Leon de Winter - Hoffmans Hunger

Originaltitel: Hoffmans Honger
Roman. C. Bertelsmann Verlag 1994
406 Seiten, ISBN: 3257228317

Prag, im Juni 1989. Freddy Mancini, ein übergewichtiger Amerikaner, nimmt auf Drängen seiner Frau und seiner Diätberaterin an einer Europarundreise teil. Das soll ihm helfen, mit seinen Essgewohnheiten zu brechen, sein katastrophales Übergewicht zu reduzieren.

Aber auch in Prag plagt ihn unerträglicher Hunger. Nur: wo soll man in einem kommunistischen Land nachts, als Sprachunkundiger, ein Restaurant finden?

Ein Taxifahrer verspricht, ihn zu einem illegalen Restaurant zu bringen. Das er nie erreicht - denn kurz davor wird er niedergeschlagen und ausgeraubt. Und kurz darauf Zeuge einer Szene, die er kaum glauben kann: einer seiner Mitreisenden wird in ein Taxi gezerrt. Und ist am nächsten Morgen tatsächlich nicht wieder da, als die Gruppe sich zum Frühstück trifft.

In derselben Nacht quält auch Felix Hoffman, niederländischer Botschafter in Prag, wie üblich die Schlaflosigkeit. Seit 20 Jahren hat er keinen Schlaf mehr gefunden - seit eine seiner beiden Töchter, ein Kind noch, gestorben war. Seit diesem Zeitpunkt war sein Leben mehr und mehr aus den Fugen geraten - die Ehe zu Marian verlor durch den Tod des Mädchens ihre Substanz, die überlebende Tochter wähnt sich immer ein Stück mitschuldig am Tod der Zwillingsschwester. Durch nichts glaubt sie sich geliebt genug - und als sie 19 war, setzte sie den Schlusspunkt unter die Entfremdung, die sie selbst nach Kräften vorangetrieben hatte: Eine Überdosis.

Nichts war jemals wieder wirklich wichtig danach - Hoffmans diplomatische Laufbahn zeichnete sich eher durch Entgleisungen und Peinlichkeiten aus als durch überragende Leistungen. Nein, am Leben hing er wirklich nicht mehr. Auch der Herzinfarkt, den er erleidet, kann ihn nach den ersten Stunden des Schrecks und der Dankbarkeit, überlebt zu haben, nicht darüber hinweg täuschen, dass er nach wie vor keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht.

Doch dann begegnet er Irena, einer tschechischen Journalistin. Plötzlich erfasst ihn ein Begehren wieder, das er nicht mehr kannte - und Irena verdankt er das größte Geschenkt überhaupt: Schlaf. Seligen, tiefen Schlaf, Träume, die ihm die verlorenen Töchter wieder heil zeigen, ihm Trost bringen.

Was Hoffman nicht weiß, ist, dass Irena von John Marks auf ihn angesetzt wurde. Und John Marks arbeitet im Geheimdienst. Schon immer. Schwerpunkt Osteuropa. Freddy Mancini war Zeuge geworden, wie einer seiner bestausgetüftelsten Spionagewege aufgedeckt worden war. Ein neuer Weg muss gefunden werden - und der Name Hoffman ist ihm nicht fremd. Denn Jahre zuvor war er Marian begegnet. Tief und leidenschaftlich war ihre Liebe gewesen - und doch konnte und wollte sie ihren Mann nicht verlassen.

Diesmal aber setzt Marks auf Hoffman direkt...

Eines gleich vorweg: Die Spionagegeschichte, die den Rahmen dieses Romans bildet, ist zwar soweit ganz nett, würde aber im Zweifel keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken.

Nein, der Reiz dieses Buches liegt an ganz anderer Stelle. Hoffmans Vergangenheit, all das Leid, die Qual hat de Winter so berührend und mitreißend geschildert, das man nicht anders kann, als sich wie Hoffman selbst mit Einsamkeit, Tod, Entfremdung und Lebensüberdruss auseinander zu setzen. Ganz zu schweigen von den Hungergefühlen, die de Winter durch die detailliert-ausschweifenden Beschreibungen von Hoffmans Fressgelagen hervorzurufen vermögen.

Und was kann man von einem Buch besseres sagen als: Es hat mich nicht mehr losgelassen?

Leon de Winter

Leon de Winter, geboren 1954 in 's-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden, ist Filmemacher und seit 1976 freier Schriftsteller, dessen Romane nicht nur in den Niederlanden überwältigende Erfolge erzielen. Er ist mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher verheiratet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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