Kirsten Boie

Nella- Propella  

Verlag: Oetinger /  ISBN: 3-7891-3107-5 /  Erscheinungsjahr: 1994 /  140 Seiten; 19, 80 DM /  ab 6 Jahre
 

Ein wunderschönes Kinderbuch das ich damals verschlungen habe. Ich habe mich oft wieder erkannt, wie ich so war, als ich noch in den Kindergarten ging. Kirsten Boie schildert die Gedanken der kleinen Nella, die Angst hat vor den großen gefährlichen Schatten, abends in ihrem Zimmer, oder das Nella auch unbedingt Ballett lernen muss... überhaupt passt es Nella gar nicht, das sie im Kindergarten von Ruppert immer "Nella Propella" genannt wird! Und natürlich ist es ein großes Ereignis, als sie schulreif wird, denn sie hat ihre erste Zahnlücke... Es lohnt sich bestimmt das Buch zu lesen, auch wenn man schon älter ist... ;-) Eben ein niedliches Kinderbuch das ich selbst auch schon mehr als einmal gelesen habe!!!

   

Auszug:  

Als Jacquo Nella vom Kindergarten abholt, ist sie ganz hektisch. „Komm Nella, mach los!", sagt Jacquo und bindet Nella ganz ausnahmsweise sogar die Schnürbänder zu. „Heute herrscht wieder das Chaos!". „Totales Chaos?", fragt Nella und setzt ihren Kindergarten- Rucksack auf. Totales Chaos kennt sie schon. Wenn totales Chaos herrscht, wird Jacquo immer ganz aufgeregt. Sie redet dann so schnell, und man muss fürchterlich vorsichtig mit ihr sein. Sonst wird sie nämlich gleich wütend. Das ist leider so, wenn Chaos herrscht, und Chaos herrscht leider ziemlich oft. „ Ich hab heute Abend noch Arbeitsgruppe!", sagt Jacquo und zieht Nella durch die Kindergarten- Schwingtür nach draußen. Auf der Straße zischen die Autos vorbei, und es regnet in kleinen, spitzigen Tropfen. „Und da muss ich ganz unbedingt hin, du! Ich hab schon die letzten beiden Male geschwänzt!". „Ja, musst du da unbedingt hin?", fragt Nella. Sie versucht, auf den Gehwegplatten nicht auf den Strich zu treten, weil sie sonst tot ist; aber Jacquo hat es viel zu eilig und zieht Nella einfach hinter sich her. „Jetzt bin ich doch auf den Strich getreten!", schreit Nella. „Und jetzt bin ich tot!". „ Jaja, tot, dass ich nicht lache!", sagt Jacquo und zerrt Nella weiter. „Dafür hampelst du aber noch ziemlich viel rum!". Nella gibt gar keine Antwort. Jetzt merkt sie genau, dass totales Chaos herrscht. Da lohnt es sich überhaupt nicht, Jacquo irgendwas zu erklären. „Und wenn die mich aus der Gruppe schmeißen und ich krieg den Schein nicht", sagt Jacquo, und jetzt fängt sie sogar fast an zu laufen, „dann kann ich mir das Semester in die Haare schmieren." „In die Haare, ja, ehrlich?", sagt Nella begeistert. Aber natürlich weiß sie, dass das mit den Haaren gar nichts zu tun hat. Nur mit Semester und Arbeitsgruppe und Schein, und was das alles ist, kann Nella auch nicht so genau sagen. Nur, dass es damit zu tun hat, dass Jacquo studiert. Studieren ist, wenn Erwachsene noch weiter zur Schule gehen, und die Schule heißt dann Universität. Warum Jacquo unbedingt studieren muss, kann Nella nicht verstehen. Wo sie immer so viel stöhnt. Und dann sagt Jacquo immer, es ist furchtbar viel Arbeit, aber so eine gute Arbeit ist es nicht, das kann jeder sehen. Nicht wie Brötchen verkaufen oder im Kindergarten auf Kinder aufpassen oder den Leuten mit einem gelben Fahrrad die Post bringen. Weil man nämlich dafür überall Geld kriegt, nur für' s studieren gibt es gar nichts.

So eine blöde Arbeit sucht Nella sich später bestimmt nicht aus.  

 

© Friederike Sandow 2001

in der LESELUST