Lesungen - dabeigewesen mit der LESELUST

 

19.07.02

Anne Holt liest aus "In kalter Absicht"

Berlin, 28. Februar 2002, Nordische Botschaften 

Durch den Abend führte Thea Dorn
 

 


Mit so viel Interesse hatte man in den nordischen Botschaften offenbar nicht gerechnet; schon lange vor dem offiziellen Beginn um 20:00 Uhr war der Konferenzsaal bis auf den letzten Platz gefüllt, auch die Treppen waren voll besetzt. 
Der norwegische Botschafter in Berlin, Morten Wetland, begrüßt die Krimiinteressierten kurz, stellt Anne Holt aus ehemalige Justizministerin und Person des öffentlichen Lebens vor,  und überlässt das Gespräch dann der deutschen Krimiautorin Thea Dorn, die durch den Abend führen wird.

Und Thea Dorn zeigt, wer an diesem Abend im Mittelpunkt steht: alles, was sie zu ihrer Person sagt, ist ihr Name; kein Hinweis auf eigene Bücher. Schon damit hatte sie bei mir den ersten Pluspunkt gesammelt - es sollten an diesem Abend noch mehr werden, und "Die Hirnkönigin" wird bald auch in meinem Bücherregal zu finden sein.

Aber zurück zu Anne Holt. Im Gespräch mit dem Botschafter, den Buchhändlern, Presseleuten, hatte man sie ja schon eine Weile beobachten können; ganz locker und entspannt wirkt sie, die Frau im Anzug mit den mütterlichen Formen und den braunen Haaren. Sie hätte ja einen beeindruckenden Lebenslauf vorzuweisen, erzählt uns Thea Dorn; erst Jura-Studium, dann eine Weile als Fernsehjournalistin tätig, bevor sie zur Polizei wechselte und in Oslo stellvertretende Polizeichefin ... und hier unterbricht die Autorin auch schon. Ja, das wäre eine Aussage, die von den Verlagen mit Vorliebe kommuniziert würde, die aber dennoch nicht den Tatsachen entsprechen würde. Aber Justizministerin? Ja, Justizministerin von Norwegen, das war sie wirklich. 

Ein beeindruckender Lebenslauf? Nein, das muss man alles relativ sehen, erklärt sie uns. Norwegen wäre ein so kleines Land - wenn man hier wirklich in die Politik, in die Regierung kommen wollte - dann würde man das in wenigen Jahren schaffen. Das Problem wäre vielmehr, dass kaum jemand einen dieser Posten anstrebe. 

Worauf sie allerdings wirklich stolz ist  - das ist  ihre Karriere als Autorin. Dass sie in Norwegen Erfolg gehabt hat, wäre ja vielleicht noch mit der Tatsache zu erklären gewesen, dass sie eben bereits durch ihre Zeit in der Regierung einen gewissen Bekanntheitsgrad gehabt hatte. Aber der internationale Erfolg spreche dann doch für ihre Bücher; darauf ist sie richtig stolz und freut sich entsprechend darüber.  

Ob ihre Arbeit in der Justiz Einfluss auf ihre Art zu schreiben hätte? Der größte Vorteil für sie sei eigentlich, meint sie, dass sie nicht mehr ganz so viel zu recherchieren braucht wie andere Autoren, weil sie diese Recherche sozusagen schon vorab gemacht hat. Außerdem erleichtert ihr ihr Name natürlich schon manche Wege - oft genügt ein Anruf, um bestimmte Informationen zu erhalten, die anderen nicht ganz so leicht zugänglich sind. Und das, so meint sie, ist für sie wirklich ein großes Glück - sie sei nämlich ausgesprochen faul. Und Recherche liebt sie nicht unbedingt, die gibt sie auch gerne aus der Hand, Außer es handelt sich um Aufgaben wie die für einen ihrer letzten Romane; da gab es einen Koch aus Norditalien. Und die Recherche sah dann so aus, dass sie in Norditalien in sehr vielen ausgezeichneten Restaurants speisen musste. Keiner kann einem zumuten, alleine in Restaurants zu essen, also musste sie noch ein paar Freunde mitnehmen. Das hätte auch ihr nicht zu viel Mühe bereitet.

Dann kommt der - relativ kurze - Part, weswegen die Veranstaltung "Lesung" heißt - Anne Holt liest den Epilog auf Norwegisch ("Ich frage mich immer, warum ich das tun soll, denn kein Mensch versteht es - aber die Verlage bestehen darauf") und Thea Dorn liest aus zwei Kapiteln vor. Auf norwegisch plappert Anne Holt noch schneller, als sie es auf Englisch ohnehin tut; sie will diesen Teil auch so kurz wie möglich halten, das merkt man.

