Annika Thor

Offenes Meer
Der vierte und letzte Teil mit Steffi und Nelli

VVerlag: Carlsen, ISBN: 3- 551- 58065- 0, 222 Seiten; HC - 13 Jahre

 

Nun ist Frieden. Alle Menschen feiern- freuen sich. Auch Steffi und Maj, Nelli, Tante Märta- alle. Und auch Sven trifft Steffi auf der Friedensfeier auf dem Göteborger Platz wieder.
Erst nach und nach begreifen Steffi und Nelli, was das bedeutet. Denn sie sind wegen dem Krieg nach Schweden gekommen. Doch was passiert, wenn kein Krieg mehr ist? Wohin sollen sie nun zurück? Ein Wien gibt es nicht mehr für sie. Ihr Vater hat sich nicht wieder gemeldet und Steffis letzter Brief an ihn kam zurück mit der Aufschrift: „deportiert“
Doch Tante Märta will Steffi gerne noch behalten...
Nur Nelli belauscht unabsichtlich ein Gespräch Tante Almas und Onkel Sigurds, bei dem es um Nelli geht. 
Beide wissen nicht, ob sie es sich noch leisten können, wenn Nelli bei ihnen bleibt.

Steffi versucht ihren Vater zu finden und in all dieser Verzweiflung und Hoffnung ist Sven bei ihr. Sven, den Steffi so liebt und bei dem sie unbedingt bleiben will. Und dann kommt eine Nachricht von Papa, dass er lebt. Und auch die Verwandten aus Amerika melden sich. Papa will mit ihr und Nelli nun endlich nach Amerika und dort neu anfangen. Doch Nelli ist ja auch irgendwie eine Schwedin geworden und will vielleicht gar nicht weg... 
Es ist eine schwere Entscheidung für Steffi und Nelli...

Auszug:  

„Erinnerst du dich an Tante Emilie?“, fragt Steffi. 
„Ich weiß nicht.“
„Paps Schwester“, sagt Steffi. „Ihr Mann heißt Onkel Arthur, und sie hatten einen Sohn, der hieß Peter. Er ist tot, im Krieg...“
„Peter“, sagt Nelli. „An ihn erinnere ich mich. Er hat immer Pferd mit mir gespielt. Er war lieb. Ist er... ich meine, wurde er...?“
„Er war Soldat“, sagt Steffi. „In der amerikanischen Armee. Er ist in der Normandie gefallen.“
„Wie konnte er in der amerikanischen Armee sein? Er hat doch in Wien gewohnt?“
„Sie sind nach Amerika emigriert“, sagt Steffi. „Tante Emilie, Onkel Arthur und Peter. Genau wie wir das auch wollten. Erinnerst du dich?“
„Ja, natürlich erinnere ich mich.“
„Ich habe einen Brief von Tante Emilie bekommen. Sie wohnen in Amerika. In einer Stadt, die heißt Plainfield, New Jersey. Dort haben sie ein Haus und ein Unternehmen. Sie schreibt, es geht ihnen gut. Aber natürlich vermissen sie Peter.“
(...)
Sie haben die Hügelkuppe vor dem Abhang zu Tante Märtas und Onkel Everts Haus erreicht. Vor ihnen breitet sich das Meer aus, offen und ohnE Ende. Dunkle Wolken hängen schwer über der Wasseroberfläche, aber am Horizont im Westen 
lässt ein Lichtstreifen das Meer wie Silber blinken.
Steffi bleibt stehen.
„Guck mal“, sagt sie. „Als ich es das erste Mal gesehen habe, hab ich gedacht, es ist das Ende der Welt. Aber so ist es nicht. Da draußen geht die Welt weiter. Auf der anderen Seite des Meeres liegt Amerika.“
Ein Regentropfen landet auf Nellis Wange, noch einer und noch einer. 
„Ja“, sagt Nelli. „Jetzt lass uns mal gehen, ich glaub, es fängt an zu regnen.“
„Warte. Nelli, möchtest du nach Amerika?“
„Jetzt?“
„Tante Emilie schreibt, dass wir zu ihnen kommen können. Wir dürfen bei ihnen wohnen wie ihre eigenen Kinder. Du darfst in die Schule gehen und ich kann Medizin studieren.“
Nellis Herz klopft wie wild. Sie kann kaum atmen, noch weniger ein Wort herausbringen.
„Du brauchst nicht jetzt zu antworten. Denk darüber nach. Ich muss auch nachdenken.“
Dann ist der Regen da, ein heftiger Schauer, der auf die Erde prasselt und ihre Kleider sofort durchnässt. 
Steffi nimmt das Fahrrad und läuft den Hügel hinunter, während sie mit den Füßen bremst, damit das Fahrrad ihr nicht davonrollt. 
Nelli folgt ihr. Sie stolpert und verliert fast das Gleichgewicht, kommt aber wieder auf die Füße. Vor ihnen schmelzen Meer und Himmel zu einer grauen Unendlichkeit zusammen. Auf der anderen Seite des Meeres liegt Amerika.

© Friederike Sandow 2001 in der LESELUST