Lesungen - dabeigewesen mit der LESELUST

 

31.07.02

Hans-Ulrich Treichel liest aus "Tristanakkord"
Mai 2000, Berlin
   

Lange geplant war dieser Abend für mich nicht - wir hatten uns spontan entschlossen, mal zu gucken, ob es nicht eine halbwegs ansprechende Lesung gäbe. Und sind daraufhin durch die halbe Stadt nach Dahlem gefahren, um Hans Treichel zu hören.

Das schöne Sommerwetter hatte wohl die Massen der Leser eher in die Biergärten als in die Buchhandlung gelockt;
uns war das nur recht, dadurch konnten wir uns noch wunderbare Plätze aussuchen.

Hans-Ulrich Treichel hat, nach einer kurzen Einführung durch den Buchhändler (dessen Namen ich bedauerlicherweise nicht weiss!) 2 Passagen aus seinem erst vor kurzem erschienenen Roman "Tristanakkord" vorgelesen. Zur ersten wäre für mich wenig zu sagen; die zweite, sehr viel ausdrucksstärkere, erzählt von einem Konzertbesuch. Das heißt, eigentlich ging es mehr um die Gedanken, die der Protagonist während eines Konzertes zu haben pflegt, und die sich nicht unbedingt mit dem allgemeinen Bildungsbürgertum decken. Wer gibt schon zu, in der Oper von einem unentrinnbaren Schlafbedürfnis überfallen zu werden?

Im darauffolgenden Gespräch wurde auch diese Passage nochmals angesprochen; Hans-Ulrich Treichel meinte
daraufhin, Bücher hätten ihm halt auch die Gelegenheit gegeben, gewisse eigene Erfahrungen mal zum Thema zu machen, die man ansonsten kaum anspricht.

Dieses schon kurz angeschnittene Gespräch war eines der interssantesten Autorengespräche, denen ich bislang
zuhören konnte. Der Buchhändler kannte ganz offensichtlich die Werke des Autors, hatte sich intensiv mit seinem Werdegang auseinandergesetzt und sich entsprechend einige Fragen vorbereitet.

Unter anderem wurde Hans-Ulrich Treichel, der ja selbst auch Kritiker ist und Professor für (ich glaube)
Literaturwissenschaften in Leipzig ist, nach seinen eigenen literarischen Vorbildern gefragt, bzw. nach den Büchern, die ihn sozialisiert hätten. Peter Weiß, so lautete die Antwort - und auch Wolfgang Koeppen. Dieser weniger des Inhalts, als der Musikalität der Sprache wegen.

Weitere Details fallen mir derzeit nicht ein - sehr schade, denn es war wirklich ein ausgesprochen interessantes
Gespräch.

Mein persönlicher Eindruck vom Autor hatte sich während des Abends ein wenig gewandelt; zu Beginn dachte ich
(auch aufgrund der vielen im Buch verwendeten Fremdworte sowie seines Berufs wegen), einem Mann gegenüberzusitzen, der mir viel zu theoretisch ist, und dessen Ausführungen ich nicht sonderlich viel Lust haben würde zu folgen.

Doch abschließend kann ich nur feststellen: ein unglaublich interessanter Mensch, sehr offen und ehrlich, dabei
bescheiden und ganz augenscheinlich geradezu unglaublich intelligent: ich muss in Kürze mindestens ein Buch von ihm lesen!

Auch hier meine Empfehlung: wenn ihr könnt, hört ihn euch an. Auch wenn ich befürchte, dass kaum eine andere
Lesung an diese so perfekt vorbereitete herankommt.


 

Der Autor:  
Hans-Ulrich Treichel geboren 1952 in Versmodl in Westfalen, lebt in Berlin und Leipzig. Seit 1995 ist er Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

Weitere Titel:  

Der Verlorene
 

Tristanakkord 

Der irdische Amor




© Daniela Ecker