Genug gelesen - jetzt wird geplaudert. Und Thea Dorn will wissen, was denn nun aus Hanne Wilhelmsen geworden wäre, die in bislang fünf Krimis von Anne Holt die Hauptrolle gespielt hätte. Im letzten Buch war die Freundin von Hanne an Krebs gestorben - ob Hanne Wilhelmsen jetzt müde geworden wäre? Oder ob die Autorin dieses Charakters müde geworden wäre?

Von beidem etwas, meint Anne Holt. Aber es war noch nicht das Ende der Hanne Wilhelmsen; sie hätte nur schon sehr früh bei den Vorbereitungen für diesen Roman gemerkt, dass er nicht zu dieser Polizistin passen würde. Hätte Hanne Wilhelmsen den Fall bearbeitet, wäre er in zwei Tagen gelöst gewesen, und alle Kinder wären gestorben. Für dieses Thema hätte sie jemanden gebraucht, der etwas langsamer ist, der ein wenig mehr psychologisches Feingefühl hatte.

Hanne Wilhelmsen hätte also nur ein Sabbatical; Anne Holt schreibt bereits am nächsten Krimi, in dem sie wieder die Hauptrolle hat. Und außerdem wären auch noch gar nicht alle Fälle ins Deutsche übersetzt; der nächste Teil käme wohl entweder im Herbst oder im Frühjahr heraus.

Aber auch Inger Johanne, die Juristin/Psychologin, die in "In kalter Absicht" die Rolle der Profilerin übernimmt, wird weiter ausgebaut werden; drei Bände hat Anne Holt für sie vorgesehen. Und natürlich würde auch die zarte Romanze, die mit Hauptkommissar Stubo begonnen hatte, fortgesetzt werden. Dazu würden allerdings erstmal ein paar Jahre übersprungen werden; denn wenn man bedenkt, dass die beiden jetzt über 300 Seiten gebraucht haben, um sich das erste Mal zu küssen, kann man sich vorstellen, dass es noch ein langer Weg bis zur Hochzeit ist.  Der nächste Band wird also erst nach diesem Zeitpunkt ansetzen. 

Inger Johanne ist eine sehr verletzliche Frau; sie hat ein behindertes Kind, ist daher noch sensibler, wenn es um Verbrechen gegen Menschen geht, die sich nicht wehren können. Stubo hingegen hat bei einem tragischen Unfall (der auch bei Irving hätte passieren können, wie die Autorin meint) seine Frau und die erwachsene Tochter verloren. Inger Johanne ist ein sehr verlässlicher Mensch; bei ihr weiß man, wenn man eingeladen wird, dass alles bereit sein wird, dass sie für Wein und Kekse gesorgt haben wird, dass sie trotzdem um 11 ins Bett gehen wird, weil sie ja am nächsten Tag um 6 Uhr aus dem Bett muss - lauter vernünftige, rechtschaffene Eigenheiten also. Und dabei vor allem eines: Langweilig. Sie zieht sich bieder an, denkt bieder, handelt bieder - Inger Johanne wäre sozusagen ein Sammelsurium all ihrer Freunde, meint Anne Holt. Aber: sie mag sie. Viel lieber jedenfalls als Hanne Wilhelmsen, die zwar atemberaubend gut aussieht, aber auch ziemlich anstrengend und verletzend sein kann - kein Mensch, den man unbedingt so gerne um sich herum hat. 

Krimis aus dem skandinavischen Raum erleben in den letzten Jahren ja einen regelrechten Boom; ob sie sich erklären könne, warum?

Nein, das kann auch Anne Holt nicht. Aber was ihr aufgefallen wäre: es beträfe ja nicht den ganzen skandinavischen Raum - Krimis aus Dänemark wären nach wie vor kaum bekannt - sondern nur Schweden und Norwegen. Finnische Literatur würde nach wie vor kaum übersetzt (und offensichtlich kennt sie Arto Paasilinna nicht)  - tja, und in Island gäbe es die Literaturform des Krimis gar nicht. Krimis können wohl nur da entstehen, wo es auch Verbrechen gibt; und in Island hätte ihr ein Mann damals, als sie auf der Suche nach entsprechender Literatur war, geantwortet: seit ich lebe, gab es hier nur einen einzigen Mord. Und auch das könnte ein Unfall gewesen sein...

Aber generell lese sie sehr gerne, bevor sie in ein Land reise, einen landestypischen Krimi. Das wäre immer ein Spiegel der Gesellschaft, meint sie. In Japan zB handeln diese fast ausschließlich von Sex und Geld - genau den beiden Themen, denen man tagtäglich, ununterbrochen begegnet. 

Als sie auf einer Lesereise in China war, hatte ihre Recherche nach Crime Novels auch nichts ergeben. Bei einer Bevölkerungszahl von über einer Billiarde Menschen schwer vorstellbar, dass es kein Verbrechen geben sollte - was war also die Ursache für das Fehlen? Erst vor Ort wurde sie dann darüber belehrt, dass es dort nicht Crime Novel, sondern - Law Novel heißt. Und wovon handeln sie? Von Korruption. Protagonist ist kein einzelner Mensch, kein Detektiv, Polizist - nein, es ist immer "Die Gesellschaft".

