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Juli 2026
Seit Juli 2026 als Taschenbuch und E-Book bei Amazon erhältlich.
Buchcover Bucht der Engel

Bucht der Engel — Als Sophie verschwand

Nizza, im Juli. Ein letzter Abend mit Freundinnen im vollen Club – und mitten in dieser Leichtigkeit verschwindet Sophie. Ein ruhiger, genau beobachteter Roman über Verlust, Ungewissheit und darüber, wie man weitergeht, wenn der Boden fehlt.

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Über mich

Vor allem: eine Leserin

1971geboren in Oberösterreich
Heutelebt in Berlin, mit Mann und zwei Söhnen
Bis ca. 2008eigene Buchvorstellungen unter die-leselust.de
Juli 2026„Bucht der Engel“ bei Amazon veröffentlicht

Ich bin seit meiner frühen Kindheit eine leidenschaftliche Leserin und liebe Geschichten. Jetzt habe ich mir den Traum erfüllt, meine eigenen Geschichten für andere Leserinnen und Leser in Buchform verfügbar zu machen.

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Buchcover Bucht der Engel
GenreSpannungsroman
OrtNizza
Erschienen2026
ErhältlichAmazon

Bucht der Engel — Als Sophie verschwand

Nizza, im Juli. Das warme Ende eines Sommers, ein letzter Abend mit Freundinnen im vollen Club – und mitten in dieser Leichtigkeit verschwindet Sophie.

Sophie ist achtzehn und mit ihren Freundinnen an der Côte d'Azur. In einer Nacht verlässt sie den Club vor den anderen, um nach Hause zu fahren. Danach fehlt von ihr jede Spur. Die Ferienwohnung ist leer, ihr Gepäck verschwunden. Für die Polizei ist der Fall rasch abgeschlossen: eine Erwachsene, die gegangen ist, ohne sich zu verabschieden. Ihre Eltern sehen das anders. Doch wie sucht man einen Menschen in einer Stadt, deren Sprache man kaum spricht und in der man keine Seele kennt?

Was dann beginnt, ist kein Fall, sondern ein Ausnahmezustand. Zwischen fremden Behörden und fremden Gesichtern, zwischen einem Anruf, auf den sie hoffen, und einem, den sie fürchten, wird das Warten selbst zur Zerreißprobe – für Marie und Fritz, für ihre Ehe, für alles, was sie einander bedeutet haben. Jeder Tag ohne Nachricht treibt sie tiefer in das Unerträglichste hinein: nicht zu wissen, ob sie ihre Tochter noch suchen oder schon betrauern müssen.

„Bucht der Engel" verfolgt keinen Täter. Wo der Krimi der Spur des Schuldigen folgt, bleibt dieser Roman bei den Menschen: bei Sophie, die verschwindet, und bei denen, die nach ihr suchen und nicht aufhören, zu hoffen. Eine ruhige, genau beobachtete Geschichte über Verlust und Ungewissheit — und darüber, wie man weitergeht, wenn der Boden fehlt.

Für alle, die tief empfundene, leise Romane über Familie, Trauer und Zusammenhalt suchen – und nicht den schnellen Nervenkitzel.

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Leseprobe

Kapitel 1

Bucht der Engel — Als Sophie verschwand

1.1 – Rue Cassini, Nizza, 30. Juni 2025, Morgen

Als Sophie die Tür zur Ferienwohnung aufschob, schlug ihr kühle Flurluft entgegen, und für einen Moment blieb sie stehen, bis der Puls sich beruhigt hatte. Das T-Shirt klebte ihr zwischen den Schulterblättern, ihre Waden waren angenehm schwer, und auf der Haut trug sie noch die Wärme des frühen Morgens. Es war kurz nach neun, vielleicht ein paar Minuten später, aber Nizza hatte längst dieses helle, unverschämt schöne Sommerlicht angenommen, das alles aussehen ließ, als wäre das Leben im Grunde eine einfache Angelegenheit.

Sie stellte die Laufschuhe neben die Tür, steckte sich den Dutt neu auf und hörte dabei der Rue Cassini zu. Unten summten Fahrräder über das Pflaster, Rollkoffer klackerten, jemand rief einem Kind etwas hinterher, und aus dem kleinen Laden schräg gegenüber klirrte eine Metalljalousie nach oben. Die Steinplatten glänzten noch feucht vom nächtlichen Reinigen. Es roch nach Kaffee, nach warmem Brot und ein wenig nach Meer, obwohl der Hafen nur ein paar Straßen weiter lag.

„Ich hab's gewusst", sagte Nadine vom Küchentisch, ohne aufzusehen. „Du warst laufen."

„War ich." Sophie zog das Haarband fester. „Und es war fantastisch."

„Du bist im Urlaub", murmelte Jana aus dem Schlafzimmer. Ihre Stimme klang dumpf, als läge noch ein Kissen darüber. „Normale Menschen schlafen da aus."

„Normale Menschen", sagte Sophie, „laufen nicht an einem Friedhof vorbei, auf dem Engel aus weißem Stein über drei Religionen gleichzeitig wachen."

Jetzt hob Nadine den Kopf. „Wie bitte?"

Sophie holte sich ein Glas Wasser, setzte sich zu ihr und trank die Hälfte in einem Zug. „Der Cimetière du Château. Da oben stehen katholische Kreuze neben jüdischen Grabsteinen und protestantischen Gedenktafeln, ganz selbstverständlich, als hätte nie jemand etwas von Grenzen gehört. Und überall diese Engelsfiguren, so fein, dass sie im Morgenlicht fast lebendig wirken. Es war … friedlich. Fast unverschämt friedlich."

Nadine musterte sie mit gespieltem Misstrauen. „Du denkst beim Laufen wirklich zu viel."

„Ich denke immer zu viel."

Das war halb Witz, halb Wahrheit. Noch immer sah Sophie die hellen Flügel vor sich, die Stille zwischen den Gräbern, das Licht auf den Wegen und dahinter die Bucht, die langsam aus dem Dunst getreten war. Es hatte sie auf eine Weise berührt, die sie nicht in Worte bringen konnte, und sie mochte dieses Gefühl gerade deshalb.

„Und dann?", fragte Nadine.

„Dann bin ich weiter hoch. Erst zum Aussichtspunkt über dem Hafen. Da lag schon wieder so ein Kreuzfahrtschiff, riesig wie ein Hochhaus. Und oben am Schlossberg …" Sophie schloss kurz die Augen. „Die Bucht war blau wie Glas. Ich hätte ewig dort stehen können."

