Leon de Winter - Leo Kaplan

Originaltitel: Kaplan
Roman. Diogenes 2001
542 Seiten, ISBN: 3257233175

Die Ehe ist ein Trapezakt: Jeder muss festhalten und loslassen können, auch andere Begegnungen in der Luft zulassen - wichtig ist nur, dass man zum Schluss wieder gemeinsam auf der Erde landet.

Das nimmt Leo Kaplan als Erklärung, als Rechtfertigung seiner immer wiederkehrenden Seitensprünge, die schließlich auch zum Scheitern seiner Ehe führen.

Dass hinter dieser Unruhe, die ihn ständig in die Arme anderer Frauen treibt, aber etwas steckt, was tiefer sitzt, merkt er selbst. Und in ganz ehrlichen Momenten gesteht er sich den Grund dafür auch ein: seit er, kurz vor Vollendung seines letzten Romans, in Kairo zufällig seine Jugendliebe gesehen hat, war er nicht mehr in der Lage, wieder etwas zu schaffen.

Sie waren beide noch sehr jung, noch nicht lange in Amsterdam, als sie sich begegneten - Ellen und er. Und sie stammten beide aus derselben Stadt; auch wenn sie sich damals nie begegnet waren. Und auch nie begegnet wären - zu tief ist der Graben zwischen Ellens Familie, die im Dachboden immer noch die Nazi-Uniform aufbewahrt, und Leos Eltern, die als einzige ihrer Familien den KZ´s entgangen waren.

Und gegen den Widerstand der Eltern leben sie ihre Liebe, leben wie unter einer Glasglocke, ohne ihre Umwelt wahrzunehmen. Zumindest für einige Zeit. Dann beginnen die Studentenunruhen. Und Leo, der plötzlich das Gefühl hat, er dürfe nicht, wie seine Familie damals, einfach zusehen, wie das Unheil über sie hereinrollt, beginnt sich zu engagieren. Ihre traute Zweisamkeit erhält Risse. Ellen wird schwanger. Als die Unterstützung ausbleibt, die sie braucht, erzählt sie Leo eine Lüge, die sie nie mehr aus der Welt schaffen kann.

Und nun, fast 20 Jahre später, kreuzen sich ihre Wege erneut. Aber diesmal wollen sie beide nicht vor der Konfrontation davonlaufen....

Normalerweise scheue ich davor zurück, schon zu Beginn eines Jahres von einem der besten Bücher 2001 zu sprechen.

Aber ich habe diesen Roman mit so großer Begeisterung gelesen, dass ich davor nicht zurückscheuen will!

Ein pralles, dichtes Buch voller Geschichten, zum Teil absurd, zum Teil tragisch, komisch, aber immer zum Greifen nahe. Man fühlt sich an die wuchernde Phantasie eines John Irving erinnert.

"Leo Kaplan", in den Niederlanden bereits 1986 erschienen, erzählt von einem Schriftsteller, der nach seinem großen Erfolg mit "Hoffmans Hunger" nicht mehr schreiben kann. Und es macht sofort wieder Appetit darauf, dieses Buch, mit dem Leon de Winter international bekannt wurde, erneut zu lesen. Und wer den Genuss, sich diesem neuen Roman zu widmen, noch ein wenig hinauszögern will, kann sich mit Hoffmans Hunger schon mal den Mund wässrig machen.

Meine Empfehlung: lesen, lesen... und schwelgen!

Leon de Winter

Leon de Winter, geboren 1954 in 's-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden, ist Filmemacher und seit 1976 freier Schriftsteller, dessen Romane nicht nur in den Niederlanden überwältigende Erfolge erzielen. Er ist mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher verheiratet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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