Lesungen - dabeigewesen mit der LESELUST

 

28.06.04

 

  Günter Grass und Harry Mulisch
Lesung und Diskussion im Haus der Kulturen der Welt, 22. April 2001

   

Günther Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren, absolvierte nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaf eine Steinmetzlehre, studierte Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf und Berlin. 1956 erschien der erste Gedichtband mit Zeichungen, 1959 der erste Roman, "Die Blechtrommel". 1999 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Grass lebt in der Nähe von Lübeck.

Weitere Werke:
Die Blechtrommel

"Katz und Maus" (1961)
"Hundejahre" (1963)
"Der Butt" (Roman, 1977)
"Die Rättin" (1986)
"Unkenrufe" (Erzählung 1992)
"Ein weites Feld" (1995)
"Mein Jahrhundert": (1999)
"Im Krebsgang" (2002)

Zur Lesung Grass / Menasse


andere
Literatur-
nobelpreisträger
 
Die Hauptveranstaltung des Deutschen Börsenvereins zum Welttag des Buches findet in Berlin statt. Im Jahr 2000 hatte man mit Doris Lessing eine sehr hohe Latte für das Gelingen der diesjährigen Veranstaltung gelegt; doch soviel sei schon verraten: die Besucher 2001 wurden nicht enttäuscht.

Erst schien es, als wäre der Andrang gar nicht so überwältigend; um 17 Uhr gab es problemlos noch Eintrittskarten zu kaufen. Doch eine halbe Stunde vor Beginn füllte sich die Aula der Schwangeren Auster schon sehr; als die Besucher endlich in den Saal durften, gab es ein Riesengedränge.

Wieviele Leute mag dieser Veranstaltungssaal wohl fassen? Mindestens 1000 schätze ich - und es war wirklich brechend voll. Punkt 18 Uhr gings dann los. Die Literaturstars betraten die Bühne. Alt und gebrechlich wirkt er auf den ersten Blick, der Günter Grass - Harry Mulisch, gleichalt, ist nicht nur schlanker, sondern auch wesentlich agiler. Erst durften die Fotografen noch die notwendigen Bilder schießen - doch dann hatte erstmal Herr Dietrich Simon das Wort. Wenn ich richtig verstanden habe, ist er selbst Verleger und Obman des Deutschen Börsenvereins - das möchte ich allerdings nicht beschwören.

Er kenne beide Autoren schon seit längerem, meinte er - und hätte mit Günter Grass 1987 schon einmal eine Lesung vorbereitet. Damals allerdings unter völlig anderen, schwierigeren Umständen; Dresden, 2 Jahre vor Mauerfall, da wäre schon Spannung in der Luft gelegen.

Er fühle sich, als würde er zwischen zwei Starkstromkabeln sitzen - und er wäre sich völlig bewusst, dass es bestimmt nicht wenige Besucher im Publikum gäbe, die gerne mit ihm Platz tauschen würden.

Die beiden Autoren würden uns erst aus ihren Büchern vorlesen - in alphabetischer Reihenfolge - und danach gäbe es noch eine kleine Diskussion.

Günter Grass war somit der Erste, der ans Rednerpult trat. Und sobald er zu sprechen begann, war der erste Eindruck, er wäre alt und gebrechlich geworden, hinfällig. Anlässlich des Welttags des Buches ist ein neues Werk von ihm erschienen (wie üblich bei diesen Sondereditionen zum Superpreis von DM 10,-) - 5 Jahrzehnte. Ein Werkstattbericht. Grass beschreibt darin seine Anfänge, seine Arbeitsweise. Er hat uns zunächst ein paar Seiten vom Beginn vorgelesen, danach ein längeres Kapitel über seine Arbeit in den 90er Jahren. Er reist, er schreibt, es erscheinen die "Unkenrufe", es erscheint Ein weites Feld. Gerade die Entstehung dieses Romans interessierte mich, da ich ihn - was ich von vielen seiner Bücher nicht behaupten kann - auch gelesen habe. Und danach Fontane nochmals von vorne bis hinten lesen musste. Aber das nur am Rande. Natürlich darf, wenn von diesem Buch die Rede ist, auch die sehr emotionale, wenig einnehmende Geste eines bekannten Literaturkritikers nicht fehlen. Sehr interessant empfand ich auch, was er zum Übersetzen seiner Werke in andere Sprachen anzumerken hatte: Er hätte seit Jahren mit seinem Verleger vertraglich geregelt, dass nach Erscheinen eines Buches die Übersetzer aus den diversen Ländern nach Deutschland eingeladen würden, um dann eine Woche mit dem Autor in Klausur zu gehen. Da würde dann jede Seite durchgegangen, jede Unklarheit, jede Ungenauigkeit durchgesprochen.

