Waltraud Lewin

Paulas Katze

Verlag: Ravensburger, ISBN: 3-473-35187-3, 254 Seiten; HC - 13 Jahre
 

Der zweite Teil des Hauses in Berlin, dieses mal im Jahre 1935. 
Luise, wohnt nun im Vorderhaus, und im Hinterhaus ihre Schwester Agnes. Doch geht es in diesem Teil um Katze- die im Hinterhaus wohnt. Katze ( die Katharina Sander heißt) ist viel bei ihrer Tante Paula, der Malerin Glücksmann, die sehr berühmt ist, aber eine Halbjüdin, was es ihr sehr schwer macht, weiter zu malen. Doch Katze interessiert das nicht, sie ist froh bei ihrer Freundin sein zu können und dort zu malen. 
Jedoch ändert sich dies bald, denn Katze lernt Gerolf kennen. Ein wunderhübscher Junge und ein begeistertet Nationalsozialist... doch Katze mag ihn... 
Gerolf der sehr in Katze verliebt ist, versucht sie für seine Sache zu begeistern und will, dass sie sich Paula entzieht. 
Doch dann geschehen schreckliche Dinge und Katze erfährt die ganze verworrene Geschichte ihrer Familie- vieles, was sie nicht mal annähernd geahnt hat- und sie muss sich entscheiden...

Auszug

"Sander, du bleibst!"
Nein, tu ich nicht. Hab meine Tasche gegriffen, noch vor dem Aufstehen und dem Heil- Hitler- Gruß und bin schon an der Tür, aber Friederike Baretti heißt nicht umsonst "die Kreuzspinne". Sie schießt von ihrem Katheder vor wie aus der Ecke eines Netzes auf die Fliege und hat mich am Handgelenk, und die Klasse grölt, während sie mich auf meinen Platz zurückbringt. Ich lasse mich nicht gerne anfassen und muss mir Mühe geben, mich nicht mit einem Ruck freizumachen. Grüßen mit stramm nach vorn ausgestreckter Hand und zusammengepressten Hacken. Friederike Barettis dunkle Augen lassen mich nicht los. Sie ist klein, noch einen halben Kopf kleiner als ich, aber selbst die großen dicken Weibsbilder dieser Klasse wie Hannelore Blaschke oder die blondzopfige Ulla Becker zittern vor ihr. 
"Wegtreten bis auf Sander!"
Ich presse die Fingernägel in die Handballen. Nein! Nicht! Ich muss fort! Dies Zittern in mir. Ich muss zu Paula. 
Die Baretti ist direkt vor mir. Setzt sich auf meinen Tisch. Ich rieche ihre Seife, starre auf das Muster ihres Kleids. Was will sie? Bin ich die Fliege in ihrem Netz? Ich atme schwer. 
Endlich redet sie, mit dieser gefürchteten Stimme, die so seidenweich und so stahlhart sein kann. Jetzt ist sie nur klar und durchdringend. "Wir Deutschen haben heute auf dem Reichsparteitag der Freiheit ein wichtiges Gesetzt bekommen, ein Gesetzt, das deutsches Blut und deutsche Ehre schützen wird, und ich war stolz, es der Klasse vorstellen zu können. Ich hatte aber den Eindruck, dass du, Katharina Sander, sehr wenig bei der Sache warst."
Sie macht eine Pause. 
Nicht bei der Sache? Kein Mensch konnte mehr bei der Sache sein als ich. Nur das meine Gefühle nicht Genugtuung waren über das, was ich zu hören bekam, sondern Entsetzen. Will sie mich verhöhnen? Sie weiß doch sehr genau, dass Paula Glücksmann, meine Tante, Halbjüdin ist. Schließlich hat sie ja mit ihr in diesem Kollegium gearbeitet, bis sich Paula ans jüdische Gymnasium versetzten lassen musste, weil der Schule eine Nichtarierin als Zeichenlehrerin nicht mehr >>zuzumuten<< war. 
Ich sehe sie an, und ihre dunklen Augen sind ohne zu blinzeln auf mich gerichtet. 
"Darf ich jetzt gehen?" 
Sie scheint nach draußen zu horchen. Nimmt das Gesetzblatt vom Katheder, hält es mir hin. "Ich möchte dir das mitgeben und erwarte, dass du dich intensiv damit beschäftigst. Intensiv, hörst du?"
Ich antworte nicht. Will nur weg. Sie soll mich in Ruhe lassen. "Sander", sagt sie. 
"Ein bisschen Anpassungswille. Ein bisschen weniger Trotz. Du schadest nur dir selbst." Sie geht zum Fenster, öffnet es, horcht wieder. Auf einmal wird mir klar: Sie will mit ihrem Manöver verhindern, dass sie mich mit den anderen anlege- oder die mit mir. Bloß warum? Es kann ihr doch gleichgültig sein, mit wem ich mich raufe. "So", sagt sie und macht den Fensterknebel wieder zu. "Das wär's. Du kannst jetzt gehen." Fügt halblaut hinzu: "Grüß deine Tante. Es tut mir Leid."

 

© Friederike Sandow 2001 in der LESELUST