Aus dem Schlafzimmer flog ein Kissen und landete einen halben Meter neben ihr.

„Dritter Urlaubstag", sagte Jana, inzwischen aufrecht im Bett sitzend, die Haare in alle Richtungen. „Dritter Urlaubstag, und du hast schon mehr gesehen als ich in drei Jahren."

„Du könntest ja mitkommen."

„Ich könnte auch ausschlafen."

„Das tust du ja."

Jana erschien schließlich in der Küchentür, barfuß, verschlafen und in einem viel zu großen T-Shirt, das ihr über eine Schulter gerutscht war. Sie blinzelte ins Licht, als nehme sie der Vormittag persönlich übel, dass er schon so weit fortgeschritten war.

„Sag mir bitte, dass du wenigstens etwas mitgebracht hast."

„Croissants", sagte Sophie und hob die Papiertüte vom Tisch. „Und Pain au Chocolat. Und ein Baguette, weil ich schwach bin."

„Von wo?"

„Kayser."

Jana ließ sich auf den freien Stuhl fallen. „Das ist doch diese Kette."

„Ja", sagte Sophie, „aber das Baguette ist trotzdem göttlich. Ich hab's noch warm gekriegt und musste es den ganzen Weg festhalten wie ein Neugeborenes, damit ich es nicht unterwegs anreiße."

Nadine lachte und angelte sich das erste Croissant, bevor Jana auf die Idee kam. Sie biss hinein, und der Duft von Butter und warmem Teig breitete sich in der kleinen Küche aus.

„Wir müssen sie einfach akzeptieren, wie sie ist", sagte Nadine. „Andere Leute bringen Urlaubsbekanntschaften mit nach Hause, Sophie bringt Friedhöfe und Gebäck."

„Und Aussichtspunkte", ergänzte Jana, noch immer mit halb geschlossenen Augen, während sie nach dem Kaffeelöffel tastete. „Vergiss die Aussichtspunkte nicht. Es wäre unfair, ihren Hang zur Erhabenheit zu unterschlagen."

Sophie grinste und lehnte sich zurück. Das Fenster stand offen, von unten drangen Stimmen herauf, das Kreischen einer Möwe, das Rattern eines Rollers, und irgendwo schlug Geschirr gegeneinander. Die Wohnung war nicht groß – zwei Schlafzimmer, eine schmale Wohnküche, ein Bad, dessen Tür klemmte, wenn man sie zu fest zuzog –, aber sie hatte in den drei Tagen bereits etwas Vertrautes angenommen. Janas Kosmetiktasche breitete sich zuverlässig über den halben Waschtisch aus, Nadine ließ Haargummis und Ohrringe an Orten liegen, an denen niemand sie wiederfand, und Sophie stellte ihre Laufschuhe jeden Morgen ordentlich neben die Tür, nur damit Jana abends wieder darüber stolperte.

„Also", sagte Nadine, „was machen wir heute, außer Sophies spirituelle Beziehung zu Grabengeln zu vertiefen?"

„Villa Ephrussi de Rothschild", sagte Sophie.

Jana hob den Kopf. „Natürlich."

„Du hast gestern zugestimmt."

„Ich war müde und nicht zurechnungsfähig."

„Du hast vor allem gehört, dass es dort neun Gärten gibt und alles rosa ist", sagte Nadine.

„Dann ist mein Einverständnis unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zustande gekommen."

„Es ist ein Palast einer exzentrischen Baronin auf einer Halbinsel mit Blick aufs Meer", sagte Sophie. „Und es gibt dort Kunst, Gärten und eine Bibliothek. Ich verstehe wirklich nicht, warum ich mich dafür rechtfertigen muss."

Jana musterte sie über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg. „Weil du darüber sprichst, als würdest du uns in einen Tempel führen, in dem wir bessere Menschen werden."

„Vielleicht werdet ihr das ja."

„Ich finde mich eigentlich ganz gelungen", sagte Jana.

„Sie hat einen Punkt", sagte Nadine.

Sophie zog die Knie an und riss sich ein Stück Baguette ab. Die Kruste knackte, das Innere war noch weich. Sie hätte jetzt anfangen können, den beiden vom Buch zu erzählen – von den Ephrussis, von Wien, von den kleinen japanischen Figuren, die fünf Generationen und einen Krieg überlebt hatten. Aber sie kannte Jana gut genug, um zu wissen, dass es selbst bei wohlwollender Stimmung nach einem Referat klingen würde, und dieser Morgen war zu gut für Vorlesungen.

„Na gut", sagte Jana schließlich und wischte Croissant-Brösel vom Tisch. „Dann fahren wir eben zu deiner reichen Baronin."

„Wie großmütig von dir."

„Ich bringe Opfer für die Freundschaft."

1.2 – Bus nach Saint-Jean-Cap-Ferrat / Villa Ephrussi de Rothschild, Nizza, 30. Juni 2025, Vormittag

Eine Stunde später saßen sie im Bus, eingeklemmt zwischen einem älteren französischen Ehepaar, das sich leise, aber erbittert über eine Wegbeschreibung stritt, und einer Familie, deren Kinder abwechselnd quengelten und Salzstangen zerbröselten. Jana hatte sich die Sonnenbrille ins Haar geschoben und den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, um den Ausflug vielleicht doch noch zu verschlafen. Nadine scrollte durch Fotos vom Vortag. Sophie saß am Fenster und sah zu, wie Nizza sich langsam hinter ihnen entfaltete.

Der Hafen glitt vorbei, die Masten, das harte Glitzern des Wassers, die blassen Fassaden, dann schob sich die Straße höher, und mit jeder Kurve wurde die Aussicht großzügiger. Das Meer lag unten wie lackiert, die Bucht zog sich in einem breiten, hellen Bogen um die Stadt, und in der Ferne verschwamm alles im Dunst. Selbst Jana richtete sich irgendwann ein Stück auf.

„Na gut", murmelte sie. „Dafür hat sich das frühe Aufstehen fast gelohnt."

„Das frühe Aufstehen?", sagte Nadine. „Es ist halb elf."

„Für mich ist das mitten in der Nacht."

Sophie lächelte, sagte aber nichts. Sie hatte die Stirn an die warme Fensterscheibe gelehnt und dachte daran, warum sie diese Villa unbedingt sehen wollte – wie schwer es immer noch war, es laut auszusprechen, ohne dass es geschwollen klang.

