Urs Widmer - Das Buch des Vaters

Originaltitel: Das Buch des Vaters
Roman. Diogenes 2004
209 Seiten, ISBN: 3257063873

In "Der Geliebte der Mutter" hatte Urs Widmer bereits einen Teil der Geschichte seiner Eltern verarbeitet; "Das Buch des Vaters" erzählt nun den fehlenden Teil, der allerdings nur wenige Überschneidungen aufweist.

Es ist ein völlig anderer Stil, eine komplett andere Sichtweise; nur wenige Episoden kommen in beiden Büchern vor, und als Leser empfand ich das als sehr spannend. Dabei ist es keinesfalls so, dass man dieses zweite Buch nur mit Kenntnis des ersten verstehen und genießen kann - es sind völlig voneinander losgelöste Bücher, von denen mir die Vater-Geschichte auch deutlich besser gefällt.

Einen flüchtigen Blick nur hatte der Sohn nach dem Tod des Vaters auf dessen "Buch" werfen können, nicht genug, all die in winzigsten Buchstaben vollgeschriebenen Seiten gründlich zu lesen. Am nächsten Tag ist das Buch verschwunden; er sieht es als seine Aufgabe, diese Geschichte neu zu erzählen.

An seinem zwölften Geburtstag hatte der Vater dieses Buch erhalten, wie alle Männer des Dorfes; in einem märchenhaft anmutenden Initiationsritus bekommt er die blendendweißen, leeren Seiten überreicht mit der Aufforderung, jeden Abend hineinzuschreiben, wie auch alle anderen Männer dies tun, ob sie nun schreiben können oder nicht.

Der Vater lebte mit seinen Eltern längst in der Stadt und nicht mehr in dem kleinen Dorf; doch die Verbundenheit war nach wie vor da. Jeder, der aus diesem Dorf abstammte, erhielt schon bei der Geburt einen Sarg, der dann vor dem Haus (ordentlich ausgerichtet) gelagert wurde, bis er zum Einsatz kam.

Die Mutter hatte der Vater das erste Mal aus einem Auto steigen gesehen; eine Lichtgestalt mit riesigem Hut - und sofort war ihm klar, dass sie die Eine für ihn werden müsse. Jahre später erst traf er sie wieder, wagte es, sie anzusprechen - und heiratete sie kurz danach. Ein Paradies begann für ihn; eine leidenschaftliche Beziehung mit dieser wundervollen Frau, von der er nicht genug bekommen konnte. Dann der Umzug in das Haus am Stadtrand, der eine Fastnachtsabend, der ihn zum Kommunisten machte, auch wenn er erst in die Partei eintrat, als sie sich "Partei der Arbeit" nannte.

Es ist die Geschichte eines leidenschaftlichen Büchernarren, der mehr Geld, als er hat, für seine Schätze ausgibt, jeden Tag 2 oder 3 neue Werke nach Hause schafft, der mit Begeisterung diese Bücher übersetzt, auch aus Sprachen, die er eigentlich gar nicht beherrscht; ein höchst lebendiges Portrait auch einer Zeit, eines Landes, das durch den zweiten Weltkrieg nur am Rande betroffen war, einer Stadt, in der sich Exilanten trafen - kurzum, ein anregendes, auch stilistisch sehr ansprechendes Buch.

Waren in "Der Geliebte der Mutter" die Anspielungen auf reale Personen noch verbrämt (ich persönlich hätte mangels Vorkenntnissen ohnehin niemanden erkannt), tauchen in diesem Buch etliche Namen des deutschsprachigen Literaturbetriebs auf - ein weiterer interessanter Aspekt.

Kurzum: ein Vater-Portrait, das atmosphärisch dicht erzählt ist, und von mir aus ganzem Herzen weiterempfohlen wird!

Urs Widmer

Urs Widmer, geboren am 21. Mai 1938 in Basel. Studium der Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. 1966 Promotion mit einer Arbeit über die deutsche Nachkriegsprosa. Danach Verlagslektor im Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. Urs Widmer lebt und arbeitet heute als Schriftsteller in Zürich. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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