Lesungen - dabeigewesen mit der LESELUST

 

12.07.02

 

  Siegfried Lenz und Per Olov Enquist
Lesung und Diskussion im Haus der Kulturen der Welt, 21. April 2002

   

Siegfried Lenz  wurde 1926 in Lyck in Ostpreußen geboren und lebt in Hamburg. Lenz ist der Sohn eines Zollbeamten in Masuren. 1939 kam er in die Hitler-Jugend, und 1943 machte er seine Notabitur. Dann diente er in der Kriegsmarine, und er überlebte die Versenkung seines Schiffes. Er desertierte in Dänemark und kam in englische Kriegsgefangenschaft. 1945 begann er in Hamburg Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft zu studieren. Zur gleichen Zeit schrieb er für verschiedene Zeitungen, und 1950 wurde er Feuilletonredakteur. 

Von 1965 bis zum Beginn der 70er Jahre arbeitete er in Wahlkämpfen für die SPD. Unter anderen erhielt er den Bremer Literaturpreis (1961), den Literaturpreis der deutschen Freimaurer (1970) und den Thomas-Mann-Preis (1984). 

Titel: 

Deutschstunde

Zeit der Schuldlosen

Das Vorbild

Der Verlust

Arnes Nachlass

Zaungast


 
Die Hauptveranstaltung des Deutschen Börsenvereins zum Welttag des Buches findet in Berlin statt. Im Jahr 2000 hatte man mit Doris Lessing und danach 2001 mit Günter Grass / Harry Mulisch eine sehr hohe Latte für das Gelingen der diesjährigen Veranstaltung gelegt; und ganz konnte das Niveau dieser beiden Veranstaltungen 2002 nicht erfüllt werden. 

Es ist auch nicht so voll wie zuletzt; das mag aber auch daran liegen, dass versäumt wurde, entsprechend auf die Veranstaltung hinzuweisen. Unter der Rubrik "Lesungen" war das Lesefest jedenfalls nicht zu finden.

Einer der Veranstalter vom Haus der Kulturen der Welt tritt dann ans Podium, stellt die Akteure kurz vor; Siegfried Lenz, Per Olov Enquist, und Wilfried F. Schoeller, der durchs Programm führen wird. 

Erst müssen diese drei noch ein kurzes Fotoshooting über sich ergehen lassen, dann sollte Rainer Moritz, Verleger (Hoffmann & Campe) die Veranstaltung eröffnen.

Eröffnen sei gut, mein Moritz dann auch gleich gutgelaunt; genau vier Minuten wären ihm zugestanden worden, um die Einführungsrede zu halten. Und um diese Zeit sinnvoll zu nutzen, erhöht er seine Sprechgeschwindigkeit, erzählt uns kurz etwas vom formellen Anlass (Welttag des Buches) - und dass es gleichzeitig auch Welttag des Bieres wäre. Was man auch wunderbar verbinden könne, aber um die Bücher der beiden hier anwesenden Autoren zu genießen, müsse man sich nicht unbedingt erst mit Bier betäuben. Dies ist natürlich kein Zitat, sondern meine höchsteigene Interpretation der launigen, kurzen Rede des Verlegers, der auch kurz erwähnt, dass zumindest ein Buch von Enquist ebenfalls (wie die von Siegfried Lenz, seit 51 Jahren) bei Hoffmann & Campe erschienen wäre. 

Dann spricht Wilfried Schoeller, macht erst die Einführung für Siegfried Lenz. Es wäre wohl niemand hier anwesend, der noch keines der Bücher von Lenz gelesen hätte - da seine Deutschstunde ja Schullektüre wäre, käme man um ihn einfach nicht herum. An dieser Stelle bin ich nahe dran, mein schmachvolles Bekenntnis zu offenbaren: Doch, es ist jemand anwesend, der tatsächlich noch nichts von Lenz gelesen hat! Ich!