Über ihren Arbeitsstil befragt, erzählt sie, dass sie die ersten 5 Monate damit verbringt, zu recherchieren - bestenfalls wie zu Beginn schon beschrieben in hervorragenden Restaurants in Italien; dass sie dann die verschiedenen Handlungszweige auf einem Storyboard notieren würde, sich mit Freunden treffe, ihre Ideen erzähle, abstimmen lasse, sie einbeziehe, Ideen wieder verwerfe; "Interactive Writing" könne man es bezeichnen.
Aber dann beginnen die fünf Monate in der Hölle: wenn sie sich jeden Morgen diszipliniert von Montag bis Samstag an den Schreibtisch setzt und ihr Buch schreibt. Das schöne Bild vom einsamen Poeten im Dachkämmerlein mit dem Glas Rotwein, der dasitze und auf Inspiration warte, sei zwar sehr schön, aber meilenweit von der Realität entfernt.

Hat sie jemals einen deutschen Krimi gelesen? Nnn..jein, sie hat bestimmt schon einen gelesen, kann sich aber nicht wirklich erinnern. Gelächter im Publikum. 

In einem ihrer Krimis wäre ein Vergewaltiger von einer der Frauen, die er vergewaltigt hatte, erschossen worden  - nachdem zuvor ihr Vater ihn kastriert hatte. Beide hatten vor Gericht behauptet, sie alleine wären für die Tat verantwortlich. Und nachdem keinem von beiden die Wahrheit nachzuweisen war, wurden beide freigesprochen. Ein zwar gerechter Ausgang, weil man kein Mitleid mit dem Opfer hat - aber gerecht im Sinne der Justiz?  Ob sie nicht an daran glaube, dass die Justiz für eine entsprechende Strafe sorgen würde?

Zuallererst, hebt Anne Holt auf diese Frage hin an, sollte man bedenken, dass sie "fiction" schreibe, also Romane, keine Tatsachenberichte. Und dass hier nicht alles streng der Realität entsprechen müsse, sondern sie sich durchaus Freiheiten erlauben könne, die dem Gerechtigkeitssinn des Lesers entgegenkommen. Als Polizistin hätte sie, trotz des unsympathischen Opfers und obwohl die Rache von Tochter und Vater verständlich wäre, selbstverständlich dafür gesorgt, dass sie für ihre Tat auch zur Rechenschaft gezogen würden. 

Aber prinzipiell stellt sie immer mehr fest, dass die Strafe der Justiz dem natürlichen Racheinstinkt der Bevölkerung nicht entspräche; daher würden so viele zu eigenen Rachefeldzügen greifen, um ihrem Gerechtigkeitsempfinden Genüge zu tun. Man solle sie nicht falsch verstehen: sie will kein Auge um Auge, Zahn um Zahn; auch die Todesstrafe lehnt sie mit Nachdruck ab. Aber es gäbe da noch einen Unterschied zwischen Strafe und Rache, und der solle vom Staat ihrer Meinung nach stärker vertreten werden. 

Das war dann auch im Wesentlichen ihr Abschlussstatement; "sehr nachdrücklich, das ja - aber leider hab ich den ganzen Abend über nichts verstanden, weil ja alles auf Englisch war" beschwert sich dann noch einer aus dem Publikum.

Dann setzt Anne Holt sich hin, um zu signieren, der Büchertisch wird gestürmt, draußen gibt es Wein - und der Abend ist vorbei.

Bis auf mein Missbehagen bei ihren letzten Bekundungen, die meiner Einstellung nicht unbedingt entsprechen, hat diese Autorin mir jedenfalls richtig gut gefallen. Lebhaft, von übersprudelnder Erzählfreude, braucht sie eigentlich keinen Interviewpartner, sondern mehr einen Stichwortlieferanten. Und wie Politiker es eben wunderbar können, versteht sie es dadurch auch sehr geschickt zu überspielen, dass sie auf die Fragen, die ihr gestellt wurden, eigentlich nicht wirklich antwortet. 

So. Und nun muss ich nach einem Hanne-Wilhelmsen-Krimi Ausschau halten, schließlich will ich den Kontrast zu Inger-Johanne kennen lernen!
 

  Die Autorin: 
Anne Holt


1958 geboren, arbeitete als Fernsehjournalistin, bevor sie zur Stellvertretenden Polizeichefin von Oslo und später zur norwegischen Justizministerin berufen wurde. Ihre höchst erfolgreichen Romane "Das einzige Kind", "Im Zeichen des Löwen" und "Das achte Gebot" wurden mit den wichtigsten Krimipreisen ihres Landes ausgezeichnet. Anne Holt lebt in Oslo.

Weitere Titel: 

Das einzige Kind 

Im Zeichen des Löwen 

Das achte Gebot  

In kalter Absicht

© Daniela Ecker
2. März 2002

LESELUST