Vor ein paar Monaten hatte ihre Tante Caroline ihr das Buch geschenkt. Der Hase mit den Bernsteinaugen. Die Geschichte einer jüdischen Bankiersdynastie, der Ephrussis, erzählt über zweihundertvierundsechzig winzige japanische Schnitzfiguren aus Elfenbein und Holz – Netsuke. In Paris hatten Proust und Renoir sie angeschaut, in Wien hatten die Kinder der Familie sonntags damit gespielt. Dann kam der Anschluss. Die Nazis hatten alles beschlagnahmt: Paläste, Bilder, Porzellan, Silber. Alles außer den Netsuke – die hatte eine Dienstmagd gerettet, indem sie die Figuren nachts immer ein paar auf einmal in ihrer Schürze aus dem Haus trug und in ihrer Matratze versteckte. Sie waren das Einzige geblieben, das durch den Krieg kam und nach dem Krieg noch erzählen konnte, was vorher gewesen war.

Sophie mochte diesen Gedanken. Dass manche Dinge überstanden, nicht weil sie groß und unzerstörbar waren, sondern weil jemand sie für klein genug befunden hatte, um sie zu vergessen.

„Worum geht's?", fragte Nadine. Sie hatte offenbar doch mitbekommen, dass Sophie irgendwo weit weg gewesen war.

Sophie holte Luft. „Eine Familie. Paris, Wien, Tokio. Und alles erzählt über winzige japanische Figuren – Netsuke. Die haben einen Krieg überlebt, weil eine Dienstmagd sie in ihrer Schürze rausgeschmuggelt hat."

„Diese kleinen Schnitzfiguren?", fragte Jana, ohne die Augen zu öffnen.

„Genau die."

„Und die Verbindung zur Villa?"

„Béatrice de Rothschild hat sie gebaut. Ihr Mann war ein Cousin von Charles Ephrussi – dem Mann, der die Netsuke ursprünglich gesammelt hat."

Jana hob kurz die Sonnenbrille. „Du hast das alles im Kopf?"

„Ja."

„Das ist gleichzeitig beeindruckend und leicht beunruhigend."

Nadine lehnte sich ein Stück vor. „In Kyoto gab es so einen Schrein", sagte sie, als fiele ihr das gerade erst wieder ein, „da standen Hunderte von Fuchsstatuen. Immer kleiner werdend, bis die letzten kaum noch größer waren als meine Faust."

Sie meinte das Austauschjahr. Sophie kannte die Fotos auswendig – Sakura und Bahnhöfe und Tempelfotos in immer derselben hellen Nachmittagsqualität, Nadine davor mit dem leicht überraschten Gesichtsausdruck einer Frau, die nicht ganz fassen kann, dass das gerade ihr Leben ist.

Sophie sagte nichts. Was hätte sie sagen sollen – dass sie sich diese Fotos noch immer ansah, manchmal, wenn sie an dem Gedanken kaute, den sie nicht loswerden konnte: dass Nadine dieses Jahr bekommen hatte, ohne sich groß dafür einzusetzen, weil ihre Eltern nicht so gewesen waren wie Fritz.

Sie sagte es nicht. Sie drehte den Kopf wieder zum Fenster.

„Schau mal", sagte Jana und schob ihr die Sonnenbrille vom Kopf. „Da unten."

Das Meer. Breit, blau, ruhig.

„Na also", sagte Jana. „Dafür hat sich der Bus gelohnt."

· · ·

Die Villa Ephrussi de Rothschild lag da, als hätte jemand sie absichtlich an den schönsten Punkt der Halbinsel gesetzt, nur um zu beweisen, dass Geld und Geschmack sich ausnahmsweise einmal nicht im Weg stehen mussten. Schon die Auffahrt war eine Zumutung aus Palmen, Stein und Aussicht; dahinter die rosafarbene Fassade, so unwirklich im Licht, dass Jana abrupt stehen blieb.

„Gut", sagte sie. „Ich nehme alles zurück. Wenn ich reich wäre, würde ich genauso wohnen."

„Nur mit weniger Kulturprogramm", sagte Nadine.

„Selbstverständlich."

Sophie hörte ihnen nur halb zu. Sie war bereits einen Schritt voraus, den Blick an den Fenstern, den Balustraden, den Gartenachsen entlanggleiten lassend, als könnte sie auf diese Weise etwas aufspüren, das nur für sie bestimmt war.

Im Inneren roch es kühl und staubig, nach Holzpolitur und altem Stoff, nach Räumen, die seit Jahrzehnten daran gewöhnt waren, betrachtet zu werden. Sophie blieb immer wieder stehen, vor lackierten Schränken, vor Vitrinen, vor kleinen Gegenständen, die nichts Besonderes sein mussten und es in ihren Augen doch waren. Jana und Nadine gingen langsamer, ließen sich treiben, kommentierten eine absurd reich verzierte Kommode, das Porzellan, die Aussicht aus den Fenstern.

„Da", sagte Jana irgendwann und deutete auf einen Paravent. „Ist das wenigstens japanisch genug, damit du innerlich Frieden findest?"

Sophie trat näher. „Ein bisschen."

„Aha. Dann hat sich der Eintrittspreis also fast schon gelohnt."

„Ich hab nie gesagt, dass ich leicht zufriedenzustellen bin."

„Das wäre auch gelogen."

Draußen, in einem der Gärten, setzten sie sich später auf eine niedrige Mauer im Schatten. Unter ihnen fiel das Gelände in Terrassen zum Meer hin ab; irgendwo plätscherte Wasser, und die Luft roch nach warmem Stein, Rosen und Salz. Für eine Weile sagte niemand etwas. Selbst Jana schien zu spüren, dass der Ort besser wirkte, wenn man ihn nicht dauernd kommentierte.

„Und?", fragte Nadine schließlich. „Hat deine Baronin geliefert?"

Sophie legte die Arme um die angezogenen Knie und sah auf die Bucht hinaus. „Ja. Und nein."

„Das klingt nach einem Problem."

„Ich hatte mir nur eingebildet, dass ich hier irgendeine Art von Antwort finde."

„Auf welche Frage?", fragte Jana.

Sophie lächelte, ohne sie anzusehen. „Wenn ich das wüsste, wäre es ja einfach."

Sie ließ den Blick über das Wasser schweifen, über die Segelboote, die sich wie hingestreute weiße Striche vor dem Blau abhoben, und dachte an Wien, an den Herbst, an BWL-Vorlesungen in Seminarräumen, die schon beim Gedanken daran nach Linoleum rochen. Ihr Vater hatte von Anfang an so getan, als sei die Sache damit erledigt. BWL war vernünftig. BWL ließ sich erklären. BWL versprach etwas, das Fritz für Sicherheit hielt und Sophie für eine sauber verpackte Form von Kapitulation.

