Zeruya Shalev - Für den Rest des Lebens

Originaltitel: Sche'arit Hachajim
Roman. Berlin Verlag 2012
500 Seiten, ISBN: 3827009898

"Für den Rest des Lebens" lautet der Titel des von vielen LeserInnen sicher sehnsüchtig erwarteten neuen Romans von Zeruya Shalev, der dieser Tage im Berlin Verlag erschienen ist. Der Rest des Lebens - der ist nicht mehr sehr lang für Chemda Horovitz, die ihre letzten Tage in ihrer Wohnung mehr schlafend als wachend dahindämmert.

Doch Chemdas Tochter Dina, ihr Sohn Avner sind erst in der Mitte ihres jeweiligen Lebens angelangt - und fühlen beide auf ihre Art, dass sich in ihrem Leben etwas ändern muss, da sie ihren Lebensrest nicht weiter auf die bisherige Weise verbringen können und wollen.

Dina leidet darunter, dass sie von ihrer pubertierenden Tochter mittlerweile immer weniger gebraucht wird. Die Ehe mit Gideon ist zwar stabil; doch zu Gideons Wesen gehört eine gewisse Kälte und Distanz, mit der Dina immer weniger zurecht kommt. Beruflich bewegt sie sich seit vielen Jahren auf einem Abstellgleis; ihr Bedürfnis nach Anerkennung wurde jahrelang durch die Tochter gestillt, nun bleibt nur zunehmende Leere. Immer stärker bedauert und betrauert sie das Kind, das sie nicht mehr bekommen konnte - weil sie ihren Mann nicht von einem zweiten Kind überzeugen konnte, weil ihre Fruchtbarkeit zu früh nachließ, weil sie sich nicht energisch genug dafür ausgesprochen hatte, so ihr Gefühl. Der Zwillingsbruder ihrer Tochter, der ihr im Mutterleib starb, gerät immer stärker in ihren gedanklichen Fokus, bis sich in ihr die felsenfeste Überzeugung festsetzt: sie will ein Kind adoptieren. Einen Jungen. Auch dann, wenn niemand in ihrer Famiilie sie unterstützt, wenn ihr Mann offen davon spricht, sich eher von ihr zu trennen.

Avner hingegen leidet an seiner seit langen Jahren lieblosen Ehe. Er hat seine erste Freundin geheiratet, sie haben zwei gemeinsame Kinder, und gerade dem älteren Sohn fühlt er sich ebenso fremd wie seiner Frau. Auch beruflich wähnt er sich an einem Ende angelangt. Er ist Anwalt, verteidigt vor allem die Rechte der Rechtlosen, der Palästinenser in diesem Land und war durch seinen Einsatz früher regelmäßig in den Medien zu sehen. Seit einiger Zeit verliert er immer häufiger; sein Büro beschäftigt statt vier nur noch eine Praktikantin, er fühlt sich in einer Tretmühle gefangen, ohne sich dagegen zu wehren. Auch bekommt seine Ausbruchsphantasie: während er bei seiner Mutter, die aufgrund eines Sturzes vorübergehend ins Krankenhaus muss, am Krankenbett wacht, beobachtet er ein Paar in seinem Alter, das sich innig zugetan ist. Die Liebe der beiden zueinander ist für ihn greifbar; der sehr nahe Tod des Mannes ebenso. Er reicht der Frau ein Taschenbuch und fühlt danach eine Verbindung mit ihr, die ihn veranlasst, ganz Jerusalem nach einem Auto ihrer Bauart abzusuchen. Er wird sogar fündig - um feststellen zu müssen, dass diese Frau nur die Geliebte des Mannes war, mit dem er sie im Krankenhaus gesehen hatte. Dennoch wird sie für ihn die Projektionsfläche all dessen, was an Beziehung geschehen könnte - und auch zu seiner Chance, sich aus seiner Ehe zu befreien.

