Lesungen - dabeigewesen mit der LESELUST

 

04.06.02

Stewart O´Nan liest aus "Das Glück der Anderen"

Berlin, 16. Oktober  2001 - Kulturbrauerei
 

 


Ganz groß konnte man es schon lange Zeit im Prenzlauer Berg lesen: Stewart O´Nan kommt nach Berlin und liest in der Kulturbrauerei!

Am Dienstag, 16. Oktober, ist die alte Kantine aber erstaunlich leer. Die Plätze sind nur zur Hälfte belegt; auch die Veranstalter haben wohl mit stärkerer Resonanz gerechnet, der Start der Lesung verzögert sich deutlich.

Aber dann betritt er die Bühne, Stewart O´Nan, ein junger Mann, der die deutsche Übersetzung liest, und jemand vom Georg Büchner-Buchladen, dem Co-Veranstalter. Wird kurz vorgestellt, auf den jungen Mann wird vergessen, und dann erzählt O´Nan erstmal, worum es in dem Buch denn eigentlich geht. 

In einer amerikanischen Kleinstadt bricht ein paar Jahre nach dem Bürgerkrieg eine Seuche aus. Jacob Hansen, Sherrif, Prediger und Leichenbestatter in einem, versucht, die Lage unter Kontrolle zu behalten. 

Nach der ersten vorgelesenen Szene, in der Jacob eine kranke Kuh erschießt, schüttelt O´Nan den Kopf. Seltsam, was er da so alles geschrieben habe. Es ginge ihm aber immer besser, wenn er mit einem Buch fertig sei. Dieses hätte er vor 4 oder 5 Jahren geschrieben; als er es jetzt nochmals gelesen hatte, wunderte er sich, woher manche der verrückten Szenen stammen, woher er sie eigentlich genommen hätte.

Die Kommentare kommen auch weiterhin nach jeder gelesenen Szene; er erzählt auch: Nach jedem Kapitel denkt man: es kann nicht schlimmer kommen. Aber es kommt natürlich schlimmer. Viel schlimmer.

"Sick stuff. I agree. I apologize."

Nach drei Szenen lässt O´Nan sich auf ein Gespräch mit dem Publikum ein; souverän fängt er erst selbst an, noch ein wenig zu erzählen, um die Hemmschwelle zu verringern. Erzählt davon, dass das "Du", das diesen Roman durchzieht, Jacob erlaube, sich selbst in Frage zu stellen, die Selbstzweifel auszudrücken.

Dann fängt er an, von den "jungen Autoren" zu sprechen, verbessert sich aber sofort; nein, eigentlich wüsste er ja, dass man in seinem Alter nicht mehr zu den Jungen gehört. Aber angesprochen darauf, dass der Verlag auf dem Klappentext mit der Verwandtschaft seines Buches zu Stephen King wirbt, meinte er, er wäre wie so viele andere auch mit den Büchern von Stephen King aufgewachsen, entsprechend wäre er ihm sicher auch in irgendeiner Form ein Vorbild gewesen. Allerdings hätte King in den letzten fünfzehn Jahren nichts Gutes mehr geschrieben. 
Generell schreibe er selbst auch andere Bücher; aber bei diesem Stoff hier hätte es gepasst, Elemente aus "Gothics" zu verwenden. 

Auch nach dem Einfluss von E.A. Poe wird er aus dem Publikum gefragt. Der wäre insofern vorhanden, als auch bei Poe häufig ein Erzähler vorkomme, dem man anfange zu vertrauen. Und dann, nach ein paar Seiten, wenn man ihm auf den Leim gegangen ist, stellt der Erzähler sich als verrückt heraus. So wäre das hier auch.

Über die Zeit, in der "Das Glück der anderen" spielt, habe er nicht viel recherchiert; es wäre ihm weniger auf einen exakten historischen Hintergrund angekommen, das Buch wäre auch eher etwas wie ein "Fairy Tail". 

Mit seinen Büchern versucht er, den Leser in eine Stelle zu bringen, wo sie Position beziehen müssen, sich zum Richter über seine Protagonisten entwickeln müssen. 

Jacob zum Beispiel wäre schuldig an Selbstsüchtigkeit, Kannibalismus, ein Massenmörder; schuldig auch dadurch, dass er überlebe.

Ob man sein Buch auch verwenden könne, um die heutige Situation zu beschreiben? Auch heute gäbe es viele Menschen, die glauben, tun zu müssen, was sie täten; wie auch Jacob Hansen in seinem Buch; was derzeit in Gefahr wäre, ist das Gefühl der "Amerikanischen Unschuld", die er auch in jedem seiner Bücher zu widerlegen versucht. 

Er wundert sich dann auch selbst, dass seine Bücher immer so düster wären. Das nächste Buch, das er geschrieben hätte, käme entsprechend auch ohne Toten aus. Er brauche eine Pause.

Dann war die Lesung vorbei, ein paar wenige Leser stellten sich noch kurz zu ihm, um ihre Bücher signieren zu lassen; ganz entspannt nutzt er die Gelegenheit, mit jedem ein wenig zu plaudern, noch nett zu erzählen, beschränkt sich auch nicht darauf, nur kurz den Namenszug ins Buch zu setzen, sondern aus dem Gespräch heraus noch ein paar Worte zu hinterlassen. 

Die Protagonistin in dem Buch, das er gerade schreibe, hieße Danielle, erzählte er mir zum Schluss noch, nachdem er nach meinem Namen gefragt hatte.

Ein sehr sympathischer Autor, dessen Ausstrahlung nichts von der düsteren, tragischen Atmosphäre seiner Bücher hat. 

  Der Autor:
Stewart O´Nan wurde in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Kunst. Heute lebt er mit seiner Frau uns seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut.  Für "Engel im Schnee" 1993 erhielt er den William -Faulkner - Preis. 

Weitere Titel:

Engel im Schnee

Die Armee der Superhelden

Speed Queen

Der Sommer der Züge

Das Glück der Anderen

© Daniela Ecker
20.Oktober  2001

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