„Du könntest übrigens auch einfach gar nicht studieren", sagte Jana, als hätte sie Sophies Gedanken gehört. „Eine reiche Witwe werden. So wie diese Baronin."

„Du willst nur, dass ich dich dann finanziell mittrage."

„Selbstverständlich. Ich würde im Gegenzug charmant sein und auf deinen Landsitz aufpassen."

„Das heißt, du würdest den Champagner leer trinken und dem Gärtner schöne Augen machen", sagte Nadine.

„Auch das ist Arbeit."

Sophie lachte. Es war genau diese Art von Albernheit, die sie an den beiden mochte: dass ein Satz genügte, um aus ihren Gedanken herauszukommen, bevor sie sich darin festfraß.

1.3 – Strand und Promenade des Anglais, Nizza, 30. Juni 2025, Nachmittag

Am späten Nachmittag fuhren sie zurück nach Nizza, warfen in der Wohnung nur rasch ihre Taschen in die Ecke und gingen hinunter zum Strand. Der Kies war noch warm von der Sonne, die Luft flirrte über der Promenade, und das Meer lag so grell und glatt da, dass es beinahe künstlich wirkte. Jana band sich das Haar hoch und ließ die Sandalen achtlos neben dem Handtuch fallen, Nadine krempelte sorgfältig ihre Shorts auf, bevor sie sich setzte, als hinge ihre Würde davon ab, nicht versehentlich mit feuchtem Stoff in Berührung zu kommen.

Sophie ging als Erste ins Wasser. Es war kälter, als sie erwartet hatte, und genau deshalb gut. Sie tauchte unter, hörte für einen Moment nichts als das gedämpfte Rauschen in den Ohren und sah, als sie wieder auftauchte, die Promenade in flimmernden Umrissen vor sich: weiße Fassaden, Palmen, Menschen, die sich mit dieser entspannten Selbstverständlichkeit bewegten, die Urlauber nur an Orten entwickeln, von denen sie glauben, dass sie ihnen für eine Weile gehören.

Als sie zurückkam, hatte Jana bereits ein Gespräch mit zwei Männern angefangen, die keine dreißig Meter von ihren Handtüchern entfernt Frisbee spielten. Einer von ihnen, braungebrannt und selbstbewusst genug, um zu wissen, dass sein Lächeln Wirkung hatte, stellte sich als Matteo vor und fragte, ob sie mitspielen wollten.

„Unbedingt", sagte Jana, noch bevor jemand anders antworten konnte.

„Ich bleibe hier und bewache eure Sachen", sagte Nadine.

„Und unsere Ehre", ergänzte Sophie.

„Vor allem eure Sonnenbrillen", sagte Nadine trocken.

Sie spielten eine Weile am Wasserrand, stolperten über die Kiesel, ließen sich von den Wellen bis zu den Knien umspülen. Matteo unterhielt sich überwiegend mit Sophie, in einem Englisch, das gut genug war, aber ihn nicht davon abhielt, jeden zweiten Satz mit einer ausladenden Geste zu begleiten. Er fragte, wie lange sie blieben, ob sie aus Deutschland kämen und ob Österreich wirklich so schön sei, wie immer alle behaupteten, und Jana schob sich mit genau dem richtigen Timing ins Gespräch, wann immer sie das Gefühl hatte, dass Sophie ihm zu sehr gefiel.

Es war nicht einmal offensichtlich. Eher eine kleine Gewichtsverlagerung, ein Lachen zur passenden Sekunde, eine Berührung am Unterarm, ein Satz, der harmlos klang und doch markierte, wer hier wen schon länger kannte. Sophie bemerkte es trotzdem. Sie verwechselte Janas Eitelkeit nicht mit Bosheit; sie fragte sich nur manchmal, ob Jana überhaupt merkte, wie oft sie um Aufmerksamkeit kämpfte, noch bevor es einen Anlass dafür gab.

Später lagen sie wieder auf den Handtüchern, salzig, müde und mit schweren Lidern in der Wärme des späten Nachmittags.

„Der Italiener mochte dich", sagte Jana, ohne die Augen zu öffnen.

„Welcher?"

„Der, der nicht wusste, dass Österreich keine Stadt ist."

„Dann meinst du Matteo."

„Ich meinte den mit dem weißen Grinsen, ja."

Sophie lachte. „Und?"

„Nichts und." Jana schob die Sonnenbrille hoch. „Ich stelle nur fest, dass Männer dich mögen, obwohl du von Friedhöfen erzählst und morgens freiwillig joggen gehst. Ich finde das bemerkenswert."

„Das war jetzt ein Kompliment?"

„Ich bin mir noch nicht ganz sicher."

Nadine drehte den Kopf zu ihnen. „Es war eindeutig ein Kompliment. Jana kann bloß nicht anders, als es vorher ein bisschen anzuknabbern."

„Unsinn", sagte Jana und zog die Knie an. „Ich bin die Güte in Person."

„Du bist vor allem sonnenstichig", sagte Sophie.

„Das schließt einander nicht aus."

· · ·

Am Abend kauften sie ihr Abendessen in einem kleinen Supermarkt: Oliven, Erdbeeren, zwei Nektarinen und eine Flasche Rosé, der im Kühlregal zwischen den billigsten Sorten stand. Mit der Papiertüte unter dem Arm liefen sie hinunter zur Promenade des Anglais. Die Sonne stand tief, das Licht war warm und weich, und auf den blauen Stühlen, die in langen Reihen zum Wasser hin ausgerichtet waren, fanden sie drei freie Plätze.

Ein Stück weiter stand die hohe Stahlskulptur, die Sophie schon vom Vortag kannte. Blumen lagen davor, ein paar Kerzen, die im Wind flackerten, und kleine handgeschriebene Zettel, die unter Steinen festgeklemmt waren.

„Das ist die Gedenkstätte, oder?", fragte Nadine leise.

Jana zog ihr Handy hervor, tippte kurz und nickte. „Für den Anschlag vom 14. Juli 2016."

Sophie sah hinüber. Es war ein seltsamer Widerspruch, dass ein Ort so schön sein konnte und zugleich eine solche Erinnerung in sich trug. Nicht nur als Kulisse, sondern als etwas, das sich nicht von allem befreien ließ, was einmal auf ihm geschehen war.

„Komisch", sagte Nadine. „Man liest darüber, sieht Bilder, und trotzdem begreift man es erst richtig, wenn man hier sitzt."

