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25.03.02

Julian Barnes liest aus "Liebe, usw"

Berlin, 19. März 2002, Buchhandlung Kiepert am Hardenbergplatz
Den deutschen Part liest die Übersetzerin, Gertraude Krueger 
 

 


20:30 Uhr in der Buchhandlung Kiepert. Der Raum ist gut gefüllt, es haben nicht alle Besucher einen Sitzplatz gefunden; aber nun soll es endlich losgehen. 

Regine Kiepert stellt Julian Barnes als einen "Stammgast" vor - er sei zugleich auch der erste Autor gewesen, den sie hier in dieser Buchhandlung begrüßen durfte. Und prompt lief damals auch eine Menge schief; sie hatte auf sein Autorenhonorar vergessen, hatte  kein Hotel für ihn gebucht; aber heute würde nur ein zweiter Mikrofonständer fehlen.

Aus "Flauberts Papagei" hatte Julian Barnes damals gelesen; danach war er hier, um "England, England" vorzustellen und heute präsentiert er "Liebe, usw.".  Mit ihm sitzt am Rednertisch Gertraude Krueger, die seine Bücher ins Deutsche übersetzt; ausgezeichnet übersetzt, wie der Autor es sich nicht nehmen lässt zu betonen. Dennoch, und zur Illustration hebt er die optisch fast identische englische und deutsche Ausgabe in die Höhe; "Something is always lost in translation". Und in diesem Fall würde es sich um genau die paar Millimeter handeln, um die die englische Ausgabe größer ist. 

Im Vorgängerroman zu "Liebe usw" (Darüber reden) hatte er mit dem Epigraph "He lies like an Eye-Witness" begonnen. Ein perfekter Anfang - etwas adäquates hätte er für "Liebe usw" nicht gefunden, obwohl er jetzt, leider zu spät, in "L´Adultera" von Fontane folgenden, passenden Satz gefunden hätte: "You have to pay for everything, and you have to pay twice for happiness". 

Zu Beginn stellt der Autor die Charaktere des Buches kurz vor; Stuart, so erzählt er, würde häufig mit John Major verglichen. Gelächter im Publikum. Major, so merkt Barnes daraufhin an, wäre bestimmt sehr geschmeichelt, dass hier immerhin sein Name noch bekannt wäre. 

Oliver hingegen, darauf wäre er schon mehrmals hingewiesen worden, wäre manchem Leser so auf die Nerven gegangen, dass er das Buch einfach nicht weiterlesen konnte. (Ein Einwurf, den ich persönlich auch ganz gut verstehen kann.)

Und dann beginnt er vorzulesen, das Einführungskapitel, als die einstigen Freunde nach 10 Jahren wieder aufeinander treffen und jeder für den Leser die Ereignisse von damals mehr oder weniger kurz wieder aufrollt. Julian Barnes zuzuhören ist ein Genuss. Natürlich beherrscht er es perfekt, die Nuancen und Andeutungen, die er in seinen Text verpackt hat, bei seinem Vortrag lebendig werden zu lassen. Dass der britische Akzent und die nasale Stimme ihr übriges taten, brauche ich wohl kaum zu erwähnen.

Aber auch Gertraude Krueger kann gut vorlesen; sie liest aus der deutschen Übersetzung die Stimme der Gillian. Im Vergleich fällt aber doch auf, dass ihrer Stimme das Lebendige etwas fehlt. 

Danach lesen die beiden noch aus der ersten Wiederbegegnung der Freunde vor, und dann endlich kommen wir zu den Fragen.

Ob nur diese drei Beteiligten zu Wort kommen würden?
Nein, es gäbe insgesamt 8 (bzw. 9, wie die Übersetzerin einwirft) Erzählstimmen; auch Stuarts zweite Frau kommt zu Wort, und die Kinder. Wie alt die wären? Hm, das könne er nicht mehr so genau sagen, meint Barnes; so explizit stünde das auch nicht im Buch. Ein kurzer Seitenblick auf die Übersetzerin, aber auch sie kann sich an kein Alter erinnern. Also zeigt er die Größe an, die sie eigentlich erreicht haben müssten; nein, das wäre viel zu groß! wendet Gertraude Krueger ein. Einem Argument, dem Barnes sich mit dem Kommentar geschlagen gibt "As I told you, something is always lost in translation".

Eine Frage, die sich nach dem Lesen der zwei Bücher geradezu aufdrängt, ist: wird es einen dritten Teil geben?
Hier holt Barnes für seine Antwort weiter aus. Vor ein paar Jahren wäre er bei einem Interview gefragt worden, welches Buch einen zweiten Teil verdienen würde. Keines, war seine prompte Antwort.   Natürlich kam dann, als "Liebe usw" erschien, sofort die Anspielung auf seine damalige Bemerkung. Aber, so erklärt er auch dem Publikum in Berlin, dieses Buch wäre ja kein zweiter Teil, sondern eine Fortsetzung. 

Im Moment wäre also nicht an eine Fortsetzung gedacht, so lange sei es ja auch noch gar nicht her, dass das Buch geschrieben wurde, und in der Zwischenzeit könnte sich auch gar nicht genug getan haben bei den Protagonisten. Aber da das Ende des Buches ja auch bewusst offen gehalten worden sei, wäre eine Fortsetzung in ein paar Jahren durchaus denkbar. 