Lenz werde aus dem extra für den Welttag des Buches herausgegebenen Reisenotizen "Zaungast" lesen, die vom Besuch einer Jütländer Kaffeetafel handeln, oder von einem Ranchbesuch in Wyoming, von der Suche nach einem lachenden Vogel in Australien - kurz, eine unterhaltsame Sammlung des Humoristen Lenz. 

Wenn man Siegfried Lenz bis zu diesem Zeitpunkt beobachtet hatte, bezweifelte man ja doch ein wenig, ob es noch zu einer guten Lesung kommen könnte. Alt wirkt er vor allem, wie er da sitzt - alt, gebrechlich, als wäre er nicht ganz anwesend. 

Doch dann beginnt er zu lesen. Und es ist, als würde da plötzlich ein anderer, wesentlich jüngerer Mann vor uns sitzen; deutlich gestrafft ist seine Haltung, sein Gesicht leuchtet, und die Stimme hat aber auch gar nichts von einem alten Mann an sich. Alleine schon ihm der Stimme wegen zuzuhören wäre ein Genuss gewesen. Selten hatte ich bislang das Vergnügen, einer derart kultivierten Stimme zu lauschen. Aber damit nicht genug - der Text, den er hier zum Besten gibt, ist ein Stück heiterer Literatur, wie man es viel zu selten trifft. In wohlgewählten Worten berichtet Siegfried Lenz davon, mit seiner Frau in Jütland zum Kaffee eingeladen zu sein. Einen großen Teller mit Butterbroten - Rundstücken - sieht er zuerst nur auf sich zukommen. Doch dabei bleibt es natürlich nicht. In rascher Folge wird ihnen von der Hausfrau voller Stolz Blätterteigkuchen, Buttercremetorte, Napoleonschnitten, Nusstorte präsentiert - natürlich immer begleitet von literweise heißem, starkem Kaffee. Immer mehr quälen sich die Gäste, denn abzulehnen hieße, die Gastfreundschaft schlecht zu vergelten. Und dann, als er es eigentlich kaum noch schafft, seine Stirn von der Kaffeetafel fernzuhalten, spricht er es aus - ohne an die Konsequenzen zu denken: "Wo bleibt denn eigentlich das Kleingebäck?" Denn Kleingebäck, so hat er gehört, wäre die Krönung jeder Jütländischen Kaffeetafel...

Nicht nur ich habe mich beim Zuhören grandios unterhalten; allerorts war Gelächter zu vernehmen. Es war einfach zu schön, für jeden wunderbar vorstellbar, wie diese Gastfreundschaft zur Qual wird. 

Danach ist Per Olov Enquist an der Reihe. Auch auf  seine Bücher wird kurz von Wilfried Schoeller eingegangen; schließlich ist "Der fünfte Winter des Magnetiseurs" eines der ersten Bücher des Autors, das erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. Daher würde er auch nicht aus diesem sondern aus "Der Besuch des Leibarztes" lesen.

Was er dann auch macht. Aber erst gibt er uns eine Kurzzusammenfassung seines Romanes: Struensee kam 1766 (?) an den dänischen Hof und wurde vier Jahre später hingerichtet. Danach hören wir eine Kostprobe aus der Verführungsszene; Literatur kann wunderbar als Anheizer dienen, wie wir hier erfahren können. Während die Aufzählung der Epigramme Holbeins noch unterhaltsam ist, enthält die darauffolgende Szene alles das, was ich nicht gerne lese und höre -  und auch die Schlussszene, als Struensee kurz vor der Hinrichtung steht, vermag den Eindruck nicht wieder zugunsten des Autors und Buches zu ändern. 

Danach beginnt das von Schoeller moderierte Gespräch. Er beginnt mit einem Zitat von Siegfried Lenz: "Ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen". Ob er das erklären könne? Ja, meint Lenz. Realität müsse für ihn erst kenntlich gemacht werden - durch die Geschichten eines Autors. 