Für Dina wird der Gedanke an dieses Kind zur Obsession - und wie man es bei Shalev gewohnt ist, wird Dina in ihrem Gedankenkarussell immer hysterischer geschildert. Das war für mich beim Lesen stellenweise ausgesprochen anstrengend, und zwar nicht anstrengend auf die Weise, die ich an dieser Autorin an sich sehr schätze (das sie nämlich innere Erfahrungen in Worte fasst, die mich aufwühlen und lange beschäftigen) - sondern weil sie für an dieser Stelle nicht mehr psychologisch plausibel bleibt. Ich zumindest konnte die Radikalität ihres Wunsches und auch die Selbstlüge, die ich an ihrer Stelle beim Lesen empfand, nicht mehr nachvollziehen.
In diversen Interviews mit der Autorin, die man nun anlässlich des Erscheinens ihres Buches sehen kann, spricht sie davon, dass sie damit auch ihre eigene Erfahrungen mit eingebaut hat, auch sie hat ein russisches Kind adoptiert; aber sie spricht auch davon, dass man diesen Wunsch nach einer Adoption, nach einem weiteren Kind ohne weiteres gleichsetzen könne mit einem anderen Wunsch, den ihre Protagonistin für sich leben müsse, einer Erfahrung, die sie meine machen zu müssen, auch wenn sie damit die bestehenden Familienbande durchtrennt.
Dieser Ansatz funktioniert für mich nicht.

Avner gerät ebenso wie seine Schwester in einen geradezu besessenen Zustand, als er nach dem Auto des Paares sucht. Davor erlebt man schon seine Tagträumereien mit, die er mit seiner neuesten Praktikantin verbindet (und erlebt deren ernüchterndes Ende). Sein ganzes Gebaren dieser Frau gegenüber zeigt einen Menschen in einem derartigen Ausnahmezustand, der gleichzeitig dem seiner Schwester so ähnlich ist, dass ich mir etwas mehr Differenzierung gewünscht hätte.
Und dann, ganz plötzlich, kommt der Schwenk - beide agieren plötzlich wieder auf mehr oder weniger rationale Weise, treffen Entscheidungen, haben wieder Erfolg, und zum Schluss gibt es gar so etwas wie ein Happy End (soweit das bei Shalev überhaupt möglich ist).

Ist "Für den Rest des Lebens" nun also ein Roman, der mir nicht gefallen hat? Den ich nicht weiterempfehlen kann? Nein. Auch wenn man von dem Aspekt absieht, dass meiner Meinung nach eine Autorin wie Shalev selbst dann noch lesenswert wäre, wenn sie schlechte Bücher schriebe: ihr Roman enthält viel zu viele Stellen, die den Leser mitnehmen auf eine Reise in die Dunkelkammer von Familienkonstellationen, und zu dem in diesem Roman auch so viel Beachtenswertes über das Land, in dem sie lebt, das man ihren Roman getrost weiterempfehlen kann.

Auf diesen Aspekt bin ich bislang noch gar nicht zu sprechen gekommen: in der Gestalt der Chemda Horovitz wird auch ein Stück Staatsgeschichte erzählt. Sie wächst in einem Kibbutz auf, sie soll das erste Kind sein, das dort seine freien Schritte macht - und scheitert. Wie der See, an dem der Kibbutz liegt, der trockengelegt wird und doch keine fruchtbare Erde zum Vorschein bringt, sondern nur Ödnis, so könnte man es auch als Metapher dafür sehen, was die Kibbutzbewegung aus den verheißungsvollen Möglichkeiten einer neuen Generation hervorgebracht hat. Ihrer Träume und Wünsche beschnitten, ohne elterliche Wärme zu spüren, schafft sie es auch selbst nicht das Maß zu finden für ihre Kinder, ihnen Liebe, Halt - und Freiheit ins Leben mitzugeben.

Es ist vor allem dieser Anteil an ihrem Buch (den ich mir noch ausführlicher gewünscht hätte) der dieses Buch für mich besonders lesenswert macht. Alle LeserInnen, die sich für qualvolle Familienkonstellationen und natürlich vor allem auch für Israel und die jüdische Lebenswelt interessieren, werden auf ihre Weise ihren Gewinn an der Lektüre dieses Buches haben. Dass das Buch von mir dennoch nur 3 von 5 möglichen Sternen erhält, hängt mit der Stellung des Romans innerhalb ihres Werkes in meiner persönlichen Lesewertung zusammen.

Zeruya Shalev

Zeruya Shalev wurde 1959 in Kibbutz Kinneret geboren. Sie studierte Bibelwissenschaften und arbeitet heute als Schriftstellerin und Verlagslektorin in Jerusalem. Liebesleben ist ihr zweiter Roman. Er wurde mit dem Golden-Book-Preis des israelischen Verlegerverbands ausgezeichnet. Davor erhielt Zeruya Shalev bereits den Preis des israelischen Ministerpräsidenten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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