Frederica de Cesco

Shana, das Wolfsmädchen

Verlag: Arena, ISBN: 3401028685, 236 Seiten; -  ab 13 Jahren

 

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Seit Shanas Mutter gestorben ist, lebt sie alleine mit ihrem Vater Elliot in ihrem Indianerdorf. Alles wird anders für Shana, als ihre neue Lehrerin beginnt ihr Geigenunterricht zu geben. Shana hätte Talent, sagt sie, und dass obwohl nicht oft ein Lob über ihre Lippen kommt. In der Musik geht Shana auf, kann alles um sich herum vergessen, und umso schöner und besser spielen.

Als ihre harte aber gute Lehrerin und zugleich so gute Freundin Lela bei einem tragischen Autounfall ums Leben kommt, ist Shana zunächst fast alles genommen, was sie hatte. Aber Lela hat ihr ihre Geige vermacht- eine ganz besondere Geige. Und so sucht Shana wieder Trost in der Musik, in der Hoffnung, es mit einem Stipendium an die Musikhochschule zu schaffen. Wenn Shana im Wald mit ihrer Geige übt, gesellt sich oftmals eine Wölfin zu ihr, um ihrem Spiel zu lauschen, und manchmal sogar um mitzusingen :) Doch als ihr Vater, der trinkt und hohe Schulden hat, ihre Geige heimlich verkauft, bricht für Shana wieder eine Welt zusammen und sie fasst einen Entschluss, den sie auch entschlossen ausführt- aber nicht ganz ohne Hilfe, denn die Wölfin bleibt an ihrer Seite...

Eine schöne Geschichte, sehr einfühlsam geschildert und geschrieben. Shana wächst einem sehr ans Herz und durch den unsichtbaren Bund mit der Wölfin und dem Zauber der Musik wird alles schön geheimnisvoll und spannend. Schön fand ich auch, dass man zwar natürlich mit Shana mitgefühlt hat und voll auf ihrer Seite war- aber auch auf die Sicht des Vaters und seine Probleme eingegangen wurde, und man ihn dadurch auch nicht voll und ganz verurteilen kann für das, was er getan hat.

Auszug:  

An einem sonnenklaren Morgen entsann ich mich, dass Lela gerne im Freien spielte. Es war nicht zu kalt, meine Finger würden nicht steif sein. Ich machte mich mit dem Geigenkasten auf den Weg, ging an ein paar Häusern vorbei und stapfte dem Wald entgegen. Überall lag tiefer, schweigender Schnee, durchkreuzt von tausend Spuren der Tiere. Die Stille und das reine Weiß hatten etwas Heiteres an sich. Sie verbanden die Seele mit allem Lebendigen und wehten blaues Licht in mein Herz. Am Waldrand blieb ich stehen. Kein Mensch weit und breit. Zwischen dunklen Steinen lag das verschneite Bachbett. Das Wasser floss mit leisem Glucksen unter der
Eisdicke dahin und die Sonne leuchtete durch die Zedern. Welche Musik passte zu dieser Landschaft? Paganini, dachte ich. Das Capriccio, ja. Ich stimmte die Geige und spielte. Und in dem Augenblick, da mein Bogen über die Saiten strich, geschah das Wunder: Die Luft schien von einem Beben erfüllt, spürbar wie ein Flügelschlag. Umherschwebende Geister zogen mich in ihren Bann. Die Geige war der Vogelruf, die Stimme der Bäume der Erdengesang. Da war mir auf einmal, als ob sich etwas zwischen den Zedern bewegte. Ein grauer Schatten tauchte aus dem Unterholz. Mein Herz schlug schneller. Der hinkende Wolf- schon wieder! Warum empfand ich keine Furcht vor diesem einsamen, vielleicht ausgehungerten Tier? Ich dachte, ich müsste dem Wolf zu verstehen geben, dass ich nichts Böses im Sinn habe. Das war besonders wichtig, denn ich hielt einen Bogen in der Hand, den das Tier leicht als Stock oder Waffe deuten konnte. Und so suchte ich mit den Augen einen Baumstamm, stapfte vorsichtig auf ihn zu und setzte mich. So, jetzt waren wir auf gleicher Höhe! Der Wolf blickte mich an. Tiere haben eine Sprache wie wir. Die nach vorne gerichteten Ohren bedeuteten Aufmerksamkeit. Der Wolf lauschte und hatte keine Angst. Er trug den Schwanz hoch und wedelte ein bisschen dabei, was Selbstsicherheit ausdrückte. Ängstliche Wölfe ziehen den Schwanz ein. Das Tier bewegte sich nicht steifbeinig- was Angriffslust zeigte-, knickte auch die Beine nicht demütig ein, sondern bewegte sich völlig locker. Tiere erkennen am bloßen Anblick, ob Menschen sie mögen oder nicht. An ihren Augen oder durch andere uns unbekannte Signale. Bei Hunden war das ähnlich. Indianer verstehen solche Dinge, weil sie in jedem Tier das "Wesen" erkennen und ansprechen. 
"Ich sehe schon, du magst Musik", sagte ich.
Eigentlich durfte man einen Wolf nicht ansprechen. Aber ich glaubte nicht, dass ich in sein Gehege eingedrungen war, sonst hätte er sofort Feindschaft gezeigt. Es war ein Wolf, der meine Nähe suchte. Warum bloß? Jetzt legte er den Kopf ein wenig schräg. So sahen wir uns eine Weile an. Ich zupfte mit den Fingern die Saiten.

"Wenn du mir nichts tust", sagte ich, "werde ich dir etwas vorspielen." 

Ich sprach zu dem Tier im leisen Sington. Die Wolfsohren richteten sich hoch, das Tier horchte aufmerksam. Ich bemerkt, dass es sich um ein Weibchen handelte. Obwohl die Haare längs der Rückenmitte dunkel getönt waren, überwiegte die graue Farbe. Ein Zeichen dafür, dass das Tier nicht mehr jung war. Das Winterfell war dick und wuchs in Büscheln. Die Augen der Wölfin, golden, leuchtend und wachsam, wanderten einmal, zweimal, dreimal zu meinen Händen, meinen Schultern, meinem Gesicht. Sie studierte mich. Dann setzte sich das Tier zu meiner großen Verblüffung auf die Hinterbeine. Irgendwie kam mir der unpassende Gedanke, dass die Wölfin sich wie ein Mensch benahm, der sich bequem zurechtsetzte, um einem Musikstück zu lauschen. Ich unterdrückte ein Lachen. Vorsicht! Wilde Tiere können Lachen mit Angriffslust verwechseln. Und richtig: Die Wölfin versteifte sich, sträubte die Nackenhaare.

"Es tut mir Leid", sagte ich besänftigend. "Ich habe mich schlecht benommen. Es wird nicht wieder vorkommen. Jetzt hör zu! Ich mache Musik."



© Friederike Sandow 2003 in der LESELUST