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20:30 Uhr in der Buchhandlung
Kiepert. Der Raum ist gut gefüllt, es haben nicht alle Besucher einen
Sitzplatz gefunden; aber nun soll es endlich losgehen.
Regine Kiepert stellt Julian Barnes als einen "Stammgast"
vor - er sei zugleich auch der erste Autor gewesen, den sie hier in
dieser Buchhandlung begrüßen durfte. Und prompt lief damals auch
eine Menge schief; sie hatte auf sein Autorenhonorar vergessen,
hatte kein Hotel für ihn gebucht; aber heute würde nur ein
zweiter Mikrofonständer fehlen.
Aus "Flauberts Papagei" hatte Julian Barnes damals gelesen;
danach war er hier, um "England, England" vorzustellen und
heute präsentiert er "Liebe, usw.". Mit ihm sitzt am
Rednertisch Gertraude Krueger, die seine Bücher ins Deutsche
übersetzt; ausgezeichnet übersetzt, wie der Autor es sich nicht
nehmen lässt zu betonen. Dennoch, und zur Illustration hebt er die
optisch fast identische englische und deutsche Ausgabe in die Höhe;
"Something is always lost in translation". Und in diesem
Fall würde es sich um genau die paar Millimeter handeln, um die die
englische Ausgabe größer ist.
Im Vorgängerroman zu "Liebe usw" (Darüber reden) hatte er
mit dem Epigraph "He lies like an Eye-Witness" begonnen. Ein
perfekter Anfang - etwas adäquates hätte er für "Liebe usw"
nicht gefunden, obwohl er jetzt, leider zu spät, in "L´Adultera"
von Fontane folgenden, passenden Satz gefunden hätte: "You have
to pay for everything, and you have to pay twice for happiness".
Zu Beginn stellt der Autor die Charaktere des Buches kurz vor; Stuart,
so erzählt er, würde häufig mit John Major verglichen. Gelächter
im Publikum. Major, so merkt Barnes daraufhin an, wäre bestimmt sehr
geschmeichelt, dass hier immerhin sein Name noch bekannt wäre.
Oliver hingegen, darauf wäre er schon mehrmals hingewiesen worden,
wäre manchem Leser so auf die Nerven gegangen, dass er das Buch
einfach nicht weiterlesen konnte. (Ein Einwurf, den ich persönlich
auch ganz gut verstehen kann.)
Und dann beginnt er vorzulesen, das Einführungskapitel, als die
einstigen Freunde nach 10 Jahren wieder aufeinander treffen und jeder
für den Leser die Ereignisse von damals mehr oder weniger kurz wieder
aufrollt. Julian Barnes zuzuhören ist ein Genuss. Natürlich
beherrscht er es perfekt, die Nuancen und Andeutungen, die er in
seinen Text verpackt hat, bei seinem Vortrag lebendig werden zu
lassen. Dass der britische Akzent und die nasale Stimme ihr übriges
taten, brauche ich wohl kaum zu erwähnen.
Aber auch Gertraude Krueger kann gut vorlesen; sie liest aus der
deutschen Übersetzung die Stimme der Gillian. Im Vergleich fällt
aber doch auf, dass ihrer Stimme das Lebendige etwas fehlt.
Danach lesen die beiden noch aus der ersten Wiederbegegnung der
Freunde vor, und dann endlich kommen wir zu den Fragen.
Ob nur diese drei Beteiligten zu Wort kommen würden?
Nein, es gäbe insgesamt 8 (bzw. 9, wie die Übersetzerin einwirft)
Erzählstimmen; auch Stuarts zweite Frau kommt zu Wort, und die
Kinder. Wie alt die wären? Hm, das könne er nicht mehr so genau
sagen, meint Barnes; so explizit stünde das auch nicht im Buch. Ein
kurzer Seitenblick auf die Übersetzerin, aber auch sie kann sich an
kein Alter erinnern. Also zeigt er die Größe an, die sie eigentlich
erreicht haben müssten; nein, das wäre viel zu groß! wendet
Gertraude Krueger ein. Einem Argument, dem Barnes sich mit dem
Kommentar geschlagen gibt "As I told you, something is always
lost in translation".
Eine Frage, die sich nach dem Lesen der zwei Bücher geradezu
aufdrängt, ist: wird es einen dritten Teil geben?
Hier holt Barnes für seine Antwort weiter aus. Vor ein paar Jahren
wäre er bei einem Interview gefragt worden, welches Buch einen
zweiten Teil verdienen würde. Keines, war seine prompte
Antwort. Natürlich kam dann, als "Liebe usw"
erschien, sofort die Anspielung auf seine damalige Bemerkung. Aber, so
erklärt er auch dem Publikum in Berlin, dieses Buch wäre ja kein
zweiter Teil, sondern eine Fortsetzung.
Im Moment wäre also nicht an eine Fortsetzung gedacht, so lange sei
es ja auch noch gar nicht her, dass das Buch geschrieben wurde, und in
der Zwischenzeit könnte sich auch gar nicht genug getan haben bei den
Protagonisten. Aber da das Ende des Buches ja auch bewusst offen
gehalten worden sei, wäre eine Fortsetzung in ein paar Jahren
durchaus denkbar.
Danach folgte eine nicht nur mir, sondern wohl offensichtlich auch dem
Autor nicht ganz klare Frage, welche Richtung er in seinen Büchern
denn vertreten würde, mit einer Menge Anspielungen auf frühere
Romane, die ich ehrlich gesagt nicht gelesen habe.
