Waltraud Lewin

Luise, Hinterhof Nord

Verlag: Ravensburger, ISBN: 3-473-35186-5, 215 Seiten, HC, 13 Jahre
 

Man schreibt das Jahr 1890. Luise, der im Leben noch nichts geschenkt wurde, findet nun auch endlich mal jemanden, an den sie sich mal anlehnen kann. Denn es bahnt sich etwas an mit Bertram Glücksmann, dem Sohn der reichen Juden aus dem Vorderhaus. Auch weiß Luise, dass sie so wie ihre Mutter nicht leben will- sie will raus aus allem. Und das kann ihr nur gelingen, wenn sie jemanden hat, der sie aus dem Hinterhaus herausholt. Und wie es scheint, wird ihr das bald glücken, denn sie liebt Bertram, und er liebt sie...
Wenn nicht ihre Eltern "Ehre im Leib" predigen würden, und es ihr damit sehr erschweren. Aber auch Bertram's Eltern würden sich glücklicher Schätzen wenn er ein Mädchen aus höherem Stand vorziehen würde.
Doch dann passieren Dinge, die die Glückmanns erschrecken lassen und als wenn nicht schon alles schwer genug wäre, begeht Bertram gegenüber Luise auch noch einen schweren Fehler...

Auszug

Luise lehnt außerhalb des Lichtkreises der Gaslaterne an der Mauer und heult. Mutter ist nicht nach Hause gekommen. Mutter ist mal wieder abgängig. Und das bedeutet, Luise muss sie suchen. Um sechs war der Nähkurs zu Ende. Um sieben ist sie mit Bertram verabredet. Nicht einmal absagen kann sie ihm. Nicht mal auf einen Kuss, auf eine Berührung vorbeischauen. Die Fourragehandlung von Bertrams Vater, wo sie sich zwei-, dreimal die Woche heimlich treffen, liegt in einer ganz anderen Ecke der Stadt. Sie muss runter zum Kanal, wo die Kneipen und Destillen sind, und sie darf keine Zeit verlieren. Die Leute auf der Straße haben alle einen schnellen Schritt am Leib. Es ist kalt. November. Es riecht schon nach Schnee. Wenn Mutter bei der Kälte irgendwo draußen liegen bleibt, dann holt sie sich wieder was weg. Das letzte mal im April, da gab es noch Nachtfröste, und sie hatte sich eine Lungenentzündung eingefangen, die sie für einen ganzen Monat umhaute. Da mussten die Töchter ihre Arbeit machen, recht und schlecht, und sie hatte ein paare Kunden verloren. Wer will schon eine unzuverlässige Waschfrau beschäftigen. Als wenn's nicht genug Leute gäbe, die die Arbeit machen. Das darf nicht wieder vorkommen, jetzt so kurz vor Weihnachten, so ein Verdienstausfall! Noch dünnere Suppen als sonst immer. 
Luise wischt sich wütend die Tränennässe mit den Handflächen vom Gesicht. Am liebsten würde sie fluchen, schimpfen, auf jemanden einschlagen. Lina, die kleine Schwester, die ihr die Unglücksbotschaft überbrachte, die hat gleich die Beine in die Hand genommen. Die kennt sich aus, die krummbeinige Göre. An ihren dünnen Rattenschwanzzöpfen hätte sie sie gepackt!
Warum kann nicht wer anders die Mutter suchen? Da hocken sie zu Hause herum, ihre reizenden Schwestern. Hedwig verkriecht sich hinterm Waschbottich. Agnes, das faule Stück, sielt sich wie immer im Bett und pennt. Vater ist in der Stammdestille- Na los, Lina, renn mal zu Luise, die kann das am besten. Die kann mit den Leuten umgehen. Ist ja so schlau und so gebildet! Die feine Luise, die sogar zur Tanzstunde darf!
Noch immer steht sie im Schatten. Gaslaternen! `ne großartige Neuheit hier in Berlin. Taghell mitten in der Nacht. Besonders schön, wenn man falsch angezogen ist für das, was man vorhat. Ihre hübschen Knöpfstiefelchen, die sie nur für Nähkurs und Tanzstunde anzieht. So eng, dass sie an den Zehen drücken, und viel zu dünn für diese Jahreszeit. Die leichte Jacke. Kein Schultertuch. Und im Haar die blaue Seidenschleife, die ihr Bertram geschenkt hat. Na Mahlzeit! 

 

© Friederike Sandow 2001 in der LESELUST