Danach folgte eine nicht nur mir, sondern wohl offensichtlich auch dem Autor nicht ganz klare Frage, welche Richtung er in seinen Büchern denn vertreten würde, mit einer Menge Anspielungen auf frühere Romane, die ich ehrlich gesagt nicht gelesen habe. 
Aber Barnes meint, er würde keine offensichtliche Richtung verfolgen, er hätte kein moralisches Thema, das er verbreiten und weiterentwickeln wolle; der Inhalt seiner Bücher würde sich aus dem Inhalt der Charaktere erklären, wäre davon geprägt, wie sich Menschen wie die geschilderten eben weiterentwickeln würden. 

Wenn ein Buch in Dialogform geschrieben wäre - würde da beim Schreiben nicht bereits permanent der Gedanke an eine zukünftige Verfilmung im Hinterkopf sein?
Nein. Denn die Dialoge, oder besser Monologe, der Protagonisten wären ja keine Filmdialoge, keine Gespräche, sondern eine permanente Einflussnahme auf den Leser. Im Gegenteil; es wäre sogar ausnehmend schwer, diesen Wechsel des Blickwinkels im Film adäquat umsetzen zu können, wenn man nicht fortwährend mit einer Off-Stimme arbeiten wolle, was der Autor für ein Verbrechen hält. Aber der französische Film zu "Darüber reden" hätte ihm sehr gut gefallen, da wäre die Problematik gut gelöst worden.

Und welcher der Protagonisten würde ihm nun am nächsten stehen? Wen möge er am liebsten?
Darauf antwortet er nicht direkt, sondern mit einer Anekdote aus einem Literaturfestival, wo er jemanden getroffen hätte, der bereits seit drei Jahren Shaw vorgelesen hatte und die Frage "Mögen Sie Shaw" mittlerweile bis zur Erschöpfung gehört hatte.

Woher er seine Ideen nehmen würde?
Nun, dafür gebe es natürlich kein Geschäft, in dem man sie fix und fertig kaufen könne. Natürlich beobachte er Menschen, aber er wolle keine fertigen Geschichten erzählt bekommen. Stichworte würden seine Fantasie viel stärker anregen; die Idee, dass ein Mann sich bei der Hochzeit seines besten Freundes in dessen Frau verliebt, sei für ihn viel stärker, wenn er weiter keine Hintergrundinformationen hätte.
Insofern würde seine Umwelt zwar natürlich in die Bücher einfließen, aber die Geschichten dazu erfindet er selbst.

Den Unterschied zwischen dem sehr britischen Autor und dem sehr deutschen Publikum merkt man dann besonders bei der Frage, ob er auch die Kinder zu Wort kommen hätte lassen - und wenn nicht, warum nicht?
Aber er hat ja, "thank god, I did!"

Die Gewaltszene zwischen Oliver und Gillian, die eigentlich am Ende des ersten Buches stattgefunden hatte, aber auch im zweiten Buch eine wichtige Rolle spielt, hatte eine Leserin nicht überzeugend gefunden. 
"Hat es SIe überzeugt?" fragt er die Übersetzerin, die darauf etwas ausweichend antwortet, dass sie, um diese Frage zu beantworten, den einzelnen Charakteren zu nahe stünde. Diese würden nämlich beim Übersetzen Stück für Stück ihre Wohnung in Beschlag nehmen und darauf drängen, richtig in Szene gesetzt zu werden. 

Wer am schwersten zu übersetzen gewesen wäre?
Auch schwer zu beantworten. Beim ersten Teil wäre das Oliver gewesen. Ihr Verhältnis zu ihm könnte man mit "Oh, Oliver!" im ersten und einem "Oh, schon wieder Oliver" im zweiten Teil wohl am besten beschreiben. 

Und welche der Figuren wäre nun am leichtesten zu schreiben gewesen?
Das wäre wohl Oliver gewesen, weil man ihn in seinem Redeschwall einfach laufen lassen musste. Andererseits sei er auch am schwierigsten gewesen, weil man so darauf achten musste, dass die Erzählung bei ihm nicht völlig aus dem Ruder lief.

Aber auch Mme Wyatt hatte ihm sehr viel Spaß gemacht; ihr Englisch wäre im zweiten Buch wesentlich schlechter geworden, als es im ersten war; diese Entwicklung hätte er durch die Erzählung eines Freundes nachvollzogen, dessen italienische Mutter zwar bereits seit 40 Jahren nicht mehr in Italien war, die aber dennoch mit zunehmendem Alter die Fähigkeit, sich in der "neuen" Sprache korrekt auszudrücken verlernt hatte.

Und dann ist der Abend leider auch schon wieder zu Ende; ein höchst vergnüglicher Abend, denn Julian Barnes ist ein Entertainer. Britisch durch und durch - man würde, wenn man ihn sieht, nie auf die Idee kommen, ihn als etwas anderes zu sehen - setzt er seinen Charme auch entsprechend ein.

Wenn sich die Gelegenheit bietet: eine Lesung mit diesem Autor zu erleben lohnt sich!

  Der Autor: 

Julian Barnes, 
1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen zunächst als Lexikograph und dann als Journalist. Julian Barnes, der für sein Werk zahlreiche europäische und amerikanische Preise erhielt, hat seit 1980 sieben Romane vorgelegt, darunter "Flauberts Papagei". Er lebt in London.

Weitere Titel: 

Flauberts Papagei 

Die Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln 

Darüber reden

England, England 

Liebe usw. 

© Daniela Ecker
25. März 2002

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