Während er es schon gewohnt war, mit Schmähungen überschüttet zu werden, kamen Ende der 90er viele sehr anerkennende Ehrungen auf ihn zu - die dann im Nobelpreis für Literatur 1999 gipfelten.

Danach war Harry Mulisch mit einem Kapitel eines noch unveröffentlichten Romanes an der Reihe. Im Herbst 2001 soll im Hanser-Verlag ein Buch mit dem Titel Siegfried (und nochwas, den Rest habe ich leider vergessen) erscheinen. Ja, man merke schon - ein deutsches Thema. Es gehe - mal wieder - um die Nazizeit. Die Geschichte fange an mit einem schon älteren, bekannten Schriftsteller (sic), der in Wien aus seinem neuen Buch lesen solle. Zuvor gilt es noch, einige Interviewtermine zu absolvieren; einen davon, den Termin mit einer gewissen Sabine vom Fernsehen. Zunächst kann er ihre Fragen mit all seiner Routine beantworten; doch schon bald gleitet ihr Gespräch in eine Ebene ab, auf die ihm zumindest Sabine nicht mehr folgen kann. Hier wird auch meine Erinnerung leider etwas unscharf; jedenfalls geht es plötzlich darum, einen Menschen zu verstehen, wenn man ihn zumindest gedanklich Extremsituationen aussetzt. Ob es so einen Menschen gäbe, den er nicht verstünde? Ja, durchaus - und meinte die Mutter seiner Töchter. Es wäre grausam, was er da gedanklich durchspiele! Ja, das wäre es vermutlich - vielleicht wäre es besser, dieses Schema auf einen Menschen anzuwenden, den man hasst. Ob es auch so einen Menschen in seinem Leben gäbe? Ja, antwortet er ohne zu überlegen. Hitler. Seit dem zweiten Weltkrieg wären hunderte von Büchern über diesen Menschen geschrieben worden, und immer noch gäbe es nichts, was ein Verstehen auslösen könne. Und noch während er sich mit der Journalistin unterhält, entwickelt sich eine Idee für ein neues Buch...

Beim Zuhören war ich bei Herrn Mulisch leider etwas abgelenkt; irgendwie stellte sich mir die Frage, wo man heute noch einen so schmucken hellbraunen Samtanzug erhalten kann. Aber das nur am Rande bemerkt.

Danach der entspannte Teil des Abends - das Gespräch. Wie entspannt, zeigte sich gleich zu Beginn dadurch, dass die beiden Autoren anfingen ihre Pfeife zu stopfen und anzuzünden, während sich Herr Dietrich Simon mit einer Zigarette begnügte. Diese Verbreitung von Häuslichkeit führte zu einigem Gelächter im Publikum.

Dietrich Simon erwies sich im Laufe des Abends als genialer Gesprächsführer - nicht nur, dass er es verstand, immer wieder auf die Punkte zurückzukommen, die er eigentlich gefragt hatte, er bewieß auch Witz und Schlagfertigkeit. Ein großer Dank sei ihm hiermit ausgesprochen!

