Mary Westmacott (= Agatha Christie) - Verdrängter Verdacht

Originaltitel: Absent in the Spring
Roman. Heyne Verlag 1944
252 Seiten, ISBN: 3453135946

Joan Scudamore ist auf dem Rückweg von Bagdad nach London. Sie hatte dort ihre kranke Tochter besucht; als liebende Mutter war sie natürlich sofort ans Krankenbett geeilt. Ihr Schwiegersohn war ja so unpraktisch, und irgendwer mußte sich doch darum kümmern, daß der Haushalt reibungslos läuft.

Doch allzulange konnte sie auch ihren Mann nicht alleine lassen. Ganz auf die Versorgung durch die Dienstboten angewiesen, ohne ihre liebende Fürsorge – er mußte sie wahnsinnig vermissen.

Im Speisesaal auf dem Reiseweg trifft sie auf eine frühere Schulkameradin. Aber, mein Gott, was war aus ihr geworden? Aus der feinen Pensionatsschülerin aus gutem Haus, mit den besten Aussichten; Blanche, die zudem noch umwerfend gut aussah. Aber wenn man sie jetzt ansah – sie sah mindestens so alt aus, wie sie auch war. Da hatte sie, Joan, sich doch wesentlich besser gehalten! Und was Blanche aus ihrem Leben zu berichten wußte! Ein einziger Abstieg. Hatte ihre Kinder eines anderen Mannes wegen verlassen, lebte nun in Bagdad mit einem Proleten zusammen; und dann sagte sie auch noch so merkwürdige Sachen über Joans Tochter, sie würde schon wieder auf den rechten Weg kommen, das Schlimmste wäre überstanden; als ob es da etwas zu wissen gäbe, das ihr, Joan, nicht bekannt wäre! Keiner kannte ihre Kinder und deren Wünsche so gut wie sie selbst, davon war sie überzeugt.

Zum Glück konnte sie Blanche rasch verabschieden, zum Glück führte ihre Reiseroute in die andere Richtung. Doch schon am nächsten Abend wäre sie über Gesellschaft froh gewesen; Regenfälle verhindern ihre Weiterreise, sie sitzt alleine fest. Die Bücher, die sie dabei hat, sind alle ausgelesen, keine Handarbeit dabei – zum ersten Mal in ihrem Leben muß sie sich mit ihren Gedanken auseinandersetzen.

Und was ihr hier so durch den Sinn kommt, ist einfach absurd. Sie hat sich nichts vorzuwerfen, hat immer nur das Beste für ihre Lieben gewollt. Und wer wüßte schließlich besser als sie, was ihre Kinder, ihr Mann eigentlich wünschen! Ihr Mann ist ihr bestimmt heute dankbar dafür, daß sie damals seiner absurden Idee, nicht als Partner in die florierende Anwaltskanzlei einzutreten, sondern statt dessen Farmer zu werden, nicht zugestimmt hatte. Männer sind manchmal wie Kinder, da ist es gut, eine tüchtige Frau an der Seite zu haben, die für sie mitdenkt.

Trotzdem – diese Weite, diese Verurteilung zur Untätigkeit sind nicht gut für sie. Gedanken quälen sie, daß sie ihren Mann gehindert hat, seinen Lebenstraum zu verwirklichen; und diese Lesley, die sie selbst eigentlich immer bedauert hatte – kann es nicht doch sein, daß ihr Mann sie leidenschaftlich liebte?

Der Gedanke, ohne LESESTOFF für Tage in der Wüste festzustecken, hat auch für mich etwas sehr beunruhigendes.

Es ist gut nachvollziehbar geschildert, wie in der Wüste langsam aber sicher die Mauer der Selbstherrlichkeit, die Joan Scudamore um sich herum aufgebaut hat, zerbröckelt, sie erkennt, daß sie in ihrem Leben eigentlich nichts richtig gemacht hat. Gequält stellt sie fest, daß ihr Mann bei Kindern und Dienstboten so beliebt ist, weil er ihnen zuhört, ihnen Liebe entgegenbringt, und sie ihr eigenes Leben leben läßt.

Warum hat er sich nicht von dieser Frau getrennt, da er doch offensichtlich von tiefer Liebe zu einer Anderen ergriffen war? Die Antwort darauf liefert er selber, als die älteste Tochter sich in einen verheirateten Mann verliebt: die Ehe ist ein Vertrag, den man nicht einseitig brechen darf, den man als erwachsener, mündiger Mensch eingegangen ist.

Und er läßt seine Frau nicht spüren, daß sie ihn seiner Träume beraubt hat; sorgfältig vernichtet er den Brief der Tochter, der ihre wahre Meinung zum Besuch der Mutter kundtut, um ihr den Schmerz zu ersparen, sollte sie ihn jemals finden.

Inhaltlich hat dieser Roman mich sehr angesprochen; besonders lobend möchte ich noch erwähnen, daß trotz Joans Läuterung, ihres
Schuldeingeständnisses, es kein Ende nach dem Motto: „und von nun an lebten alle glücklich und zufrieden“ gibt – ohne hier bereits allzuviel verraten zu wollen.

Nicht ganz so gelungen fand ich hingegen die Darstellung von Joans Gedankensprüngen in der Wüste. Die vielen Absätze, die mit „...“ endeten, haben mich dann doch gestört. Auch wenn die – seltenen – Diskussionen zwischen Joan und ihrem Mann geschildert wurden, war das Muster ewig gleich: erst ist er sanft und verständnisvoll, um irgendwann heftig zu antworten und das Zimmer zu verlassen.

Fazit: ich war von diesem Roman der englischen Krimi-Autorin Agatha Christie, die unter Pseudonym einige psychologische Romane veröffentlicht hatte, positiv überrascht.

Mary Westmacott (= Agatha Christie)

Mary Mestmacott, besser bekannt als Agatha Christie (eigentlich A. Mary Clarissa Mallowan, geb. Miller), geboren 1890 in Torquay, gilt als die erfolgreichste Kriminalschriftstellerin aller Zeiten. Unter ihrem Pseudonym Mary Westmacott hat sie psychologisch fasznierend aufgebaute Gesellschaftsromane geschrieben. Sie starb 1976 in Wallingford / Oxfordshire.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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