Stefan Zweig - Schachnovelle

Originaltitel: Schachnovelle
Erzählung(en). S. Fischer Verlag 1941
111 Seiten, ISBN: 3596215226

Kurz vor Ablegen des Passagierdampfers von New York nach Buenos Aires betritt auch der Schachweltmeister das Schiff.

Dieser war vor allem durch seine stupide Beschränktheit auf diese eine Meisterschaft bekannt geworden; des Lesens und Schreibens ansonsten kaum kundig, nicht fähig, eine gepflegte Konversation zu führen, war er auch nicht in der Lage, das Schachbrett zu abstrahieren, weswegen er immer ein kleines Taschenschach mit sich herumführte.

Wie sollte man diesen Menschen nun kennenlernen? An ihn heranzukommen war schwierig, an Deck ließ er sich nur für kurze, im Eilschritt vollzogene Spaziermärsche blicken, so dass es bereits unhöflich gewesen wäre, ihn anzusprechen.

Aber vielleicht könnte man ihn durch Schach locken? Demonstrativ wurde nun an Deck Schach gespielt, und schon bald warf der Meister auch wirklich einen neugierigen Blick auf das Brett - um sich sofort ob des Mangels an Herausforderung wieder abzuwenden.

Doch einer der Passagiere, durch die Nennung des Namens des Mannes, der dem Spiel gerade so demonstrativ den Rücken gekehrt hatte, bei seinem Ehrgeiz gepackt, will nun unbedingt eine Partie gegen den Meister spielen - der sich für Geld auch kaufen lässt.

Der anberaumte Wettkampf zwischen dem schweigsamen Meister und den Passagieren verläuft, wie es vorauszusehen war - die Partie ist verloren. Revanche? Zu den bekannten Konditionen - natürlich! Doch für die Passagiere ändert sich nichts. Bis plötzlich ein weiterer Passagier zufällig des Weges kommt, und nach kurzem Blick auf das Brett mehrere Züge im Voraus kommentiert und ein unglaubliches Remis erreicht.

Es müsse unbedingt morgen noch eine weitere Partie geben - und Dr. B. solle für die Passagiere spielen. Dieser sträubt sich; seit 20 Jahren hätte er kein Schachbrett mehr angerührt, behauptet er. Und erzählt dann, weshalb er trotzdem in der Lage ist, in dieser Geschwindigkeit so viele Züge im Voraus zu berechnen.

Als die Nazis in Österreich einmarschiert waren, war er als einer der ersten verhaftet worden - und in ein Hotel in ein Einzelzimmer gebracht worden. Dass diese scheinbare Bevorzugung eigentlich eine noch perfidere Art der Folter war, merkte er im Laufe der Zeit; keine Ablenkung, der Blick auf eine Feuerwand, kein Wort zu ihm außerhalb der Vernehmungen, nur er und seine Gedanken. Da - eines Tages, als er wieder zum Verhör geführt werden soll, ergibt sich die Möglichkeit, ein Buch zu stehlen. Welche Vorfreude! Etwas Anspruchsvolles solle es sein, wünscht er sich, etwas, das man auswendig lernen konnte, das den Geist lange Stunden beschäftigt hält. Welche Enttäuschung, als er merkt, dass er nur ein Schachbuch in Händen hält.

Welch ein Segen gerade dieses Buch - zumindest zu Beginn - für ihn sein sollte, merkt er bald. Eine karierte Bettdecke, aus Brotkrumen geformte Spielfiguren - so spielt er täglich die Meisterpartieen des Buches nach. Diese Behelfsmittel braucht er bald nicht mehr - schon bald rekonstruiert er die Partien rein aus dem Gedächtnis, geht dann dazu über, eigene Wettkämpfe zu simulieren.

Mangels Gegner muss er sich dazu mental teilen. Muss für beide Spieler getrennt Berechnungen für 5, 8 Züge im Voraus anstellen, immer so, als wüsste er nicht, was das andere Ich gerade für den Gegner geplant hatte. Immer schneller, immer rasender wird sein Spiel, er treibt sich an, gönnt sich selbst die Denkpausen nicht mehr - bis er eines Morgens an einem fremden Ort erwacht. Ein Nervenfieber hat ihn niedergestreckt - und damit auch aus den Fängen der Nazis entlassen. Dennoch - wieder Schach zu spielen könne ihm gefährlich werden, warnt der Arzt.

Aber der Herausforderung, den Schachweltmeister zu schlagen, kann er sich nicht entziehen. Und so tritt er am nächsten Tag zum Wettkampf an….

Ganz zu Recht ist diese kurze Novelle Stefan Zweigs gleichzeitig sein bekanntestes Werk. Nirgends sonst ist es ihm so eindringlich gelungen, zugleich eine spannende, psychologisch detalliert geschilderte Begebenheit darzustellen und sein pazifistisches Anliegen so unmittelbar darzustellen.

Wie Dr. B. war auch Stefan Zweig selbst nach der Machtergreifung der Nazis nicht mehr erwünscht in Österreich - es hat ihm buchstäblich das Herz gebrochen, mitansehen zu müssen, wie Europa erneut zum Schlachtfeld wurde.

Auch nach nunmehr schon sehr häufigem Lesen ist für mich nichts an Aktualität, Betroffenheit und Interesse an dieser Geschichte erlahmt - ich kann sie nur immer wieder weiterempfehlen!

Stefan Zweig

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg, emigrierte dann nach England und 1940 nach Brasilien. 1944 erschienen seine Erinnerungen, das von einer vergangenen Zeit erzählende Werk "Die Welt von Gestern". Im Februar 1942 schied er in Petropolis, Brasilien, freiwillig aus dem Leben.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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