Annika Thor

Eine Insel im Meer
Der erste Teil einer wunderbaren Geschichte

Verlag: Carlsen, ISBN: 3- 551- 58023- 5, 223 Seiten, HC 26, 00 DM, 10- 12 Jahre
 

Es geht um die 12 jährige Steffi und ihre 7 jährige Schwester Nelli. Es ist der zweite Weltkrieg und die beiden sind Juden. Kurzerhand entschließen sich die Eltern die zwei Mädchen nach Schweden zu geben, damit sie den Frieden kennen lernen und die Eltern sich um die Ausreisegenehmigung kümmern können. 
Nelli trifft es sehr gut, sie kommt zu einer herzlichen und warmen Familie. Mit der Sprache kommt sie bald zurecht und findet schnell Freunde, auch in der Schule hat sie bald keine Schwierigkeiten mehr.
Steffi allerdings hat es nicht so gut getroffen. Sie wohnt von nun an bei Tante Märta und Onkel Evert. Onkel Evert ist kaum daheim, da er Fischer ist und somit die meiste Zeit auf der See verbringt. Bei Tante Märta weiß Steffi nicht so richtig woran sie ist. Sie ist immer kalt und abweisend, selten das Steffi mal in den Arm genommen wird.
Auch mit der Sprache hat sie Probleme, findet kaum Anschluss und Freunde.

„Nur für ein oder zwei Monate“ hat es geheißen, als Steffi und Nelli abgefahren sind. Doch dabei bleibt es nicht... die einzige Verbindung zu den Eltern ist ein Brief oder eine Karte auf die Steffi auch immer sehnsüchtig wartet...

Auszug:  

„Ich sag’s ja“, jammert das Postfräulein der dicken Frau vor, die nach Geld in ihrem Portmonee sucht. „Was für ein Winter!“
Steffi wartet, bis sie an der Reihe ist. Nach der Schule geht sie immer an der Post vorbei, um zu fragen, ob für sie etwas da ist. Es könnte ja einen Brief von Mama und Papa geben. 
„Hu, ja“, sagt die Frau und fischt einen Geldschein aus dem Portmonee. „Nicht mal meine alte Mutter kann sich an so eine Kälte erinnern, und meine Mutter ist schon über achtzig.“
„Und das Meer ist bis weit hinaus gefroren“, sagt das Postfräulein. 
„Ja, man kann tatsächlich bis nach Hjuvik gehen.“
Steffi horcht auf. Hjuvik liegt auf dem Festland nördlich von Göteborg. Dass man ganz bis dorthin zu Fuß gehen kann!
Unten im Hafen liegen die Schiffe eingefroren. Die Mannschaften müssen Rinnen aufhacken und die Schiffe durchs Wasser hinaus aufs offene Meer schleppen. Wenn Onkel Evert nach der Arbeit nach Hause kommt, sind seine Arbeitskleider steif gefroren wie Panzer. 
„Kann das mit dem Krieg zu tun haben?“, fragt das Postfräulein. „Was meinen Sie, Frau Pettersson?“
„Wer weiß?“, sagt die Frau und schüttelt den Kopf. „Es sind böse Zeiten.“
„Böse Zeiten“, stimmt das Postfräulein ein und zählt der Frau das Wechselgeld vor. 
Frau Pettersson nimmt ihr Paket vom Versandhaus und sagt auf Wiedersehen. 
Endlich ist Steffi an der Reihe. 
„Guten Tag, ist Post für Janssons da?“
„Guten Tag“, sagt das Postfräulein. „Ich seh mal nach.“
Sie sucht in ihren Schubladen und schüttelt den Kopf.
„Nichts.“
Steffi beißt sich auf die Lippe. Vor Weihnachten hat sie den letzten Brief von zu Hause bekommen. Nelli auch. „Warte mal“, sagt das Postfräulein. „Die Post könnte falsch eingeordnet sein. Ich guck noch mal nach.“
Sie sucht, findet aber nichts. 
„Bald kommt was, wirst schon sehen“, tröstet sie. „Guck morgen noch mal rein, 
dann ist der Brief vielleicht da.“
„Danke“, sagt Steffi.
Der Schnee knarrt unter ihren Fußsohlen, als sie auf die Treppe hinaustritt. Die Winterschuhe vom letzten Jahr drücken ein bisschen an den Zehen, aber sie will Tante Märta nicht um neue bitten. Sylvia und Barbro gehen auf den Laden zu. Sylvia trägt eine Mütze aus wuscheligem weißem Kaninchenfell. Barbro hat auch so eine, nur grau. So eine Mütze muss man in diesem Winter haben. Nicht so eine wie Steffi- gestrickt und mit einem Bommel.

© Friederike Sandow 2001 in der LESELUST