Jana steckte das Handy wieder ein. „Vielleicht auch nicht richtig. Nur anders."

Sophie nickte. Sie dachte an den Friedhof vom Morgen, an die Engel aus weißem Stein, an all die Namen, die man in Stein meißelte, weil man fürchtete, sie könnten sonst verschwinden. Vielleicht war Erinnerung immer ein Versuch, etwas festzuhalten, das längst begonnen hatte, sich zu entziehen.

Sie blieben noch eine Weile sitzen, dann gingen sie weiter die Promenade entlang.

Kurz darauf standen sie vor dem I LOVE NICE-Schriftzug, den Sophie bis dahin mit der Gleichgültigkeit beiseitegeschoben hatte, die man für unvermeidliche Touristenattraktionen entwickelt. Aber Jana zog ihr Handy heraus, sah die Menschentraube und zögerte keine Sekunde.

„Wir stellen uns da hin."

„Müssen wir?", fragte Sophie.

„Ja. Das ist Pflicht."

Ein Mann bot an, ein Foto von allen dreien zu machen, und Jana übergab ihm ihr Handy mit der Miene einer Frau, die jemandem gerade ihr Erstgeborenes anvertraut.

Dann, während sie die Positionen aushandelten, wandte Jana sich zu Sophie und sagte, fast beiläufig: „Du stellst dich in die Mitte."

„Warum?"

„Weil du heute die Hauptperson bist." Sie sagte es ohne die übliche Ironie, oder jedenfalls mit weniger davon. „Du hast uns in diese Villa geschleppt. Du hast uns mit Netsuke vollgeredet. Du hast das Baguette organisiert. Heute bist du die Hauptperson."

Sophie sah sie an. Das kleine schiefe Lächeln – halb Anerkennung, halb Herausforderung – war so unverkennbar Jana, dass sie gleichzeitig lachen und die Augen verdrehen musste.

„Okay", sagte sie. „Dann die Mitte."

Das Foto wurde gut. Natürlich wurde es gut. Jana würde später drei Filter ausprobieren, bevor sie es postete, aber das war Teil des Rituals.

„Jetzt Altstadt", sagte Jana. „Und danach tanzen wir."

„War das jemals fraglich?", sagte Nadine.

„Nein. Aber es ist schön, wenn alle auf derselben Seite sind."

1.4 – Le Phare Noir, Nizza, Nacht 30. Juni/1. Juli 2025

Zurück in der Wohnung entstand das übliche Durcheinander aus Duschen, Föhnen, Schminken und der Frage, wer welches Kleid anziehen würde. Jana stand schließlich in einem schwarzen Satinkleid vor dem Spiegel und sah aus, als hätte sie den Abend schon gewonnen, bevor er überhaupt begonnen hatte. Nadine entschied sich für ein grünes Kleid, das auf den ersten Blick schlichter wirkte, als es war. Sophie zog nach kurzem Zögern das weiße Kleid an, das sie in Wien gekauft hatte, ohne genau zu wissen, wann sie es tragen würde.

„Leider unfair", sagte Jana, als Sophie aus dem Bad kam.

„Was?"

„Das Kleid. An dir."

„Danke, glaube ich."

„Gern geschehen."

Sie machten sich zu Fuß auf den Weg. In der Rue Cassini war es noch warm, die Luft roch nach Stein, Gewürzen und den ersten geöffneten Weinflaschen des Abends. Der Club am Hafen war dunkel, elegant und voller Menschen, die aussahen, als hätten sie entweder sehr viel Geld oder sehr viel Talent, so zu tun, als hätten sie es. Jana wirkte augenblicklich hellwach.

Sie tranken, tanzten, verloren sich kurz und fanden sich wieder. Jana machte binnen einer halben Stunde Bekanntschaft mit einem Franzosen namens Luc, der aussah, als sei er frisch poliert zur Welt gekommen, und Nadine wurde von einem Engländer in ein Gespräch über Urlaubsorte verwickelt, obwohl sie ihm bereits zweimal gesagt hatte, dass sie keine Lust auf Mykonos hatte. Sophie tanzte mit, ließ sich von der Musik tragen, vom Gefühl, dass hier für ein paar Stunden niemand etwas von ihr wollte, außer dass sie jung war und sich amüsierte.

Irgendwann stand sie allein an der Bar, bestellte einen Drink, den sie eigentlich nur deshalb auswählte, weil der Name gut klang, und drehte sich gerade wieder zur Tanzfläche, als neben ihr eine Männerstimme auf Deutsch sagte: „Sie trinken das Falsche."

Sie wandte den Kopf. Der Mann neben ihr war vielleicht Mitte zwanzig, dunkelhaarig, groß. Die Uhr an seinem Handgelenk kostete vermutlich mehr als Sophies gesamtes Urlaubsbudget.

„Entschuldigung?", fragte Sophie.

Er deutete auf ihr Glas. „Das Zeug schmeckt nach flüssigem Parfum und schlechten Entscheidungen."

Sophie musste lachen. „Und Sie wissen das woher?"

„Aus Nächstenliebe. Ich versuche, andere vor denselben Fehlern zu bewahren."

„Wie rührend."

Er sagte etwas auf Französisch zum Barkeeper, bevor Sophie protestieren konnte, und wenige Augenblicke später stand ein anderes Glas vor ihr.

„Das müssen Sie nicht–"

„Doch. Sonst hätte ich Sie umsonst beleidigt."

„Vielleicht hänge ich aber an meinem schlechten Geschmack."

„Dann ist jetzt der richtige Moment, sich davon zu lösen."

Sie nahm das Glas, mehr aus Neugier als aus Höflichkeit. Es schmeckte tatsächlich besser. Frischer, herber, weniger süß.

„Na schön", sagte sie. „Sie haben knapp gewonnen."

„Das genügt mir fürs Erste."

„Und wer genau sind Sie?"

„Sascha", sagte er. „Alexander nur für meine Mutter und Menschen, die mir Geld schulden."

„Sophie."

„Österreicherin?"

„Ist das so offensichtlich?"

„Nicht offensichtlich. Nur charmant."

Sie schnaubte leise, aber sie musste lächeln.

Jana tauchte auf, als hätte sie gespürt, dass Sophie sich zu lange mit jemandem unterhielt, den sie nicht kannte. Sie warf Sascha einen kurzen Blick zu – nicht unfreundlich, aber wach – und stellte sich mit der Leichtigkeit einer Frau dazu, die genau wusste, wie man ein Gespräch betritt, ohne es zu unterbrechen.

