Qiu Xiaolong - Tod einer roten Heldin

Originaltitel: Death of a Red Heroine
Roman. Zsolnay Verlag 2003
460 Seiten, ISBN: 3552052291

Dass die Leiche der hübschen jungen Frau schon so kurze Zeit nach ihrer Ermordung aufgefunden wurde, war einem Zufall zu verdanken. Doch das schien auch der einzige positive Aspekt an diesem Fall zu sein: denn niemand hatte die junge Frau als vermisst gemeldet, keiner schien sie zu kennen.

Eigentlich hätte Oberinspektor Chen den Fall gar nicht annehmen müssen. Er war schließlich Leiter einer Spezialabteilung, die sich mit Fällen von besonderer politischer Brisanz befasste und dies hier sah nach einem ziemlich gewöhnlichen Sexualtötungsdelikt aus. Aber er war erst vor kurzem auf diesen Posten befördert worden, hatte von der neuen Kaderpolitik Deng Xiaopings profitiert und wusste, dass er sich dadurch einige Neider zugezogen hatte. Die Aufklärung eines Mordfalles könnte seinen Status festigen.

Nach beinahe einer Woche hatten die Nachforschungen um die Identität des Opfers endlich einen Namen zutage gebracht: Guan hieß die junge Frau, eine Modellarbeiterin, die in der Presse immer wieder als Vorbild für Tüchtigkeit und Linientreue herausgestrichen worden war.

Doch wer sollte Guan töten wollen? Für einen politischen Mord war ihre Bedeutung zu gering, und ein Beziehungsdrama konnte auch ausgeschlossen werden - Guan war dafür bekannt, kein Privatleben zu haben.

Aber jeder Mensch hat ein Privatleben, die Frage ist nur, wie gut er es verbirgt. Darauf stießen auch Chen und sein Assistent Yu, die sich mit den offiziellen Auskünften nicht zufrieden geben wollten. Auch Guan hatte seit mehreren Monaten einen Liebhaber - der allerdings verheiratet war und der Sohn eines einflussreichen hohen Kaders. Ein Prinzling also, wie sie von der Bevölkerung genannt wurden.

Dass es gefährlich ist, gegen einen Prinzling auch nur zu ermitteln, durfte Chen dann am eigenen Leib feststellen - denn plötzlich begann sich die Innere Sicherheit für ihn zu interessieren...

Die eigentliche Krimihandlung in diesem Buch ist nicht weiter erwähnenswert; ein relativ klassischer Whodunit mit einigen Schwächen in der Konstruktion. Auch stilistisch ist dieser Roman kein Meisterwerk; einfache Sprache, gesprenkelt mit Zitaten aus chinesischen Gedichten, dazu eine ebenfalls noch ausbaufähige Charakterzeichnung der Figuren.

Was "Tod einer roten Heldin" aber so interessant macht, ist der Schauplatz. Shanghai in den frühen Neunzigern, eine Stadt, die von den Lockerungen der Wirtschaftsbestimmungen profitiert, in der aber gleichzeitig auch sehr darauf geachtet wird, dass die Ideale der Partei weiter hochgehalten werden, auch wenn sich das System zu großen Teilen bereits selbst ad absurdum geführt hat.

Der Autor lebt bereits seit 1988 in den USA, der Roman wurde auch zuerst auf Englisch veröffentlicht - und dass er nicht für ein chinesisches, sondern für ein westliches Publikum geschrieben wurde, merkt man auch. Es erleichtert mir die Lektüre natürlich sehr, wenn mir bei einer Schilderung auch gleich die Erklärung mitgeliefert wird, wenn zum Beispiel das Prinzip des Modellarbeiters erläutert wird - aber für ein chinesisches Publikum wären solche Belehrungen sicher überflüssig gewesen.

Der Autor lässt uns denn auch teilhaben an allem, was er über die Stadtgeschichte recherchiert hat, über die Wohnungsknappheit, die Korruption der Beamten - und auch wenn der Tonfall dadurch manchmal etwas schulmeisterlich wird, interessant fand ich es allemal, denn er hat es verstanden, diese Informationen sehr geschickt in die Handlung zu verweben.

Oberinspektor Chen ist in diesem Krimi nicht nur Polizist, sondern gleichzeitig auch literarischer Übersetzer von beispielsweise T.S. Eliot oder W.B. Yeats (wie auch der Autor des Buches) - und Übersetzer von Kriminalromanen, die sein Gehalt aufbessern. Aber besonders stolz ist er darauf, auch als Dichter ernstgenommen zu werden und einige seiner Werke auch in großen Zeitungen veröffentlicht zu sehen. Dass dabei Anleihen an Adam Dalgliesh, dem Ermittler von P.D. James genommen wurden, verbirgt der Autor auch gar nicht.

Was ist Crime ohne Sex, hatte der Autor sich wohl auch gedacht und überlegt, wie er diesen Aspekt am besten einbauen könnte... und hat dann die armen Verdächtigen bei Verhören penibel nach sexuellen Praktiken befragt. Ob das nun ein Fakt ist, der in bei der chinesischen Polizei so gehandhabt wird, was angesichts der Moralvorstellungen der Parteilinie durchaus denkbar wäre, oder eben ein erzählerischer Kunstgriff, kann ich nicht beurteilen - es hat mich aber ziemlich erheitert.

Ein Wort noch zur Übersetzung: ich kann den Rest nicht beurteilen, aber "privacy" mit "Privatheit" zu übersetzen hat mich massiv gestört.

Der zweite Band um Oberinspektor Chen ist in den USA schon erschienen - und alleine schon die Neugierde, was man alles noch über Shanghai erfahren könnte, bewirkt, dass ich mich darauf freue.

Eine uneingeschränkte Empfehlung? Das nicht. Aber wer sich ein wenig für Asien interessiert wird dieses Buch wahrscheinlich mit Interesse lesen.

Qiu Xiaolong

Qiu Xiaolong wurde 1953 in Shanghai geboren. Er arbeitete als Übersetzer (zB von T.S. Eliot und W.B. Yeats), veröffentlichte Lyrik und Literaturkritiken. 1988 reiste er in die USA und beschloss nach dem Massaker am Tiananmen Platz, nicht nach China zurückzukehren. Seit 1994 lehrt er an der Washington Universität St. Louis chinesische Literatur und Sprache. Für "Tod einer roten Heldin" wurde er mit dem begehrten Anthony Award für den besten Debütroman ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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