Leon de Winter - Malibu

Originaltitel: God´s Gym
Roman. Diogenes 2003
418 Seiten, ISBN: 3257063474

Am Morgen noch hatte Joop Koopman seiner Tochter zum 17. Geburtstag gratuliert, ihr eingeschärft, zur Feier in der Strandbar nicht im Porsche ihrer Freundin mitzufahren, keinen Alkohol zu trinken - was man als besorgter Vater eben so von sich gibt.

Mittags war er mit Philip verabredet, einem Freund aus Amsterdamer Tagen, der ihm einen absurden Vorschlag unterbreitete; und nachmittags kam dann der Anruf aus der Klinik, dass seine Tochter einen Motorradunfall gehabt hätte und nun schwer verletzt wäre. Ein Motorradunfall? Wie sollte Mirjam auf ein Motorrad kommen, sie kannte doch gar niemanden mit Motorrad; völlig unverständlich ist dieser Anruf für Joop. Doch rasch muss er wahr haben, dass es tatsächlich um seine Tochter geht; dass sie im Sterben liegt.

Wie im Trance unterzeichnet er die Einwilligung, ihr Herz einem kranken Menschen zur Verfügung zu stellen; er verkriecht sich in seinem Haus, nimmt keine Telefongespräche mehr entgegen, geht nicht mehr vor die Tür, er weigert sich sogar, ein Begräbnis zu organisieren.

God kümmert sich darum, dass ihr Leichnam zumindest eine vorläufige Bleibe findet; und God schafft es auch, Joop soweit ins Leben zurück zu holen, dass er Mirjams letzten Wunsch erfüllt und ihre Asche ins Meer streut. Dabei war God eigentlich der letzte Mensch, den Joop um sich haben wollte; schließlich war Mirjam auf seinem Motorrad mitgefahren, war er derjenige, der ihren Tod verursacht hatte.

Joop war Drehbuchschreiber. Vor fast 20 Jahren war er gemeinsam mit seiner Frau Ellen nach Kalifornien gekommen, hatte hier anfangs auch viel Erfolg; seine Ehe war kurz nach Mirjams Geburt gescheitert, seine Dienste als Autor in den letzten Jahren kaum noch in Anspruch genommen worden. Das war auch der Grund, warum er Philips Angebot überhaupt erst in Betracht zog: er solle für den israelischen Geheimdienst einen kleinen Auftrag ausführen. Doch bald schon gerät alles völlig außer Kontrolle...

Als ich den Klappentext zu diesem Roman gelesen hatte - wovon generell eher abzuraten ist - hatte ich wirklich befürchtet, dass Leon de Winter sich mit diesem Roman auf verdammt dünnes Eis begeben hätte. Schon in *Hoffmans Hunger* ist eine Spionagegeschichte eingebaut, deren Auflösung ich als sehr unbefriedigend empfand (auch wenn ich das Buch sehr mochte).

Auch wenn Leon de Winter zu meinen favorisierten Autoren zählt, war ich also sehr skeptisch. Zu Unrecht. Ich konnte das Buch, nachdem ich einmal angefangen hatte, nicht mehr aus der Hand legen, saß heulend beim Friseur, weil mir Joops Trauer um die geliebte Tochter schier das Herz zerriss, weil ich voller Spannung die Verwicklungen verfolgt hatte, die immer wieder überraschenden Wendungen verfolgt habe.

Man könnte dem Autor vorwerfen, dass er sehr viele Themen anreißt, ohne sie zu vertiefen. Die Sache mit dem Geheimdienst ist nur eine davon; Terrorismus spielt eine große Rolle, die eingefrorenen Guthaben ermordeter Juden auf Schweizer Nummernkonten spielen eine Rolle, die buddhistische Lehre, Klöster, Reinkarnation... eine pralle Fülle Themen. Und de Winter macht daraus das pralle Leben, er versucht gar nicht erst, die Probleme der heutigen Zeit zu lösen, aber sie bilden den wichtigen Hintergrund im Leben seiner Protagonisten.

"Malibu" - oder "God´s Gym", wie der Roman im Original zutreffender heißt - ist ein sehr emotionales Buch über den Verlust eines Kindes, über Trauer, Ängste und die Kraft, die einen trotz allem am Leben erhält. Für mich ist das bislang das ambitionierteste Buch des Autors - eine unbedingte Empfehlung!

Leon de Winter

Leon de Winter, geboren 1954 in 's-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden, ist Filmemacher und seit 1976 freier Schriftsteller, dessen Romane nicht nur in den Niederlanden überwältigende Erfolge erzielen. Er ist mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher verheiratet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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