Christa Wolf - Was bleibt

Originaltitel: Was bleibt
Roman. Luchterhand Literaturverlag 1990
103 Seiten, ISBN: 3518459163

Immer wieder der Blick aus dem Fenster, bis endlich die Gewissheit da ist: sie sind wieder da, sie parken vor dem Haus, deutlich sichtbar beobachten sie ihr Fenster. Nichts wird es mehr aus der Schreiberei an diesem Tag, andauernd muss sie sich vergewissern, dass sie noch da stehen, ihre Gedanken kreisen um sie. Ein Telefonanruf - ob sie alles mithören können? Wofür sie die schon scherzhaft gebrauchten Abkürzungen für Kaffee und Tee wohl halten werden?

Die Post - schon vorher gelesen von ihnen, bevor sie zu ihr kommt. Kein unbefangener Brief an die Freunde mehr möglich, immer der Hintergedanken, dass sie alles, aber auch wirklich alles wissen.

Nachbarn, alte Freunde, die nicht mehr grüßen, wenn man sie auf der Straße trifft. Zufall? Absicht? Was wissen sie? Wer von ihnen ist ein Zuträger, wen hat man mal zu sehr beleidigt, und hat jetzt dafür zu bezahlen?

Ihre Gedanken drehen sich im Kreis, immer wieder - und doch, es gibt Hoffnung, das zeigt die Lesung am selben Abend, als nicht nur die eingeladenen Parteimitglieder erscheinen, sondern Leute von der Straße, die den Mut haben, Fragen zu stellen, sich verwundbar machen - und auf der Suche nach einer Zukunft sind...

Als diese Erzählung, die von der Beobachtung Christa Wolfs durch die Stasi im Sommer 1979 handelt, 1990 erschien, wurde sie sehr kontrovers diskutiert - ein Wirbel, der mir aus heutiger Sicht nicht mehr ganz nachvollziehbar erscheint.

Die Paranoia, die durch ständige Beobachtung entsteht, das Misstrauen, das jede spontane Regung überlagert, all das ist sehr eindringlich und auch nachvollziehbar geschildert. Aber durch die sehr verkopfte, intellektualisierte Schreibweise der Wolf fiel es mir manchmal schwer, wirklich Zugang zu dem zu finden, was sie mir eigentlich vermitteln will.

Der Hoffnungsschimmer, den sie am Ende präsentiert, als sie zeigt, dass trotz eines totalitären Regimes, trotz Misstrauen und Gegeneinander immer noch die Menschen da sind, dass man auch selbst versuchen muss, seine Umwelt nicht nur als homogene Masse zu sehen, sondern den Einzelnen zu betrachten, der ebenfalls eine Stimme hat und sie vielleicht eines Tages nutzt, um die Fragen zu stellen, die nötig sind, alles aufzuweichen und der Menschlichkeit wieder Raum zu geben, war für mich das ansprechendste an dieser kurzen Erzählung.

Es fällt mir schwer, zu dieser Erzählung ein Urteil, oder auch nur eine Empfehlung abzugeben; ich fand es interessant, ohne wirklich Empathie zu empfinden.

Christa Wolf

Christa Wolf, geboren 1929, lebt in Berlin. Sie zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart; ihr umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk wurde in alle Weltsprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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