Marguerite Yourcenar - Ich zähmte die Wölfin

Originaltitel: Mémoires d´Hadrian
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1951
321 Seiten, ISBN: 3423124768

Der Mann, der hier einen langen Brief, ein Vermächtnis für seinen Nachfolger Marc Aurel verfasst, hat den Zenit seines Lebens bereits überschritten. Krankheiten beeinträchtigen ihn, das Ende, das er herbeisehnt, naht.

Er kann auf ein ausgefülltes, abwechslungsreiches Leben zurückblicken seit er als Kind nach Rom geholt worden war, um als potentieller Nachfolger des römischen Kaisers erzogen zu werden. Lehrjahre in der Armee, als Statthalter in unwirtlichen Provinzen, gab es um seine Nachfolge dann doch noch Geraune; erst in letzter Minute hatte der sterbende Kaiser ihn adoptiert, ihn somit legitimiert.

Erst nach einiger Zeit begann seine Politik der Friedensabkommen mit den angrenzenden Völkern Früchte zu zeigen; wo seine Vorgänger durch Kriege geglänzt hatten, überzeugte er durch Stabilisierung, Kontinuität und Befriedung - ohne dadurch vor allen Brandherden gefeit zu sein.

Man liest viel vom alltäglichen Staatsgeschäft in diesem Buch, von politischem Taktieren, Machtkämpfen, Intrigen - allerdings sollte man nicht erwarten, diesen Händeln wie in einem Thriller zu begegnen. Was man hier liest, ist eher theoretisch, lässt einen genaueren Blick auf Strukturen zu, die bis heute Gültigkeit haben. Sehr interessant fand ich beispielsweise die Stellen, in denen die Konflikte in Nahost geschildert werden, die geradezu erschreckende Ähnlichkeit zum Tagesgeschehen aufweisen.

Aber nicht nur diese Beobachtungen haben das Buch so interessant für mich werden lassen. Marguerite Yourcenar lässt uns genau hinsehen; hinsehen auf das, was hinter Machtwunsch steckt, hinter Einsamkeit, dem Wunsch nach Schönheit, der Hinterfragung von Verhaltensweisen. Immer wieder stößt man auf Gedankengänge, die innehalten lassen, die man selbst auch schon angedacht hatte, nur nicht so treffend formulieren konnte.

Ich konnte beim Lesen wunderbar eintauchen in diese Welt des gebildeten älteren Herren, der die Last der Verantwortung für den bedeutendsten Staat seiner Zeit trug; was mich besonders fasziniert hatte, war, das wenig von Glamour zu spüren war, dafür der banale, langwierige Alltag geschildert wurde.

Ein Buch, das ich bestimmt in regelmäßigen Abständen wieder lesen werde, um mich an immer wieder anderen Beobachtungen zu freuen - ich bin sicher, dass dieses Buch genug Stoff bietet, mich noch sehr lange zu begleiten.

Marguerite Yourcenar

Marguerite Yourcenar, am 8. Juni 1903 in Brüssel geboren, studierte in Frankreich, England und in der Schweiz und wurde Professorin für französische Literatur in New York. 1980 wurde sie als erste Frau in die Académie francaise gewählt. Sie starb am 18. Dezember 1987 in Maine / USA.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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