Kurz darauf kam Nadine, weil der Engländer offenbar doch nicht interessant genug gewesen war, und für eine Weile standen sie zu viert an der Bar, redeten über Nizza, über Österreich, über die Frage, ob man in einem Urlaub eher früh aufstand oder konsequent jede Form von Tageslicht mied.

Als Sophie die Villa Ephrussi erwähnte und dabei beiläufig von Netsuke sprach, hob Sascha den Kopf.

„Sie kennen Netsuke?"

„Ein bisschen", sagte Sophie.

„Das sagt jemand, der nicht zufällig über das Wort gestolpert ist."

„Ich wollte mal Japanologie studieren."

„Und jetzt?"

Sophie verzog den Mund. „Jetzt wird es wohl BWL."

„Das klingt nicht begeistert."

„Das ist es auch nicht."

Er sah sie einen Moment an, als wollte er nachfragen, ließ es dann aber bleiben. Stattdessen nickte er mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung eines ruhigeren Bereichs am Rand der Terrasse.

„Kommen Sie. Ich kann Ihnen etwas zeigen – wenn Sie Interesse haben."

„Klingt das gefährlicher als es ist?", murmelte Jana.

„Ich verspreche, es ist harmlos", sagte Sascha.

Er führte sie durch eine Tür, die von außen wie Teil der Wandverkleidung wirkte. Dahinter lag ein Separee: kleiner als die Hauptterrasse, dunkler, mit samtbezogenen Bänken entlang der Wände und einem niedrigen Tisch, auf dem Kerzen brannten. Eine Seite des Raums war verglast – ein langer, leicht getönter Streifen, durch den man die Tanzfläche überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Hier war es ruhig genug, um einen Satz zu beenden, ohne ihn zweimal sagen zu müssen.

An der gegenüberliegenden Wand, zwischen zwei schmalen Spiegeln, hing eine eingelassene Vitrine mit indirekter Beleuchtung. Kein Hinweisschild, keine Beschriftung – einfach da, als gehörte sie seit jeher dazu.

„Mein Vater", sagte Sascha mit einem Tonfall, der Distanz und eine gewisse Zuneigung gleichzeitig enthielt, „hat die Überzeugung, dass schöne Dinge an Orten stehen sollten, wo man sie auch sieht. Aber nur, wenn man weiß, wo man hinschauen muss."

Sophie trat näher. Im gedämpften Licht der Vitrine lagen sie: kleine Figuren aus Elfenbein und Holz, fünf, sechs Stück, jede anders. Ein Fuchs mit eingezogenem Schweif. Ein lachender alter Mann. Eine winzige Maske. Ein Hase, so fein gearbeitet, dass selbst die Ohren noch Bewegung zu haben schienen. Ein Tintenfisch, kaum größer als ein Daumenglied, mit Tentakeln aus so dünnem Elfenbein, dass man das Licht hindurchsehen konnte.

Für einen Augenblick war der Club verschwunden. Die Musik, das Lachen, das Stimmengewirr draußen hinter der Glasscheibe – alles trat zurück.

„Die sind wunderschön", sagte sie leise.

„Mein Großvater hat gesammelt", sagte Sascha. „Mein Vater bewahrt die Dinge inzwischen an Orten auf, an denen man sie zuletzt vermutet."

„Das ist ein mildes Urteil", sagte Jana. Sie hatte das Handy schon in der Hand, fast reflexartig, und hielt es bereits so, als prüfe sie nur die Belichtung. „Darf ich?"

Sascha machte eine unbestimmte Geste, die weder Ja noch Nein war. Jana fotografierte trotzdem – die Vitrine, die Figuren dahinter, die schräg einfallende Beleuchtung, die das Elfenbein zum Leuchten brachte. Ein, zwei Aufnahmen, dann ließ sie das Handy sinken.

„Nur für mich", sagte sie. „Ich tagge niemanden."

„Gut", sagte Sascha.

Nadine betrachtete die Figuren durch das Glas mit einem sachlichen Interesse, das nicht weit von Skepsis entfernt war. Sophie stand noch immer da und sah auf den Hasen.

„In dem Buch, über das wir vorhin gesprochen haben", sagte sie schließlich, „gibt es auch einen Hasen. Aus Elfenbein. Er ist das Erste, was der Autor beschreibt. Weil er ihm als Kind am liebsten war."

„De Waal?"

Sophie sah auf. „Sie kennen das Buch?"

„Nur dem Titel nach." Er lehnte sich an die Wand neben der Vitrine und sah auf die Figuren. „Mein Vater hat es irgendwann auf den Tisch gelegt und gesagt, das sei ‚relevant'. Ich hab es nicht gelesen."

„Das sollten Sie."

„Vielleicht", sagte er. „Vielleicht auch nicht. Manche Dinge sind besser, wenn man ihnen keine Geschichte gibt."

Sophie wollte widersprechen, ließ es dann aber bleiben. Das war eine Meinung, über die sie hätte streiten können – und gegen die sie gute Argumente gehabt hätte –, aber es war nicht der Abend dafür. Und er hatte es nicht gesagt, um sie zu provozieren.

Sie gingen zurück in den Club. Die Musik holte sie wieder ein, lauter als vorher, oder es schien nur so nach der Stille hinter der Wand.

Sascha blieb an der Bar, unterhielt sich mit jemandem, den er offenbar kannte, und Sophie verlor ihn bald zwischen anderen Leuten. Sie tanzte mit Nadine, dann mit Jana, dann mit Luc, der plötzlich wieder auftauchte, und für zwei Lieder sogar mit Sascha, der sich überraschend gut bewegte für einen Mann, der aussah, als gehöre er eher an einen Besprechungstisch als auf eine Tanzfläche.

Später stand Sophie kurz wieder neben Sascha an der Bar, während Jana auf der Tanzfläche war und Nadine dem Engländer erklärte, warum sie kein Interesse an Mykonos hatte. Nicht lange – gerade so, dass ein letztes Gespräch entstehen konnte, ohne gleich wichtig zu werden.

Jana war gerade zurück von der Tanzfläche und stellte sich zu ihnen, als Sascha sagte: „Wir fahren nächste Woche raus. Ein paar Freunde, ein Nachmittag auf dem Wasser. Wenn Sie Lust haben – Sie alle drei."

„Natürlich haben wir Lust", sagte Jana.

Sophie sah sie an.

„Was?", sagte Jana. „Eine Yacht. Natürlich haben wir Lust."

„Ich fahre morgen für ein paar Tage zu meinen Eltern nach Monaco", sagte Sascha. „Wenn ich zurück bin. Port Lympia, Aoi." Er zog eine kleine Karte aus der Innentasche seines Sakkos und legte sie auf den Tisch zwischen ihnen. „Nur falls jemand den Liegeplatz vergisst."

