James Wilson - Der Schatten des Malers

Originaltitel: The Dark Clue
Roman. Insel Verlag 2002
550 Seiten, ISBN: 3458171282

Es ist schon ein wenig bitter für einen Maler, wenn er nicht dafür engagiert wird, ein Bild zu malen, sondern über das Leben eines anderen, berühmteren Künstlerkollegen etwas zu schreiben. Doch Walter Hartright schätzte sein eigenes Maltalent durchaus realistisch ein - und eine Biographie ausgerechnet über William Turner, den ganz Großen der englischen Malerei, schreiben zu können, war durchaus ein ehrenwertes Angebot.

Seine Biographie, so wünschte es die Auftraggeberin, solle ein ehrliches, auf Fakten beruhendes Gegengewicht zu dem Buch werden, das ein anderer Biograph gerade schrieb; dieser würde in seinem Buch nur böswillige Gerüchte, Verleumdungen über den großen Maler verbreiten - während er doch in der Gesellschaft allgemein zwar als etwas eigenbrötlerisch und zurückgezogen, vielleicht auch noch als schlimmste Eigenschaft geizig genannt werden konnte.

Doch Walter entdeckt, gemeinsam mit seiner Schwägerin Marian, dass es neben dieser öffentlichen Seite Turners noch eine geheime, dunkle Seite gab, die er wohl zu verbergen wusste - eine Welt der Bordelle und der Grausamkeit. Und ehe er sich versieht, ist Walter stärker in die alten Intrigen verwickelt, als ihm lieb sein kann...

Aus Tagebucheinträgen und Briefen erfährt der Leser, wie die beiden bei ihrer Recherche vorankommen; ein Stilmittel, dass unterschiedliche Blickwinkel ermöglicht und uns sowohl Innen- als auch Außenblick auf die agierenden Personen gewährt.

Anfangs war ich sehr angetan von der Idee, einen Roman vor mir zu haben, der auf detektivischen Spuren dem Leben des Malers William Turner folgte. Die Bildbeschreibungen und die Zusammenhänge, die die beiden aus diesen Bildern schließen, lasen sich anfangs für mich auch wirklich interessant.

Aber dann wurde es immer schwerfälliger. In anderen Kritiken zu diesem Buch habe ich zwar gelesen, dass der Anfang als langatmig erlebt wurde und sich das Buch dann zu einem spannenden Krimi entwickelt hätte; mir erging es anders beim Lesen. Die Spannung, die der Autor mir wohl vermitteln wollte, zeigte sich mir vor allem in einem immer gehetzter wirkenden Stil, und die Aufregung und Aufgewühltheit, die die Protagonisten erfasst, wenn sie wieder eine neue Nuance von Turners Charakter aufdecken, kann ich in dieser Intensität absolut nicht nachvollziehen. Dazu kommt, dass mir irgendwann die zufälligen Begegnungen einfach zu viel wurden.

Für Leser, die bei Büchern wie "Das Labyrinth der Welt" in Begeisterungsstürme ausgebrochen sind, ist auch "Der Schatten des Malers" sicherlich eine lohnendere Lektüre als für mich - ich war letztendlich enttäuscht und auch etwas gelangweilt.

James Wilson

James Wilson, geboren 1948, studierte Geschichte in Oxford und lebt mit seiner Familie in Bristol.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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