sie beide auf ihre "fette" Gage verzichten würden - zugunsten eines Schulhilfevereins für afghanische Kinder. Und dass zum Ende der Veranstaltung ein Klingelbeutel rumgehen würde - man solle doch bitte nicht davonlaufen.

Dann beginnt er wirklich, spielt Kletzmermusik auf der Klarinette. Applaus nach dem letzten Ton; ob wir dann, wenn Wolter zwischen den einzelnen Teilen der Lesung spielen würde, darauf verzichten könne, meint Schlink, bevor er anfängt zu lesen? Zustimmendes Nicken im Publikum, aber dann auch der laute Einwurf: Bitte, der Ton ist hinten furchtbar schlecht - ob man da etwas ändern könnte? Bitte nicht klatschen nach der Musik, meint Schlink noch einmal, den Einwurf missverstehend. 

Und dann beginnt er zu lesen - eine Erzählung aus seinem vielgepriesenen Erzählband "Liebesfluchten" (für mich persönlich auch, nebenbei bemerkt, eines der besten Bücher 2000). "Der Andere" - also auch noch genau die Erzählung, die mich beim Lesen schon sehr beeindruckt hatte.  Kurz der Inhalt noch einmal: Nach dem Tod seiner Frau muss der Witwer feststellen, dass seine Frau einmal, vor Jahren, ein Verhältnis hatte. Und posthum wird er eifersüchtig, will wissen, was sie an ihm fand, mit ihm hatte, was sie ihm nicht sein konnte, und bricht auf, diesen Mann kennenzulernen. 

Als begnadeten Vorleser würde ich Bernhard Schlink nicht bezeichnen; zu wenig Leben bringt er in seine Stimme, in seinen Text, so gut mir der auch diesmal wieder gefällt. 

Wir hören die ganze Erzählung, immer wieder unterbrochen von kurzen Stücken aus der Klarinette. Gegen Ende wird auch wirklich eine Schachtel herumgereicht, die sich rasch mit Scheinen und Münzen füllt und schon ordentlich schwer ist, als sie auch meine Reihe erreicht. Dann ist die Erzählung zu Ende. Applaus, nochmals Applaus - und das wars.

Kein Gespräch, keine Plaudereien mit dem Autor. Ein paar unverbesserliche lungern noch vor der Bühne herum; schließlich hängt sein Jacket noch über dem Stuhl, und vielleicht lässt er sich ja dazu bewegen, ein paar Bücher zu signieren? 

Ob er nicht auch mal daran denken würde, etwas für die Bühne zu schreiben, hört man die Frage von einem der Theatermenschen, als Schlink dann seine Jacke auf der Bühne abholen will. Ja, er hätte da schon etwas Kopf und würde dran arbeiten, verspricht er - ohne näher darauf einzugehen.

Und setzt sich dann an den Bühnenrand, um für die paar Übriggebliebenen noch Bücher zu signieren. Auf meine Frage meint er, dass er derzeit gerade wieder Vorlesungen in New York halten würde - und mit einem neuen Roman begonnen hätte. Sonderlich gesprächig ist er nicht, aber immerhin haben wir ihn mal lesen gehört, seinen Namenszug in unseren Büchern - und wir können wieder hinaus in die Sonne, den warmen Frühlingstag genießen.

  Der Autor: 

Bernhard Schlink 
- Student in Heidelberg und Berlin, wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg. Promotion 1975 (Abwägung im Verfassungsrecht, 1976), Habilitation 1981 (Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der Gewaltenteilung in der Verwaltung, 1982). Professor in Bonn, Frankfurt und seit 1992 an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1993 Gastprofessor an der Yeshiva-University New York. Gemeinsam mit Bodo Pieroth Autor des Lehrbuchs "Grundrechte" (11. Auflage 1995). Seit 1988 Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen.

Weitere Titel: 

Selbs Betrug
(1)

Selbs Justiz
  (2)

Die gordische Schleife 

Der Vorleser
 

Liebesfluchten
 

Selbs Mord
(3)

© Daniela Ecker
21. April 2002

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