Jana warf einen kurzen Blick auf die Karte, sagte aber nichts.

Sophie sah auf die Karte, auf seinen Namen, auf eine Nummer, und dachte, dass sie eigentlich keine Lust hatte, sich auf etwas festzulegen, das nach einer Woche noch existierte. Urlaub war Urlaub. Alles andere war Herbst.

„Wir schauen, wie die Woche so wird", sagte sie.

„Natürlich", sagte Sascha.

Er ließ die Karte liegen, als er sich vom Tisch löste. Als Sophie später vom Rand der Tanzfläche hinübersah, stand er am anderen Ende der Bar, das Glas in der Hand, und sah nicht zu ihr her.

Um halb drei bestellte Jana Shots. Gegen vier beschloss Nadine, dass sie jetzt entweder gehen müssten oder den Sonnenaufgang auf einem Barhocker erleben würden. Kurz darauf standen sie wieder draußen im warmen Dunkel des Hafens. Sophie lief barfuß über den noch warmen Asphalt, das weiße Kleid ein Stück angehoben, damit der Saum nicht über den Boden streifte.

„Der Engländer", sagte Nadine, als sie in eine ruhigere Seitenstraße einbogen, „hat mir am Ende tatsächlich seine Nummer gegeben. Auf einer Serviette."

„Und?", fragte Jana.

„Ich hab sie im Club gelassen."

„Das ist kalt."

„Das ist ehrlich. Er hat wirklich sehr viel über Mykonos geredet."

Jana lachte. „Luc dagegen", sagte sie mit dem Tonfall einer Frau, die sich eine Bewertung für später aufhebt, „ist eine noch offene Frage."

„Er hat dich die halbe Nacht angesehen, als wärst du ein Problem, das er gerne hätte", sagte Sophie.

„Ich weiß." Jana klang zufrieden damit.

Sie gingen ein paar Schritte schweigend. Irgendwo weit hinten schlug eine Tür, ein Roller fuhr vorbei, dann war es wieder still.

„Der an der Bar war auch interessant", sagte Jana dann, leichter, als wäre es nur ein Nachsatz. „Der mit dem Deutsch."

„Sascha."

„Wenn er so heißt."

„Du glaubst, er hat gelogen?"

„Ich glaube nur, dass Männer in solchen Clubs selten aus reiner Menschenfreundlichkeit Drinks austauschen."

„Vielleicht kam es ja von meiner blendenden Konversation."

„Oder von deinem Kleid", sagte Jana und warf ihr einen Seitenblick zu, der halb spöttisch, halb anerkennend war. „Das könnte auch sein."

Nadine lachte. Sophie schüttelte den Kopf, aber sie lächelte.

Niemand bemerkte den Mann, der auf der anderen Straßenseite stehen geblieben war und ihnen nachsah, bis die drei in einem Hauseingang verschwunden waren und die Rue Cassini wieder still wurde.

1.5 – Nizza, Zwischentage, ca. 1.–12. Juli 2025

Die nächsten Tage verloren rasch ihre klaren Ränder und wurden zu jener eigentümlichen Sommerzeit, in der sich alles wiederholt und trotzdem nie gleich anfühlt.

Sie schliefen länger, als sie zuhause geschlafen hätten, frühstückten zu spät, gingen an den Strand, tranken Aperol, obwohl Sophie dabei jedes Mal fand, dass das Zeug nach bitterer Limonade schmeckte, und aßen Eis auf dem Weg zurück in die Altstadt. Jana flirtete mit Kellnern, Barkeepern und Männern, deren Namen sie schon am nächsten Tag wieder vergaß. Nadine beobachtete vieles mit diesem stillen, trockenen Humor, der Sophie manchmal das Gefühl gab, sie sei von ihnen dreien die Vernünftigste – sie machte nur nicht viel Aufhebens darum.

Sophie stand an manchen Morgen früh auf und lief wieder zum Schlossberg hinauf, bevor die Hitze die Stadt träge machte. An einem dieser Vormittage saßen sie später beim Frühstück in einem Café nahe der Place Garibaldi, und Jana erzählte von Mallorca, weil sie sich in die Vorstellung verliebt hatte, dass nach Nizza noch eine zweite, noch leichtere Art von Sommer auf sie wartete. Nadine hörte mit halbem Ohr zu, während sie Marmelade auf ein Stück Baguette strich.

„Es ist wirklich–" Jana hielt inne. „Moment. Ich sage jetzt gleich unerquicklich, und das ist deine Schuld."

„Meine Schuld?"

„Du redest so, und es steckt an. Also: Es ist wirklich unerquicklich, dass du nicht mitkommst. Du würdest dort mindestens drei Animateure sprachlich vernichten."

„Das ist erstaunlich konkret."

„Ich habe Fantasie."

Sophie lächelte, aber das Ziehen darunter blieb. Sie hatte ihrem Vater den Mallorca-Plan gleich am ersten Abend in Nizza noch einmal geschickt, als hätte Distanz ihn vielleicht milder gestimmt. Fritz war bei seiner Meinung geblieben. Zu viel Show, zu viel Versprechen, zu wenig Substanz. Sophie hatte ihm daraufhin eine Nachricht formuliert und wieder gelöscht, in der das Wort Kontrollzwang vorkam.

Sie hatte die Nachricht nicht abgeschickt. Es hätte nichts verändert.

Trotzdem saß die Kränkung tief. Nicht nur, weil Jana und Nadine weiterreisen würden und sie nicht. Sondern weil Fritz mit einer Selbstverständlichkeit entschied, als ginge ihn an, was sie mit ihrem Sommer, ihrem Studium und im Grunde ihrem ganzen Leben anfing. Vielleicht meinte er es gut. Aber er sprach mit ihr, als sei sie zwölf und nicht achtzehn und gerade mit der Matura fertig, alt genug, um sich wenigstens einmal selbst zu irren.

Zumindest Berlin würde kommen. Noch vor Studienbeginn, ein paar Wochen bei Tante Caroline – weit genug weg von zuhause, um sich ein Stück weit wie sie selbst zu fühlen, nah genug, dass Fritz es aushielt. Es war kein Ausgleich. Aber es war etwas.

„In Berlin soll man auch extrem gut abfeiern können", sagte Nadine.

„Das klingt schon wieder nach meinem Vater."

Jana musterte sie einen Augenblick. „Das ist der unerquicklichste Satz, den du in diesem Urlaub bisher gesagt hast."

