Lesungen - dabeigewesen mit der LESELUST

 

23.03.02

Wei Hui liest aus "Shanghai Baby"

Berlin, 15. Oktober  2001 - Kiepert Schönhauser Allee Arkaden
 

 


Die Lesung beginnt relativ spät, erst um 20:30 Uhr, bei Kiepert in den Schönhauser Allee Arkaden in Prenzlauer Berg; und für mich überraschend ist es auch sehr voll, der Ruf der chinesischen Skandalautorin ist ihr wohl voraus geeilt.

Andreas Kiepert stellt die Autorin vor, die mittlerweile 28 ist, ihr fünftes Buch geschrieben hat - eben Shanghai Baby - und nun zum ersten Mal in Berlin ist. Begleitet wird sie von Frau Dräger vom Ullstein Verlag, die auch übersetzt, und Esther Schweins, die bekannte Fernsehschauspielerin und Stimme aus "Shrek", die die deutsche Übersetzung vorliest.

In Shanghai wurden 40.000 Ausgaben von "Shanghai Baby" verbrannt; die Autorin wird zu den jungen Wilden, zur neuen Boheme gerechnet, auch wenn sie sich selber nicht da sieht. 

Sie erzählt erst kurz den Inhalt ihres Romans; die junge Schriftstellerin Ni Ke, genannt Coco, die sich in einen wunderbaren, aber leider impotenten Mann verliebt, und eigentlich gegen ihren Willen eine leidenschaftliche erotische Affäre mit einem Ausländer, einem Deutschen anfängt. Dass dieser Deutsche den Namen "Mark" trägt, liegt daran, dass sie es sich nett dachte, dem Mann einen so wertvollen Namen zu geben wie die deutsche Währung.

Sie ist jetzt auf großer Lesereise, war am Sonntag noch in München und hat da gelesen; sie ist zum ersten Mal in Deutschland. Und sucht bei ihren Lesungen immer nach dem "Mann ihres Lebens" im Publikum - denn sie "liebt uns alle", wie sie zum Schluss charmanterweise noch auf deutsch sagt.

Sie liest ein kleines Stück ihres Romans auf Englisch; sie hatte uns ja vorgewarnt, dass sie einen leichten chinesischen Akzent hätte. Und das ist wohl auch der Grund, warum sie nicht lange liest, sonder Esther Schweins das Mikrophon überlässt.

Für Fragen ist nach der Lesung irgendwie keine Zeit mehr; Frau Dräger bietet zwar an, man könne Fragen stellen, sagt das aber bereits in einem Tonfall, der lautet: fragen Sie lieber nicht.

Und so sitzt sie dann nur noch da, signiert ihre Bücher, und gibt mir dann doch noch bereitwillig Antwort auf die KLeinigkeiten, die mich noch interessiert hätten.

-> Was eigentlich diesen Skandal ausgelöst hätte - allein die sexuelle Freizügigkeit des Romans?
Ja, zu einem großen Teil schon. Aber insgesamt wurde dem Buch vorgeworfen, so westlich zu sein, den Kapitalismus zu sehr zu verherrlichen, und natürlich: diese Affäre mit dem Ausländer, das übersteigt die Toleranzgrenze.

-> Wovon ihre anderen Bücher handeln würden?
Thematisch sehr ähnlich diesem; sie würden die moderne junge Frau in China beschreiben, die diese Zeit des Umbruchs eben erleben.

Eine interessante Autorin; ihr Buch hat mir gut gefallen, auch wenn es mich nicht völlig überwältigt hat. Im Vergleich zu Haruki Murakami in Japan fehlt ihr vor allem die Poesie, die Kraft, Geschichten zu erzählen, aber sie zeichnet ein sehr interessantes Bild von Shanghai, das mich persönlich mit einer gehörigen Portion Fernweh versehen hat.




  Die Autorin: 
Wei Hui
wurde 1973 in Shanghai geboren. Sie gehört zur jüngsten Schriftstellergeneration Chinas. Nach Abschluss ihres Literaturstudiums an der Fudan Universität 1995 hat sie zunächst in verschiedenen Berufen gearbeitet, ua als Journalistin und Fernsehredakteurin. Nach einigen Erzählsammlungen und Romanen ist sie mit "Shanghai Baby" nun weit über die Grenzen Chinas hinaus berühmt geworden
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© Daniela Ecker
Oktober  2001

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