Jennifer L. Holm

May Amelia, In den Wäldern am großen Fluss

Verlag: Dressler, ISBN: 3791508202, 220 Seiten;  -  ab 12 Jahre

 

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Im Naseltal, in dem May Amelia mit ihrer Familie lebt, ist sie weit und  breit zwischen all den finnischen Auswanderern die sich im Naseltal angesiedelt haben, das einzige Mädchen. Auch die Jacksons, May Amelias Familie kommt ursprünglich aus Finnland. Mit ihren sieben Brüdern und ihren Eltern lebt sie in den Wäldern um den Columbia River. Oft bekommt May Amelia zu sagen dass sie ein Wunder ist- seit eeewigen Zeiten dass einzige Mädchen im Naseltal!!! Daher wünscht sich May Amelia auch nichts so sehr wie eine kleine Schwester, und als sich herausstellt, dass ihre Mutter wieder schwanger ist, ist May ganz aus dem Häuschen, denn was, wenn es wirklich ein Mädchen wird??? Doch bis es soweit ist, hat May Amelia sehr viel zu tun- sie muss ihrer Mutter wo es nur geht zur Hand gehen- denn so schön es auch ist, ein Wunder zu sein und das einzige Mädchen weit und breit- damit bleibt eben auch ein großer Teil Arbeit an ihr hängen, und außerdem ist sie auch noch vollauf damit beschäftigt, keine kleine Dame zu werden... :)

Doch sobald das Kind da ist, fangen auch noch ganz andere Probleme an, mit denen May Amelia sich auseinander setzten muss- doch genau da wird ihr bewusst, wie wichtig eine Familie ist, die zusammen hält- und wie sehr sie alle liebt...

Sehr einfühlsam wird das Leben von May und ihrer Familie geschildert, oftmals auch mit Witz dargestellt wodurch einem die Personen auch so sehr ans Herz wachsen. Es liest sich schnell weg- was wohl auch daran liegt dass man immer unbedingt weiter lesen möchte, lässt einen nicht so schnell los bevor man es nicht durch hat :)

Ein Buch ist für mich immer dann besonders gut, wenn man mit den Personen lachen oder eben trauern kann- und dass kann man beides mit May und ihrer Familie! :)


Auszug:  

Tante Alice ist Mammas Schwester aus Boston. Sie hat keinen Mann, sieht aber prima aus, finde ich. Ich werde vielleicht auch keinen Mann heiraten, wenn ich wie Tante Alice in einem hübschen Haus in Astoria leben kann. Hinter ihrem Haus gibt es einen Blumengarten, sagt Wilbert, und an den Wänden richtige Fotos von der Verwandtschaft. Und es riecht nach einer Dame, nicht nach Kühen.
Mamma sieht furchtbar müde aus, als wir hereinkommen. Sie sitzt mit hängenden Schultern da und Strähnen von schwarzem Haar haben sich aus ihrem Knoten gelöst. Sie massiert ihren Bauch, in dem das neue Baby wächst. Mamma wirft einen Blick auf Wilbert und mich und Bosie, alle mehr oder weniger klatschnass, und sagt: "Ich hoffe nur, dass ihr auch Fische gefangen habt, wenn ihr schon in der Nasel getaucht seid."
"Ja", sagt Kaarlo boshaft, "schließlich wart ihr lange genug weg. Du warst doch wohl nicht in Ben Armstrongs Holzfällerlager, May Amelia?" Er will mich immer ärgern.
"Halt du den Mund, Kaarlo", sage ich.
"Sei nicht so fies zu May", sagt Wendell, "sie hat Geburtstag." Wendell ist ein guter Bruder; immer setzt er sich für mich ein.
"Was habt ihr gefangen, May?", fragt Matti freundlich.
"Habt ihr Lachse gefangen?", fragen Ivan und Alvin gleichzeitig.

"Schhht, Jungen", sagt Mamma. "Habt ihr überhaupt etwas gefangen, May?"
Ich zucke die Achseln.
"Nein", sagt Wilbert und grinst, "aber wir hatten einen Hund an der Angel."

Tante Alice scheucht Wilbert und alle Jungen aus der Küche und sagt: "May, sollen wir zwei, du und ich, jetzt mal das Essen machen und deine arme liebe Mutter ein bisschen ruhen lassen, damit sie nicht umfällt und uns das Baby gleich hier vor die Füße legt?"
Tante Alice hat ein feines rosarotes Seidenkleid mit Perlmuttknöpfen an, und die glänzend goldenen Haare hat sie mit Bändern schick hochgebunden. Ich glaube nicht, dass ich Mamma je in einem so schönen Kleid gesehen habe. Mamma trägt meistens einen schwarzen Baumwollrock und eine weiße Bluse. Und weil Tante Alice so hübsch aussieht und weil Mamma sitzt und den Apfelmost trinkt, den Tante Alice mitgebracht hat, fang ich ganz leise an, das Abendessen zu machen, damit sie miteinander reden und sich Geheimnisse erzählen können. Tante Alice behandelt mich wie eine Erwachsene, nicht, als sei ich gerade zwölf, und das ist mir sehr recht, denn meistens komme ich mir vor, als sei ich hundert Jahre alt.
Tante Alice sagt zu Mamma: "Meine liebe Alma, du hast doch fast ständig ein Kind im Bauch gehabt, war das denn nicht genug? Ich hab gemeint, du wolltest keine mehr."
Mamma sitzt nur da und sagt: " Alice, willst du mir beistehen oder mich ärgern? Ich halte im Augenblick Ärger nicht mehr aus."
"Ich steh dir doch bei, Mamma", sage ich.
"Das tust du, Liebling. Ich danke Gott für May. Ich schwöre dir, Alice, alle diese Jungen, einer wie der andere, wissen nicht, wie man ein Brot mit Butter bestreicht."
"So sind sie eben, Alma", sagt Alice und streicht sich über ihr feines Kleid. "Man sollte meinen, dass du dich endlich nach sieben Jungen dran gewöhnt hättest."
"Ich hoffe du bekommst ein Mädchen, Mamma", sage ich. "Wir könnten sie Klein- Alice nennen, nach Tante Alice."
Tante Alice lächelte mich an. "Wirklich, May Amelia, du bist ein Schatz", sagt sie. "Wer hätte gedacht, dass es hier mitten im Nichts so eine liebe kleine Lady gibt?"





© Friederike Sandow 2003 in der LESELUST