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Sonntagmorgen in
Berlin, ein wundervoll sonniger Frühlingstag. Vor dem Deutschen
Theater tummeln sich vornehmlich Damen und Herren in den besten
Jahren, aber auch Jugendliche bis Menschen meines Alters.
Dann ertönt der Gong, langsam strömt man ins Theater. Es füllt sich
rasch - ausverkauft. Die Bühne ist leer. Ein orangefarbiges,
beleuchtetes Rechteck vor schwarzem Hintergrund. Ein Tisch und ein
Stuhl in der Mitte der Bühne - etwas abseits noch ein kleines rundes
Bistrotischchen und noch ein Stuhl. Ein Notenständer.
Dann betreten sie die Bühne - Bernhard Schlink und Henner Wolter.
Seit langem wären sie Freunde, führt Schlink kurz auf; und er freue
sich, dass Henner Wolter die heutige Lesung musikalisch auf der
Klarinette untermalen würde.
Wolter seinerseits erwähnt noch kurz, bevor er zu spielen anfängt,
dass sie beide auf ihre "fette" Gage verzichten würden -
zugunsten eines Schulhilfevereins für afghanische Kinder. Und dass
zum Ende der Veranstaltung ein Klingelbeutel rumgehen würde - man
solle doch bitte nicht davonlaufen.
Dann beginnt er wirklich, spielt Kletzmermusik auf der Klarinette.
Applaus nach dem letzten Ton; ob wir dann, wenn Wolter zwischen den
einzelnen Teilen der Lesung spielen würde, darauf verzichten könne,
meint Schlink, bevor er anfängt zu lesen? Zustimmendes Nicken im
Publikum, aber dann auch der laute Einwurf: Bitte, der Ton ist hinten
furchtbar schlecht - ob man da etwas ändern könnte? Bitte nicht
klatschen nach der Musik, meint Schlink noch einmal, den Einwurf
missverstehend.
Und dann beginnt er zu lesen - eine Erzählung aus seinem
vielgepriesenen Erzählband "Liebesfluchten"
(für mich persönlich auch, nebenbei bemerkt, eines der besten
Bücher 2000). "Der Andere" - also auch noch genau die
Erzählung, die mich beim Lesen schon sehr beeindruckt hatte.
Kurz der Inhalt noch einmal: Nach dem Tod seiner Frau muss der Witwer
feststellen, dass seine Frau einmal, vor Jahren, ein Verhältnis
hatte. Und posthum wird er eifersüchtig, will wissen, was sie an ihm
fand, mit ihm hatte, was sie ihm nicht sein konnte, und bricht auf,
diesen Mann kennenzulernen.
Als begnadeten Vorleser würde ich Bernhard Schlink nicht bezeichnen;
zu wenig Leben bringt er in seine Stimme, in seinen Text, so gut mir
der auch diesmal wieder gefällt.
Wir hören die ganze Erzählung, immer wieder unterbrochen von kurzen
Stücken aus der Klarinette. Gegen Ende wird auch wirklich eine
Schachtel herumgereicht, die sich rasch mit Scheinen und Münzen
füllt und schon ordentlich schwer ist, als sie auch meine Reihe
erreicht. Dann ist die Erzählung zu Ende. Applaus, nochmals Applaus -
und das wars.
Kein Gespräch, keine Plaudereien mit dem Autor. Ein paar
unverbesserliche lungern noch vor der Bühne herum; schließlich
hängt sein Jacket noch über dem Stuhl, und vielleicht lässt er sich
ja dazu bewegen, ein paar Bücher zu signieren?
Ob er nicht auch mal daran denken würde, etwas für die Bühne zu
schreiben, hört man die Frage von einem der Theatermenschen, als
Schlink dann seine Jacke auf der Bühne abholen will. Ja, er hätte da
schon etwas Kopf und würde dran arbeiten, verspricht er - ohne näher
darauf einzugehen.
Und setzt sich dann an den Bühnenrand, um für die paar
Übriggebliebenen noch Bücher zu signieren. Auf meine Frage meint er,
dass er derzeit gerade wieder Vorlesungen in New York halten würde -
und mit einem neuen Roman begonnen hätte. Sonderlich gesprächig ist
er nicht, aber immerhin haben wir ihn mal lesen gehört, seinen
Namenszug in unseren Büchern - und wir können wieder hinaus in die
Sonne, den warmen Frühlingstag genießen.
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Der
Autor:

Bernhard Schlink
- Student in
Heidelberg und Berlin, wissenschaftlicher Assistent in
Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg. Promotion 1975
(Abwägung im Verfassungsrecht, 1976), Habilitation 1981
(Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der
Gewaltenteilung in der Verwaltung, 1982). Professor in
Bonn, Frankfurt und seit 1992 an der
Humboldt-Universität zu Berlin. 1993 Gastprofessor an
der Yeshiva-University New York. Gemeinsam mit Bodo
Pieroth Autor des Lehrbuchs "Grundrechte" (11.
Auflage 1995). Seit 1988 Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land
Nordrhein-Westfalen.
Weitere Titel:
Selbs
Betrug (1)
Selbs Justiz (2)
Die gordische Schleife
Der Vorleser
Liebesfluchten
Selbs Mord (3)
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