Kirsten Boie

Wir Kinder aus dem Möwenweg  

Verlag: Oetinger /  ISBN: 3-7891-3138-5/  Erscheinungsjahr: 2000 /  142 Seiten; HC 24, 00 DM / 7-9 Jahre

Tara bezieht mit ihrer Familie ein Reihenhaus, im Möwenweg. Alles ist noch Baustelle und eine ganz neue Siedlung am Entstehen. 
Nach und nach kriegen sie mit, wie neue Nachbarn einziehen und schnell haben sie raus
gefunden welche Erwachsenen sehr  nett sind, und bei welchen Erwachsenen man lieber nicht quer durch den, noch im Schlamm versinkenden, Garten rennt. Es dauert auch nicht lang und alle Kinder des Möwenwegs haben sich eingelebt und angefreundet. Des öfteren gibt es Ärger mit der Mutter von Laurin und Vincent, mit dem Ehepaar Voisin, aber ansonsten haben sie viel Spaß. Tara und ihre beste Freundin Tieneke, deren große Schwester Jul und Taras Bruder Petja, dessen kleiner Bruder Maus, und die Geschwister Laurin und Vincent und Fritzti... Da macht es nichts, wenn nicht alle Nachbarn so nett sind! Und so langsam wird auch alles grün, der Rasen wächst tatsächlich und es gibt einen schönen Anlass für eine große Party. Und die Kinder im Möwenweg stecken immer voller Pläne und Ideen und manchmal gibt es auch einen richtigen kriminalistischen Fall zu klären.

Auszug:  

S. 47 (Laurin ist gerade ziemlich doll hingefallen, hinten in den Gärten, wo alles noch Schlammwüste ist; die Eltern bauen alle vorne die Zäune...)

Laurin hat sich aufgerappelt und ein bisschen blass ausgesehen. Vincent ist sofort zu ihm hingerast und hat gefragt, ob ihm etwas wehtut. Da hat Laurin einen Augenblick ganz still dagestanden und überlegt. Dann hat er gesagt, dass ihm sein Bauch wehtut. „Wo? Wo?", hat Vincent geschrien und wollte Laurin schon den Anorak ausziehen. „Da", hat Laurin gesagt und genau in die Mitte getippt. „Vielleicht hat er da die Lenkstange reingekriegt!", hat Jul gerufen. „Das kann gefährlich sein!" Vincent hat das Sweatshirt und das Unterhemd hochgehoben und Laurin hat ganz still dagestanden und sich alles gefallen lassen. „Ist aber nichts zu sehen", hat Vincent gesagt. „Zeig her", hat Petja gesagt und Laurin ganz fest auf den Bauch gedrückt. „Tut das weh?" „Aua!", hat Laurin geschrieen und „Spinnst du?", hat Vincent gebrüllt. „Das können innere Verletzungen sein", hat Petja gesagt. „Daran kann man sterben." „Nee, das ist Hunger", hat Laurin gesagt und sein Unterhemd ganz hoch gehalten. „Hör mal, wie der knurrt." Dann haben wir alle nacheinander ein Ohr gegen Laurins Bauch gelegt und gehorcht. Bei mir hat es leider gerade nicht geknurrt, aber bei den anderen allen, und Vincent hat gesagt, es klingt, als ob Laurin einen Tiger verschluckt hat. Petja hat gesagt, Gott sei Dank, mit dem Geknurre ist erwiesen, dass es keine innere Verletzung ist, nur Kohldampf. Darum sind wir nach vorn gegangen um zu fragen, wann es Essen gibt. Aber vorher haben wir noch versucht, Laurin ein bisschen sauber zu wischen. Wenn man einen ganzen Matschberg runterkullert, sieht man hinterher nicht mehr so gut aus. Ich hab gedacht, es ist schade, das nicht Fritzi umgekippt ist. Weil ihre Mutter doch immer sagt, dass sie eine Waschmaschine hat. Die Mutter von Laurin und Vincent regt sich so leicht auf. Dazu ist sie dieses Mal aber gar nicht gekommen, weil alle Eltern uns angestarrt haben, als wir mit unseren Fahrrädern aus der Schlammwüste zurückgekommen sind, und Michael hat den Riesenhammer auf den Boden geschmissen, mit dem er gerade den Pfosten einrammen wollte, und hat ganz fürchterlich angefangen zu lachen. „Hast du ein Schlammbad genommen?", hat er Laurin gefragt. „Mit all deinen Klamotten?" Da konnte Laurins Mutter ja nicht mehr schimpfen, obwohl man gesehen hat, dass sie das eigentlich am liebsten wollte. Aber Fritzis Mutter hat gesagt, dass sie sowieso gerade die Waschmaschine anwerfen wollte, da konnte sie Laurins Jacke gleich mit reintun. Frisch geht der Schmutz am besten raus. „Wie konnte das denn passieren?", hat Mama Laurin gefragt, als er nur noch in seinem Sweatshirt dastand. Es war aber warm genug. D a haben wir erzählt, dass Frau Voisin uns ganz furchtbar erschreckt hat. Dass wir über die Berge geritten sind, haben wir lieber nicht erzählt. Das war ja eigentlich auch egal. Und alle Erwachsene waren böse auf Frau Voisin, das hat man gesehen, auch wenn sie es natürlich nicht gesagt haben. Erwachsene reden ja nie schlecht über andere Erwachsene, wenn Kinder zuhören können.          

© Friederike Sandow 2001 in der LESELUST