Es wurde geplaudert. Beide Schriftsteller hätten ja in ihrem neuen Werk ein wenig aus dem Nähkästchen geplauscht; beide erzählen vom Handwerk des Schreibens, Grass als Werkstattbericht, Mulisch in der fiktionalen Form. Und beide, das wurde auch deutlich zum Ausdruck gebracht, kämen immer wieder zu einem Thema zurück: dem dem Nationalsozialismus. Sie, die beide zu Beginn des Krieges 12, Kinder, und an seinem Ende 17 - halbe Männer gewesen wären, hätten in ihrem Schreiben einen sehr viel leichteren Zugang zu dieser Zeit, als es beispielsweise Autoren, die nur fünf Jahre älter oder jünger wären, hätten. Die älteren fänden keine Worte - und die jüngeren empfänden es als Anmaßung, würden es nicht wagen. Ein interessanter Ansatz.

Grass kam auch hier nochmals auf seine Übersetzerwerkstätten zu sprechen; er empfahl sie auch Mulisch - nicht nur würden die Übersetzungen sicher qualitativ davon profitieren, es gäbe auch keine kritischern Leser als Übersetzer. Diese fänden alles - Unklarheiten, Verschwommenheiten, auch inhaltliche und dramaturgische Schwachstellen im Werk wären vor ihnen nicht sicher. Es wäre zwar jedes Mal sehr anstrengend, aber für ihn immer wieder lehrreich.

Was sie selber gerne lesen würden, wurden die beiden Autoren dann noch gefragt. Grass schmökert gerne in Krimis; Mulisch konnte oder wollte auf diese Frage nicht recht antworten. Sein Lesen wäre mehr dem Quellstudium gewidmet, er läse Bücher über Hitler, meinte er zunächst. Das Gespräch kam auf die Qualitäten des Wiederlesens; Grass meinte, es wäre ein Fakt, der ihm zwar bekannt gewesen wäre, ihn aber dennoch erstaune, wie sehr er Bücher, die er vor Jahrzehnten gelesen, nun anders empfände. Der Text bleibt immer gleich - egal, wann man ihn liest. Und dennoch empfindet man ihn so differenziert. Das war ein willkommener Anlass für Grass, wiederholt darauf hinzuweisen, dass die Literaturkritik manchmal wohl des Guten zuviel täte.
Wie Kinder heutzutage zum Lesen kämen, war die nächste Frage. Durch das Vorbild der Eltern; als Protest gegen die Eltern, die den ganzen Abend vor dem Fernseher verbringen, war die Alternative dazu. Und die Lehrer sollten ihre Schüler vielleicht weniger mit Interpretationen quälen, sondern ihnen wieder die Lust am Schmökern zeigen. Ein Buch zu lesen und dabei schon die Frage des Lehrers (und nicht des Autors!) im Hinterkopf zu haben, könne kein Lesevergnügen bedeuten.

Ein Buch sollte jeder der beiden noch empfehlen. Mulisch outete sich bei dieser Gelegenheit als Leser naturwissenschaftlicher Sachbücher - Physik, schwarze Löcher, interessierten ihn brennend, meinte er (was man ja zum Beispiel in der "Entdeckung des Himmels" unschwer erkennen kann).

Grass legte dem Publikum die ostdeutschen Schriftsteller, wie Ingo Schulze oder Thomas Brussig ans Herz. Diese würden unverbraucht schreiben, aber auch das machen, was ihm immer am Herzen lag: die Heimat, die verlorenging, literarisch nachzubilden.

Ja. Ein Abend, für den es sich eindeutig gelohnt hat, aus dem Haus zu gehen. Speziell Günter Grass hat mich in seiner präzisen, analytischen Art sehr beeindruckt - mehr, als ich das je für möglich gehalten hätte. Dagegen wirkte Harry Mulisch geradezu oberflächlich und nichtssagend - der Star des Abends, daran besteht kein Zweifel, war der Literaturnobelpreisträger.

 
Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem als Sohn eines ehemaligen Offiziers aus Österreich-Ungarn und einer Jüdin aus einer Frankfurter Familie geboren.

Weitere Werke (Auszug)

Die Entdeckung des Himmels

Zwei Frauen

Die Prozedur

Das Attentat

Siegfried

© Daniela Ecker
23. April 2001