„Danke."

„Keine Ursache."

· · ·

Es gab andere Abende, andere Gesichter. Die Verabredung, die ohnehin nie konkret geworden war, hatte keinen Haken, an dem sie sich hätte festhalten können.

An einem der Nachmittage, als sie zu dritt auf den Kieselsteinen lagen und die Hitze sie träge und gesprächig zugleich machte, fragte Nadine ohne besonderen Anlauf: „Denkst du gerade an Robert?"

Sophie öffnete die Augen. „Wie kommst du darauf?"

„Du hast so diesen Blick."

„Ich hab keinen Blick."

„Du hast sehr wohl einen Blick."

Sophie legte den Arm über die Augen. Es stimmte, ein bisschen. Nicht weil sie ihn vermisste – das tat sie nicht, oder jedenfalls nicht so, wie man jemanden vermisste, dem man Unrecht getan hatte. Sondern weil das Ende immer noch so frisch war, dass es manchmal in unerwarteten Momenten auftauchte: sein Gesicht, als sie ihm gesagt hatte, dass sie die Beziehung beenden wollte. Nicht wütend, eher fassungslos. Dass es keinen Streit gegeben hatte, kein konkretes Problem, keinen anderen Mann – das hatte es für ihn offenbar schwerer gemacht, nicht leichter.

Sie wollte sich noch nicht binden, hatte sie gesagt. Nicht jetzt, nicht so früh. Sie wollte erst wissen, wie sie selbst war, bevor sie aufhörte, es herauszufinden.

Er hatte sie in diesem Moment ein bisschen an ihren Vater erinnert – diese Art, nicht zu verstehen, warum jemand eine Entscheidung traf, die sich nicht in einem vernünftigen Satz zusammenfassen ließ. Aber das hatte sie ihm nicht gesagt. Manche Vergleiche machte man besser nur im Stillen.

„Nein", sagte sie. „Nicht wirklich."

Nadine ließ es dabei bewenden.

· · ·

Zweimal in dieser Woche glaubte Sophie, ihn zu sehen. Einmal an der Bar eines Lokals, das sie im Vorbeigehen streifte – eine Schulter, eine Kopfhaltung, die Farbe eines T-Shirts. Sie verlangsamte den Schritt, sah nochmals hin – und ging weiter. Einmal in einem Café nahe der Place Garibaldi, wo jemand am Fenster saß und hinaussah, genau so wie Robert immer hinausgesehen hatte, als er über etwas nachdachte, das er nicht aussprach. Sie erzählte Jana davon, beiläufig, während sie auf dem Weg zum Strand an einem Stand mit zu bunten Magneten vorbeikamen.

„Ich glaube, ich sehe Geister."

„Robert-Geister?"

„Irgendwelche Geister."

Jana warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Das ist das schlechte Gewissen."

„Ich hab kein schlechtes Gewissen."

„Dann ist es die Hitze."

„Wahrscheinlich."

Jana kaufte einen Magneten, obwohl sie keinen Kühlschrank hatte, an den sie ihn hätte hängen können, und sagte nichts weiter. Sophie mochte das an ihr.

· · ·

Ein paar Abende später – Jana und Nadine waren auf der Tanzfläche, Sophie stand an der Bar und wartete auf ein Wasser – sprach sie lange mit einem Belgier, der in Gent Architektur studierte und der Altstadt von Nizza mit einer Begeisterung die Echtheit absprach, die selbst sie kurz zweifeln ließ, ob sie den falschen Ort bewundert hatte.

„Zu restauriert", sagte er. „Man sieht das Material, aber man spürt die Zeit nicht mehr."

„Und wo spürt man sie?"

Er dachte kurz nach. „Peillon. Kennen Sie das?"

Sie schüttelte den Kopf.

„Ein Bergdorf, etwa eine halbe Stunde von hier. Mittelalterlich, keine Autos, die Häuser wachsen aus dem Fels, als hätte jemand vergessen, sie fertigzubauen." Er machte eine Geste, die gleichzeitig Bescheidenheit und Überzeugung ausdrückte. „Ich fahre übermorgen mit dem Motorroller hin. Wenn Sie möchten."

Sophie überlegte einen Moment länger, als sie erwartet hatte. „Ich kann leider nicht", sagte sie schließlich. „Meine Eltern sind in ein paar Tagen in Nizza, und wir müssen am vierzehnten alle abreisen."

„Schade."

„Ja", sagte sie. Und meinte es so.

Sie sprachen noch eine Weile, dann holte Jana sie ab, und der Belgier – sie hatte vergessen, nach seinem Namen zu fragen, und er nicht nach ihrem – verschwand wieder in der Menge.

· · ·

Zwei Tage später saßen sie beim Frühstück, und Nadine fragte, ohne besonders aufzusehen: „Wann kommen deine Eltern eigentlich?"

„Morgen Nachmittag." Sophie brach ein Stück Baguette ab. „Meine Eltern wollten uns alle drei auf einen Kaffee ins Le Galet einladen. Morgen Nachmittag, bevor wir noch einen letzten Abend haben."

„Nett von ihnen."

„Mein Vater freut sich, wenn er zahlen kann."

Jana hob ihre Tasse. „Auf Väter, die zahlen können."

„Das war jetzt nicht als Kompliment gemeint."

„Ich weiß. Ich hab's trotzdem als eines genommen."

FAQ

Häufige Fragen

Warum „psychologischer Spannungsroman" — „Bucht der Engel" beginnt doch wie ein Krimi?

Das Buch war lange als Krimi geplant. Aber ich hatte schon zwei Drittel des Romans fertig, als mir während des Schreibens klar wurde, dass mich weniger die Frage interessierte, wer der Täter ist, als vielmehr, was mit den Menschen geschieht, die zurückbleiben. Deshalb wurde aus dem geplanten Krimi ein psychologischer Spannungsroman.

Warum hast du es nicht bei einem klassischen Verlag versucht?

Ich wollte die Geschichte nicht jahrelang in einer Schublade liegen lassen. Selfpublishing hat mir die Möglichkeit gegeben, sie direkt mit meinen Leserinnen und Lesern zu teilen.

Hast du KI verwendet?

Ja. Das Cover wurde mit Hilfe einer KI gestaltet. Außerdem habe ich KI als Werkzeug beim Überarbeiten genutzt – etwa um Tippfehler zu finden, auf logische Unstimmigkeiten hinzuweisen oder Formulierungen zu hinterfragen. Geschichte, Figuren und Handlung stammen vollständig von mir.

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