Peter Pohl

Aber ich vergesse dich nicht

Verlag: Hanser, ISBN: 3-448-19263-8, 147 Seiten; HC 26, 00 DM - ab 13 Jahren
 

Mitten auf dem Marktplatz kommt Jörgen plötzlich einmal ein Hund zugelaufen.  Bald darauf kommt die Besitzerin angeschnauft und Jörgen und die Frau  kommen ins Gespräch. Der Hund hieße Mizzi und wäre ein Collie, und kaum einer  in der Familie hätte Zeit sich um ihn zu kümmern. Jörgen begleitet sie nach Hause und verspricht auch bald mal vorbeizuschauen, was er auch macht. Schon bald geht Jörgen ein uns aus in dieser Familie, und keinen stört es. Jörgen freundet sich doll mit Mizzi an und keiner hat etwas dagegen, das Jörgen soviel bei ihnen ist. Denn zu Hause wäre er ja sowieso allein. Als die Familie dann in den Urlaub fahren will, wird beschlossen, das Jörgen der Hundesitter wird. Seine Mutter ist ohne ihn in den Urlaub gefahren, und da Sommerferien sind, hat er viel Zeit für Mizzi. Überhaupt ist Jörgen glücklich. Da scheint es nämlich doch tatsächlich Leute zu geben, die ihn mögen und ihm vertrauen!!!! Bei seinen Spaziergängen mit Mizzi und ihrem Herumtollen trifft er das Mädchen Sally. Nach und nach, ganz langsam, baut sich eine Freundschaft auf. An manchen Tagen ist Sally abweisend, an anderen wieder sucht sie Kontakt. Und Stück für Stück erfährt Jörgen mehr über ihre finstere Vergangenheit und ihren behinderten Bruder. Abends verschwindet Sally immer in dem großen dunklen Haus am Ende Straße. Jörgen möchte wissen, was es damit auf sich hat...

Auszug

S. 108
Die Wiesenstraße endet hier, klärte mich die andere auf, die Blonde. Sie schien ein verwirrtes Kind in mir zu sehen, einen Jungen, dem man den richtigen Weg nach Hause zeigen muss. 
Ich weiß, gestand ich. Aber ich habe einen Kumpel, der soll hier wohnen. Die Rothaarige lachte. Da hast du dich dann aber wohl in der Adresse geirrt, behauptete sie. Hier wohnt nur der Alte Albert. Und der hat bestimmt keinen Kumpel in deinem Alter. Aber in letzter Zeit hat doch jemand bei ihm gewohnt, oder?, versuchte ich. Sie schüttelten je einen Kopf und lächelten ein mildes Lächeln. Albert teile seine Wohnung nicht mit anderen Leuten. Sie beide seien bestimmt die Einzigen, die im Lauf der letzten hundert Jahre seine Schwelle betreten hätten. Und es sei ihr Job, sich um ihn zu kümmern. Ja, das war mir klar. Mobiler Sozialdienst, so wurden die beiden genannt. Aber wo sie denn in den letzten Wochen gesteckt hätten? 
Sie seien täglich hier gewesen. Auch in den letzten Wochen. 
Nein, sagte ich. 
Doch, sagten sie. 

Mizzi war die Diskussion zu langweilig geworden, sie war zu einem kleinen Spaziergang um die Ecke verschwunden. 
Seit Mittsommer kein einziges Mal, sagte ich. Das weiß ich, behaarte ich, als sie den Kopf schüttelten. 
Ich merkte, dass ich sie durch meine Hartnäckigkeit irritierte. Die meisten Erwachsenen können es nicht leiden, wenn einer etwas weiß, was er eigentlich nicht wissen soll, vor allem dann nicht, wenn der Betreffende minderjährig ist. 

Entschuldige, aber wir haben zu arbeiten, schnitt die Rothaarige meine Nachfragen ab und drängte sich an mir vorbei. Außerdem liefern wir keine Informationen über unsere Klienten, sagte sie zur Tür. Aber irgendwelche Kumpel findest du hier nicht, soviel kann ich dir sagen. Die musst du woanders suchen. Die Blonde nickte bestätigend. Ich müsse woanders suchen und solle das Personal des Mobilen Sozialdienstes gefälligst nicht bei der Arbeit stören. Das sagte sie zwar nicht, sondern: Du darfst den Hund hier nicht frei herumlaufen lassen! 

Ich gab auf . Pfiff nach Mizzi. Die nicht kam. Ja, ja, seufzte die Rothaarige viel sagend. Ich verdrückte mich ebenfalls um die Ecke. Von Mizzi war nichts zu sehen. Ich umrundete die nächste Ecke. Da saß sie. Komm, sagte ich. Sie sah erst mich an und starrte dann vor sich ins Gras hinunter. Diese Sprache hatte ich gelernt. Ich ging zu ihr hin und sah nach. Dein T- Shirt lag im Gras. Mir kam es fast lebendig vor. Es war, als würde ich dich selbst sehen. Aber zum Glück warst nicht du es, die da lag. Braver Hund! Ich streichelte Mizzi und hob das T- Shirt auf. Bestimmt lag es noch nicht lange dort, es war nämlich ganz trocken. Ein Zettel fiel heraus. Ein Stück abgerissenes Zeitungspapier. Teilweise bedruckt, das Wichtige aber waren die drei handgeschriebenen Worte:
Jörgen, vergiss mich!

© Friederike Sandow 2001 in der LESELUST