Wladimir Kaminer - Mein Leben im Schrebergarten

Originaltitel: Mein Leben im Schrebergarten
Erzählung(en). Goldmann Verlag 2010
224 Seiten, ISBN: 3442542707

Galt es noch vor wenigen Jahren als hoffnungslos spießig, einen Kleingarten zu bewirtschaften, wird zumindest in Berlin Prenzlauer Berg mit zunehmendem Babyboom die Sehnsucht nach einem eigenen Stückchen Grün bei vielen immer größer. Ein Haus auf dem Land ist meistens mit urbanem Leben nicht vereinbar, ein Haus mit Garten gar mitten in der Stadt schlicht nicht finanzierbar. Als kostengünstige Alternative bleibt hier die Mitgliedschaft in einem Kleingartenverein. Die meisten Gartengrundstücke sind allerdings schon seit vielen, vielen Jahren von denselben Pächtern bewirtschaftet; es gehört eine ganze Portion Glück dazu, eine freie Parzelle zu ergattern. Entsprechend sind auch die Vereine vor allem von altgedienten Kleingärtnern voll, die ihren neuen Nachbarn teils hilfreich, teils spöttisch bei den ersten Versuchen zusehen.

Man hat ja als Neugärtner auch so seine Vorstellungen. Ob die sich allerdings mit den Statuten des Regelwerks vereinbaren lassen, ist nochmal eine ganz andere Sache. Und so muss die eine oder andere frisch gesetzte Pflanze wieder ausgerissen werden, weil sie den Anforderungen auf Heimischkeit nicht entspricht. Zumindest solange, bis der Gärtner schlau genug ist, sie entsprechend zu bezeichnen.

In einem deutschen Kleingarten darf eines nicht fehlen: Rhababer. Auch Kaminder pflanzt Rhababer - den in seiner Familie niemand mag, er selbst auch nicht. Und wird belohnt mit Unmengen des sauren Gestänges. Einen Teil kann er ja noch mit anderen Gärtnern tauschen - doch hat er nicht damit gerechnet, dass wohl nicht nur er die Pflanze nur aus Tradition pflanzt und mit der Ernte nicht viel anfangen kann… ein Glück, dass vom Genuss der zweiten Ernte allgemein abgeraten wird!

Wer davon träumte, dann eben schön im schattigen, ruhigen Grün in der Hängematte zu liegen und in die Wolken zu starren, hat der Realität noch nicht ins Auge geblickt. Zum Ausruhen bleibt nämlich keine Zeit, wenn man dem wuchernden Unkraut Herr werden will, und das Grün ist bald keines mehr, wenn nicht genug gewässert wird. Na, und wenn man nicht gießen braucht, dann heißt es, dass es regnet, und wieder war es nichts mit der Hängematte…

Diese und weitere Episoden füllen die erste Hälfte des Buches. Danach fährt Kaminer mit seiner Familie in den Urlaub - zur kaukasischen Großmutter seiner Frau. Die hat natürlich ebenfalls einen Garten, allerdings in ganz anderen Dimensionen. Und überhaupt erlebt er am Kaukausus die Natur und ihre Bewohner noch in ihrer urtümlichen Form…

Während mich die Kleingartenszenen noch durchwegs erheitert hatten, da es für mich viel Wiedererkennungswert gab, war der Ausflug in den Kaukausus (der von Kaminer mittlerweile auch im Band "Meine kaukasische Schwiegermutter" verarbeitet wurde) dann irgendwann wieder von dieser übertriebenen Komik, die ich nicht mehr lustig finde.

Es ist ein durch und durch "echter" Kaminer - mit dem Humor, den seine Fans von ihm erwarten, und der dadurch allerdings in meinen Augen oft auch etwas zu vorhersehbar wird.

Wladimir Kaminer

Wladimir Kaminer wurde 1966 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin, wo er inzwischen als freier Autor und kreatives Multitalent so bekannt wie erfolgreich ist. Kaminer veröffentlicht regelmäßig Texte in der FAZ, hat eine Kolumne in der taz, und organisiert im Kaffee Burger Veranstaltungen wie zb die "Russendisko".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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