Leon de Winter - Sokolows Universum

Originaltitel: De ruimte van Sokolov
Roman. Diogenes 1999
433 Seiten, ISBN: 3257062265

Warum Sokolow, in Russland einst ein angesehener Raumfahrtforscher, nun in Tel Aviv zum Straßenkehrer avanciert war, konnte er selber nicht mehr so genau nachvollziehen. Vieles spielte hier eine Rolle.

Da war erst mal die Explosion der Rakete, an der er gearbeitet hatte, und die darauffolgende Verbannung - und der Tod seiner Mutter, deren Wunsch es war, dass er einst zurück zu den jüdischen Wurzeln zurück sollte, die sie so gut zu verbergen wusste.

Nun war er jedenfalls hier gelandet - in der Gosse, war Alkoholiker, und war in diesem Land ohne Perspektive. Da passiert an diesem heißen Sommertag ein Mord, in der Straße, die er kehrt.

Und der Täter hat eine große Ähnlichkeit mit seinem alten Freund Lew, mit dem er schon gemeinsam in Russland an der Rakete gearbeitet hatte, sein alter Freund, von dem er schon so lange nichts mehr gehört hatte. Doch das konnte gar nicht sein, er hatte wohl zu viel Wodka getrunken.

Nach der Vernehmung durch die Polizei, dem endgültigen Verlust dieses Traumjobs und der Begegnung mit Tanja, einer Immigrantin die gerade in die Wohnung nebenan gezogen war, verlor Sokolow sich erst mal für ein paar Tage im Wodka-Delirium. Aus dem ihm ausgerechnet - Lew, sein alter Freund! - heraushalf.

Lew, der ihn zufällig jetzt gesucht hatte, der schon seit einiger Zeit in Israel tätig war, jetzt eine Firma gründen wollte und dafür ihn, Sokolow, brauchte. Lew schwimmt geradezu in Geld - gut, nicht alles ganz koscher, nicht ganz legal. Aber wenn Sokolow aus der Gosse raus will, sollte er vielleicht anfangen, seine Moralvorstellungen nicht mehr ganz so eng zu stecken...

Man kann dieses Buch als einen ganz normalen Krimi lesen - und dabei sicher sein, eine gute Wahl getroffen zu haben.

Denn Leon de Winter erzählt amüsant, spannend und glaubwürdig von einem unwahrscheinlichen Mord vor dem Hintergrund des heutigen Israel, kurz vor dem Ausbruch des Golfkrieges.

Doch hier geht es um mehr, hier spielt vor allem auch die Freundschaft eine große Rolle. Für Sokolow war die Sache klar: Lew war sein bester Freund, für den er bedingungslos einstehen würde. Und der das auch umgekehrt tun würde.

Die Sprünge und Risse in dieser Freundschaft kommen nach und nach zum Vorschein, wenn Sokolow sich in seinem Wodkaträumen an die Vergangenheit erinnert; langsam tauchen erste Zweifel an Lews Unschuld an der Explosion der Rakete auf, die damals zu Sokolows Karriereknick geführt hatte. Auch zuvor gab es die eine oder andere Begegnung, die einen leichten Schatten auf diese strahlendhelle Freundschaft warf.

Und nicht zuletzt ist es ein Roman über Israel, die Probleme der Immigranten, und über de Winters immer wiederkehrendes Thema: den Konflikt zwischen Strenggläubigkeit und Juden, die diesen Namen nur der Abstammung nach führen.

Klasse zu lesen, viele Punkte, über die nachzudenken sich lohnt, hervorragende Milieubeschreibungen; kurz und gut: ein Buch ganz nach meinem Geschmack!

Leon de Winter

Leon de Winter, geboren 1954 in 's-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden, ist Filmemacher und seit 1976 freier Schriftsteller, dessen Romane nicht nur in den Niederlanden überwältigende Erfolge erzielen. Er ist mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher verheiratet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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