Annika Thor

In der Tiefe des Meeres
Der dritte Teil über Steffi und Nelli

Verlag: Carlsen, ISBN: 3- 551- 58052- 9, 189 Seiten; HC 24, 90 DM, 13 Jahre

 

Immer noch sind Steffi und Nelli in Schweden, aus den Monaten sind nun mittlerweile Jahre geworden.
Steffi ist als Untermieterin bei der Doktorfamilie ausgezogen und lebt nun bei ihrer besten Freundin Maj und ihrer Familie. Sie sieht Sven nur noch selten, worüber sie auch eigentlich ganz froh ist...

Ihre Eltern haben es nicht mehr rechtzeitig geschafft auszureisen und der Kontakt mit ihnen wird immer schwieriger. Als wäre das nicht schon schlimm genug, werden sie jetzt auch noch in das KZ Theresienstadt deportiert. Es sind nur Postkarten mit 30 Wörtern erlaubt...

Und eines Tages kommt wieder so eine Karte von ihrem Vater. Mit der schrecklichen Nachricht, dass ihre Mutter gestorben ist. Steffi und Nelli werden nur langsam damit fertig. Doch sie dürfen nicht aufgeben...

Auszug:  

Theresienstadt, den 3. Juli 1943

Geliebte Steffi,
entschuldige, dass ich nicht eher schreiben
konnte. Mama ist am 17. Juni an Typhus
gestorben. Die Trauer ist unendlich. Versuch
es Nelli so schonend wie möglich beizubringen.

Papa

Nur dreißig Wörter. 
Dreißig Wörter, schwer wie die Steinblöcke unten am Strand. Dunkel, unbeweglich. Eine Last, die sie zu Boden presst und zu ersticken droht. Die Eile von eben ist verschwunden. Steffi ist wie gelähmt. Langsam sinkt die Hand herunter, die die Karte hält, und hängt schlapp an der Seite. Die Füße sind wie festgewachsen im Schotter. 

Die Beine tragen sie nicht. Alles, was sie bis eben aufrecht gehalten hat, alle Skelettteile, Muskeln und Knorpel scheinen sich aufgelöst zu haben. Ihr Körper ist eine bebende Masse wie eine von diesen ekligen Quallen am Wassersaum. Sie will schreien, aber ihre Stimme ist weg. Ein schwaches Wimmern, das ist alles, was ihr über die Lippen kommt. Sie fällt in ein schwarzes Loch. Ein schwarzes Nichts, das sie in einen Wirbel von  Verzweiflung abwärts zieht. Tante Märta öffnet die Tür zum Kellergeschoss. 

„Steffi? Steffi, bist du das? Warum kommst du nicht herein?“
Und dann mit besorgter Stimme:
„Was ist passiert? Warum liegst du so da? Bist du krank?“
Es dauert eine ganze Weile, ehe Steffi wieder sprechen kann.
Da hat Tante Märta ihr aufgeholfen und sie behutsam zur Schlafbank geführt. 
Hat die Arme um sie gelegt, Steffis dunklen Kopf an ihre Brust gebettet. Hat leise gemurmelt:
„Mein kleines Mädchen, mein liebes kleines Mädchen.“
Obwohl Steffi kein Wort gesagt hat und obwohl Tante Märta den deutschen 
Text auf der Karte nicht lesen kann, weiß Steffi, dass Tante Märta es weiß, dass sie es verstanden hat.
Alles tut so weh. Die Kleider kratzten am Körper, als ob sie einen Sonnenbrand hätte. Das Licht der Deckenbeleuchtung brennt in ihren Augen. Auch wenn sie die Augen schließt, flackern Lichtblitze hinter ihren Augenlidern.
Sie versucht die Zunge im Mund zu bewegen. Sie fühlt sich wie ein gelähmter Klumpen an. 
„Tante Märta... bitte, mach das Licht aus.“
Tante Märta zündet eine Kerze an und knipst die Deckenbeleuchtung aus. 
„Ist es besser so?“
„Ja, danke.“
Steffi schließt wieder die Augen. Liegt ganz still. Jetzt sind die Lichtblitze erloschen. Stattdessen flattern Bilder vorbei. Das Traumbild von Mama als Königin der Nacht, stumm singend. Mama in einem Krankenhausbett. Mama auf dem Bahnhof an dem Tag, als sie sich getrennt haben, mit rot geschminkten Lippen, die wie eine Wunde sind. 
Sie hätte nicht wegfahren dürfen. Sie hätte bei Mama und Papa bleiben müssen. Jetzt ist alles zu spät.
Es ist die dunkelste Nacht, die längste. Obwohl es immer noch Sommer ist, ist es dämmrig. Über dem Meer hängt regenschwere Dunkelheit. Die ganze lange Nacht sitzt Tante Märta auf einem Stuhl neben der Bank, während Steffi sich in unruhigem Schlaf herumwirft. Hin und wieder berührt ihre magere Hand Steffis Wange, wie sie es in der ersten Nacht tat, als sie nach all den kinderlosen Jahren wieder ein kleines Mädchen im Haus hatte.

© Friederike Sandow 2001 in der LESELUST