Qiu Xiaolong - Die Frau mit dem roten Herzen

Originaltitel: A Loyal Character Dancer
Krimi. Zsolnay Verlag 2004
384 Seiten, ISBN: 3552053190

Eigentlich ist kein Grund erkennbar, warum ausgerechnet Oberinspektor Chen sich um den Fund einer Leiche im Bundpark kümmern sollte. Doch da er hier jeden Morgen spazieren geht und daher als erster Ermittler am Tatort war, und zudem durch die Art der tödlichen Verletzungen rasch davon überzeugt ist, dass es sich um einen Fall von Triadenmord handelt, fühlt er sich trotz gegenteiliger Kommentare seiner Vorgesetzten dafür zuständig.

Seinen Vorgesetzten wäre es nämlich wichtiger, dass er sich um Catherine Rohn kümmert, eine attraktive junge Amerikanerin, die vom FBI nach Shanghai geschickt wurde, um eine wichtige Zeugin nach Amerika zu begleiten. In den Staaten war es gelungen, einen Menschelschmuggelring auffliegen zu lassen. Zeugenaussagen sind dafür unerlässlich, es hat sich auch ein Mann gefunden, der bereit ist, auszusagen - aber erst, wenn seine Frau sicher in Amerika angekommen ist.

Das Problem ist nur, dass diese junge Chinesin so kurz vor ihrer Ausreise - einfach verschwunden ist...

Gemeinsam mit Catherine beginnt Chen, sich Stück für Stück in die Vergangenheit dieser jungen Frau vorzuarbeiten...

Vordergründig ist "Die Frau mit dem roten Herzen" ein wirklich spannender, gut durchstrukturierter Krimi mit überraschenden Wendungen und plausiblen Motiven - mehr, als man von so manchem Titel sagen kann. Aber als wäre das nicht genug, besticht dieses Buch für mich vor allem durch den Ort der Handlung und die Art und Weise, wie diese Stadt, Shanghai, und ihr politisches System in die Handlung verwoben ist, ja, eigentlich erst die Grundlage für den Kriminalfall an sich bietet.

Mir hat schon der erste Fall, "Tod einer roten Heldin", aus diesem Grund ganz gut gefallen; mit seinem zweiten Krimi hat der Autor aber für mich die Anfangsschwächen wie schwacher Plot und an mancher Stelle sehr holprige Sprache überwunden (wobei wir die bessere Lesbarkeit wahrscheinlich auch der neuen Übersetzerin verdanken) und zieht den Leser von Anfang an in die Geschichte hinein.

Durch die geschickte Verflechtung mit der amerikanischen Beamtin gelingt es ihm auch umso deutlicher, Chen in seiner Position mit allen dazugehörigen Schwachstellen zu zeigen; denn auch wenn Chen kein stromlinienförmiges Parteimitglied ist, agiert er doch innerhalb des Systems und ist damit groß geworden.

Na, und was die kulinarischen Gelüste angeht steht Oberinspektor Chen seinen bekannteren europäischen Kollegen in nichts nach - alles in allem: sehr gelungen, ich wünsche viel Vergnügen!

Qiu Xiaolong

Qiu Xiaolong wurde 1953 in Shanghai geboren. Er arbeitete als Übersetzer (zB von T.S. Eliot und W.B. Yeats), veröffentlichte Lyrik und Literaturkritiken. 1988 reiste er in die USA und beschloss nach dem Massaker am Tiananmen Platz, nicht nach China zurückzukehren. Seit 1994 lehrt er an der Washington Universität St. Louis chinesische Literatur und Sprache. Für "Tod einer roten Heldin" wurde er mit dem begehrten Anthony Award für den besten Debütroman ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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