Aber Barnes meint, er würde keine offensichtliche Richtung verfolgen,
er hätte kein moralisches Thema, das er verbreiten und
weiterentwickeln wolle; der Inhalt seiner Bücher würde sich aus dem
Inhalt der Charaktere erklären, wäre davon geprägt, wie sich
Menschen wie die geschilderten eben weiterentwickeln würden.
Wenn ein Buch in Dialogform geschrieben wäre - würde da beim
Schreiben nicht bereits permanent der Gedanke an eine zukünftige
Verfilmung im Hinterkopf sein?
Nein. Denn die Dialoge, oder besser Monologe, der Protagonisten wären
ja keine Filmdialoge, keine Gespräche, sondern eine permanente
Einflussnahme auf den Leser. Im Gegenteil; es wäre sogar ausnehmend
schwer, diesen Wechsel des Blickwinkels im Film adäquat umsetzen zu
können, wenn man nicht fortwährend mit einer Off-Stimme arbeiten
wolle, was der Autor für ein Verbrechen hält. Aber der französische
Film zu "Darüber reden" hätte ihm sehr gut gefallen, da
wäre die Problematik gut gelöst worden.
Und welcher der Protagonisten würde ihm nun am nächsten stehen? Wen
möge er am liebsten?
Darauf antwortet er nicht direkt, sondern mit einer Anekdote aus einem
Literaturfestival, wo er jemanden getroffen hätte, der bereits seit
drei Jahren Shaw vorgelesen hatte und die Frage "Mögen Sie
Shaw" mittlerweile bis zur Erschöpfung gehört hatte.
Woher er seine Ideen nehmen würde?
Nun, dafür gebe es natürlich kein Geschäft, in dem man sie fix und
fertig kaufen könne. Natürlich beobachte er Menschen, aber er wolle
keine fertigen Geschichten erzählt bekommen. Stichworte würden seine
Fantasie viel stärker anregen; die Idee, dass ein Mann sich bei der
Hochzeit seines besten Freundes in dessen Frau verliebt, sei für ihn
viel stärker, wenn er weiter keine Hintergrundinformationen hätte.
Insofern würde seine Umwelt zwar natürlich in die Bücher
einfließen, aber die Geschichten dazu erfindet er selbst.
Den Unterschied zwischen dem sehr britischen Autor und dem sehr
deutschen Publikum merkt man dann besonders bei der Frage, ob er auch
die Kinder zu Wort kommen hätte lassen - und wenn nicht, warum nicht?
Aber er hat ja, "thank god, I did!"
Die Gewaltszene zwischen Oliver und Gillian, die eigentlich am Ende
des ersten Buches stattgefunden hatte, aber auch im zweiten Buch eine
wichtige Rolle spielt, hatte eine Leserin nicht überzeugend
gefunden.
"Hat es SIe überzeugt?" fragt er die Übersetzerin, die
darauf etwas ausweichend antwortet, dass sie, um diese Frage zu
beantworten, den einzelnen Charakteren zu nahe stünde. Diese würden
nämlich beim Übersetzen Stück für Stück ihre Wohnung in Beschlag
nehmen und darauf drängen, richtig in Szene gesetzt zu werden.
Wer am schwersten zu übersetzen gewesen wäre?
Auch schwer zu beantworten. Beim ersten Teil wäre das Oliver gewesen.
Ihr Verhältnis zu ihm könnte man mit "Oh, Oliver!" im
ersten und einem "Oh, schon wieder Oliver" im zweiten Teil
wohl am besten beschreiben.
Und welche der Figuren wäre nun am leichtesten zu schreiben gewesen?
Das wäre wohl Oliver gewesen, weil man ihn in seinem Redeschwall
einfach laufen lassen musste. Andererseits sei er auch am
schwierigsten gewesen, weil man so darauf achten musste, dass die
Erzählung bei ihm nicht völlig aus dem Ruder lief.
Aber auch Mme Wyatt hatte ihm sehr viel Spaß gemacht; ihr Englisch
wäre im zweiten Buch wesentlich schlechter geworden, als es im ersten
war; diese Entwicklung hätte er durch die Erzählung eines Freundes
nachvollzogen, dessen italienische Mutter zwar bereits seit 40 Jahren
nicht mehr in Italien war, die aber dennoch mit zunehmendem Alter die
Fähigkeit, sich in der "neuen" Sprache korrekt
auszudrücken verlernt hatte.
Und dann ist der Abend leider auch schon wieder zu Ende; ein höchst
vergnüglicher Abend, denn Julian Barnes ist ein Entertainer. Britisch
durch und durch - man würde, wenn man ihn sieht, nie auf die Idee
kommen, ihn als etwas anderes zu sehen - setzt er seinen Charme auch
entsprechend ein.
Wenn sich die Gelegenheit bietet: eine Lesung mit diesem Autor zu
erleben lohnt sich!
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Der
Autor:

Julian Barnes,
1946 geboren, arbeitete nach dem
Studium moderner Sprachen zunächst als Lexikograph und
dann als Journalist.
Julian Barnes, der für sein Werk zahlreiche europäische und amerikanische Preise erhielt, hat seit 1980 sieben
Romane vorgelegt, darunter "Flauberts Papagei".
Er lebt in London.
Weitere Titel:
Flauberts Papagei
Die Geschichte der Welt in 10
1/2 Kapiteln
Darüber reden
England,
England
Liebe usw.
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