Bei Enquist hingegen, von dem ja zuletzt zwei historische Romane auf Deutsch erschienen sind, dreht er den Spieß um; er brauche Geschichte, um zu erzählen. Wie authentisch ist das, was er in seinen historischen Romanen schreibt?

Er versuche, die Fakten mit Leben zu füllen; wichtig sei, was man aus dem mache, was vorhanden sei, betont er, unterstützt dann auch von Siegfried Lenz.

Während das Gespräch mühsam in die Gänge kommt, sorgen beide Autoren für Heiterkeit im Publikum - denn kaum spricht der Eine, nutzt der andere die Gelegenheit, um die Suchtstoffe in Gang zu setzen - Pfeife und Zigarette. 

Einige Phrasen wirft Schoeller den beiden Autoren noch vor, die sie beantworten sollen; "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen" - "Was sagen Sie zu Internet als globalem Gedächtnis" "Der Autor als Gott" "Gibt es etwas, was Sie aus Ihren Geschichten für sich selbst gelernt haben?" - und jedesmal präsentiert Schoeller ein fertig abgeschlossenes Konzept, das eigentlich vor allem dazu einladen würde, zu sagen "Ja, dem stimme ich zu" oder "Nein, da haben Sie unrecht." Zur Diskussion laden seine Fragen nicht ein; die Autoren bemühen sich zwar redlich, doch Antworten zu liefern, aber wirklich schwungvoll wird es nicht. Wehmütig denkt der Besucher der letzten Veranstaltungen an Dietrich Simon als Moderator zurück, der seine Autoren ganz anders zu Kommentaren aufzufordern wusste. 

Siegfried Lenz verschafft den Besuchern dennoch einige interessante Minuten, wenn er beispielsweise über seine Einschätzung der narrativen Geschichtsschreibung erzählt; dass man nie vergessen solle, dass ein Autor vornehmlich für Zeitgenossen schreibe und: dass jede Aussage auch die Möglichkeit impliziere, dass der Autor sich irre. 

Enquist hingegen meinte, er hätte in den ersten 30 Jahren seiner Schriftstellertätigkeit nichts für sich selber gelernt. Erst als er für das Buch "Kapitän Nemos Bibliothek" gearbeitet hatte, das auf seiner Familiengeschichte beruhe, habe er damit begonnen. Und: Es wäre noch nicht zu spät, meint er. 

Schoeller schließt die Veranstaltung dann, noch ehe die Besucher Fragen stellen können (obwohl extra Mikrofone dafür bereitgestellt waren) mit einem Zitat von Franz Werfel "Ich bin ein Buchstabe nur in einem großen dicken Roman". 


 
Per Olov Enquist wurde 1934 geboren in dem kleinen Dorf Hjoggböle in der nordschwedischen Provinz Västerbotten. Er studiert Literaturwissenschaft in Uppsala und verkehrt in einem Milieu (u.a. um die Literaturzeitschrift 'Rondo'), das am Anfang der sechziger Jahre zu einem Zentrum der literarischen Diskussion in Schweden und zum Impulsgeber für zahlreiche junge Autoren wurde. Neben seiner belletristischen Schriftstellerei ist Enquist als Literaturkritiker tätig. 
1965-1976 ist er ständiger Kolumnist im Feuilletonteil der überregionalen Abendzeitung 'Expressen'. Als es anlässlich des Theaterstücks 'Chez nous' zu einer Kontroverse mit der Verlagsleitung und der Chefredaktion der Zeitung kommt, kündigt er seine Mitarbeit. Im schwedischen Schriftstellerverband, dessen Vorstand er zeitweilig angehört, macht sich Enquist vor allem für die gewerkschaftliche Organisation der schwedischen Schriftsteller stark. Kulturpolitisch aktiv ist er auch als Mitglied öffentlicher Gremien.


Titel: 

Der Besuch des Leibartzes

Der fünfte Winter des Magnetiseurs

Kapitän Nemos Bibliothek

© Daniela Ecker
23. April 2001