Carlos Puerto

Lucía oder wie das Leben so spielt

Verlag: Arena, ISBN: 3401028944, 183 Seiten;   - ab 14 Jahren

  

Buch bestellen


Lange hat er Lucía verfolgt- oder genauer gesagt, eingehend beobachtet. Und auch sie hat ihn schon bemerkt, er ist ihr auch schon aufgefallen. Doch er ist kein heimlicher Verehrer, wie sie anfangs dachte- er hat ihre Hände bemerkt...

Als er sie endlich anspricht, kommt heraus, dass er Lucía gerne für eine Theaterrolle hätte- mit ihren Händen hätte sie genau den Ausdruck, den sie für die Rolle bräuchte: Die Rolle der Jeanne d' Arc , der Jungfrau von Orléans, in dem Stück "Die Lerche" von Anouilhs. Zuerst ist sie unsicher was sie davon halten soll- doch dann sagt sie zu- und bereut es nicht. Nicht nur, dass sie immer mehr, von Tag zu Tag, von Probe zu Probe, der Jeanne d'Arc näher kommt... auch Erasmus verwirrt sie. Und dabei hat sie doch einen Freund, Ramón. Doch beide sind so gegensätzlich... und sie weiß nicht genau was sie will- doch sie findet den richtigen Weg, vielleicht mit Jeannes Hilfe...

Gefallen hat mir das Buch- ganz gut sogar. Aber irgendwie, ich weiß nicht wie man es genau beschreiben kann, hat etwas gefehlt. Der Funke ist nicht so ganz übergesprungen, könnte man vielleicht sagen :) 
Ich konnte mit der Lucía nicht so ganz warm werden, nicht dass sie mir unsympathisch war, aber irgendwie fand ich ihre Handlungen manchmal nicht so ganz nachvollziehbar...


Auszug:  

Auszug:

Bevor Lucía sich von Erasmus verabschiedete, überlegte sie, ob sie ihm die
Hand reichen, einen Kuss geben oder nur "tschüss" sagen sollte. Aber da
nahm Erasmus ihr Gesicht in beide Hände und schaute ihr in die Augen: "Du
musst Jeanne werden. Du bist Jeanne, verstehst du?"
Lucía nickte, damit diese Hände, die soviel Hitze ausstrahlten, ihre Wangen
nicht länger streichelten, auch wenn sie das genau genommen gar nicht
taten, sondern sie einfach nur hielten. Aber Erasmus` Blick machte sie
verlegen.
Später konnte sie nicht mehr sagen, wie lange sie mit gesenktem Kopf durch
Madrid gelaufen war. Als sie auf der Plaza de Atocha ankam, ging sie ins
Tropenhaus, den Teil des Gebäudes, der nicht mehr als Bahnhof genutzt
wurde. Sie setzte sich unter eine Palme auf eine Steinbank und begann das
Stück zu lesen, das Erasmus ihr gegeben hatte.
                         Neutrale Vorhänge. Bänke.
                  In einer Ecke ein Haufen Reisigbündel.

Aber Lucía konnte es kaum erwarten, die Dialoge zu lesen, sich
vorzustellen, wie die Schauspieler sich bewegten, ihren Text sprachen und
sich gemäß den Anweisungen des Autors und des Regisseurs an das Publikum
richteten.

                  "Alles da? ... Schön. Also dann sofort
                         den Prozess. Je schneller
                    sie verurteilt und verbrannt wird,
                      desto besser ist es. Für alle."

Lucía schwitzte. Das lag wohl and der tropischen Hitze, die in diesem Teil
des Gebäudes herrschte, denn die Luft wurde extrem feucht gehalten. Das
machte aus diesem Ort eine richtiggehende Sauna.
Sie spürte eine Welle des Mitgefühls, das sie gleichzeitig mit Unruhe und
Hoffnung erfüllte.
Je länger sie über das Leben, die Leidenschaft und den Tod der Jeanne d'Arc
las, desto klarer wurde ihr, dass ihr Mitgefühl von einem Knoten herrührte,
der sich gerade in ihrem Herzen gebildet hatte und es zusammenschnürte wie
ein nasses Tuch, aus dem die letzten Tropfen Salzwasser gewrungen wurden.
[...]

"Warum hast du dann mich ausgesucht? Und jetzt sag bloß nicht, weil ich
eine große Schauspielerin bin, das stimmt nämlich nicht. Gedichte von Juan
Ramón Jiménez zu rezitieren, ist eine Sache, aber auf eine Bühne zu steigen
und eine Heilige zu spielen, eine ganz andere."
"Ich habe dir schon gesagt: Am wenigsten interessiert mich an Jeanne, dass
sie eine Heilige war", stellte Erasmus richtig. "Und ihr tatsächliches
Aussehen ist mir ebenfalls egal. Du bist genauso, wie ich sie mir
vorgestellt habe und wie alle, die dich sehen und hören werden, sich Jeanne
vorstellen sollen. Außerdem", Erasmus lächelte plötzlich, als wolle er die
Stimmung auflockern, "so wie du die Hände bewegst, wird es aussehen, also
ob du jeden Moment davonfliegst, wie eine echte Lerche."
Lucía hätte nie gedacht, dass man ihre Hände einmal mit Flügeln vergleichen
würde, aber der Gedanke gefiel ihr. Anstelle von Fingern Federn, die man
sanft hin- und herbewegen konnte und mit denen man in himmlische Höhen
aufstieg, bis man das Erträumte erreichte.
[...]
Das Ende des Stücks. Das neue Ende der Hauptfigur. Der entscheidende Dreh,
um der Geschichte eine andere Wendung zu geben. Schönheit gepaart mit
Trostlosigkeit. Der Flug der Lerche in die Freiheit, über die trübe
Rauchsäule des Scheiterhaufens hinweg.
"Wie viel Zeit brauche ich für die Proben?", fragte Lucía in der Hoffnung,
es werde nicht viel sein. Aber die Antwort war unmissverständlich.
"Alle Zeit der Welt." Kaum hatte Erasmus diese Worte ausgesprochen, stellte
er den Kassettenrekorder an. Es erklang ein Musikstück, das Lucía nicht
kannte. "Von jetzt an bis zur Premiere wirst du nur noch mit Jeanne leben,
an ihrer Seite, in ihrem Herzen."
"Und wann beginnen wir mit den Proben?"
"Hör gut zu, Lucía: Wir haben bereits begonnen. Seit du durch diese Tür
getreten bist, haben wir nichts anderes gemacht, als uns auf den großen
Auftritt vorzubereiten." Die Musik unterstrich diese überraschende
Behauptung, als sei diese Szene so geplant gewesen.



© Friederike Sandow 2003 in der LESELUST