Valerie Wilson Wesley - Todesblues. Ein Tamara-Hayle-Krimi

Originaltitel: No Hiding Place
Krimi. Diogenes 1997
285 Seiten, ISBN: 3257232632

Zugegeben, Newark ist nicht unbedingt als Ghetto der Reichen und Sorglosen bekannt. Aber als Tamara Hayle abends aus ihrem Büro kommt und von einem Jungen mit Knarre überfallen wird, jagt das auch der toughen Privatdetektivin einen gehörigen Schrecken ein. Zumal ihr auch das Gesicht des Jungen eigenartig bekannt vorkommt.

Ein Gesicht, das sie zu verfolgen scheint – denn kurz darauf kommt eine Frau in ihr Büro und bittet sie um Hilfe. Ihr Sohn ist erschossen worden – zwar schon vor 7 Monaten, aber für die Polizei ist der Fall abgeschlossen. Wieder so ein Schwarzer, der von einem anderen Schwarzen abgeknallt wurde. Eigentlich wollte Tamara den Fall ablehnen – doch Bessy Raymond hat ihre gesamten Ersparnisse gleich mitgebracht, und Geld ist immer knapp, seit Tamara ihren Job bei der Polizei hingeschmissen hat, um sich selbständig zu machen. Außerdem hat sie das Gefühl, Shawn, dem Verstorbenen, etwas schuldig zu sein.

Warum? Weil Shawn damals der Schützling ihres Bruders war. Die Polizei hatte damals ein Projekt gestartet, mit dem die Kinder von der Straße sollten. Shawn und Johnny waren unzertrennlich, bis das Schreckliche passierte – Johnny´s Selbstmord.

Und auf die schiefe Bahn war Shawn eindeutig geraten – Waffen und Drogen gehörten zu seinen Haupteinnahmequellen. Und er war ein Frauenheld, das stellt Tamara rasch fest. Sein Sohn hatte sie vor ein paar Tagen mit der Waffe bedroht; aber es gibt noch einen zweiten Sohn, ein Baby. Die Mutter dieses zweiten Kindes stammt aus gutem Haus, der Vater war lange bei der Polizei, ein Held in dieser Stadt. Auch er ist Tamara noch von früher bekannt; mit seinem Bruder war sie früher häufiger aus, und auch jetzt, im Rahmen der Ermittlungen, kommen die beiden sich wieder näher. Die Familie hat ein hieb- und stichfestes Alibi. Aber irgendein Instinkt warnt Tamara....

Es ist ein hartes Los, sich als alleinerziehende Mutter in einem Männerberuf herumzuschlagen. Tamara Hayle lebt immer knapp an der Kippe – nicht am Existenzminimum, aber gröbere Unfälle dürfen nicht passieren, soweit reichen die Reserven nicht.

In Mordfällen zu ermitteln ist für sie normalerweise nicht üblich. Die Polizei ist dafür wesentlich besser ausgerüstet, nur in Sonderfällen lässt sie sich dazu breitschlagen.

Mir gefällt es zu sehen, wie sie an ihre Fälle immer auch sehr persönlich verwickelt wird, daß sie bei ihren Ermittlungen erst mal auch nicht weiter kommt als die Polizei, und die Auflösung sich mehr durch Zufälle, persönliche Bekanntschaften und eben ihren Instinkt ergibt.

Ich bin schon gespannt, wie viele dunkle Schatten in Tamaras Jugend von der Autorin noch hervorgezaubert werden…

Valerie Wilson Wesley

Valerie Wilson Wesley, geb. 22.11.1947, ist Redakteurin bei der Zeitschrift Essence. 1993 erhielt sie den Griot Award from the New York Chapter of the National Association of Black Journalists. Sie hat zwei erwachsene Töchter und ist mit dem Drehbuchautor und Dramatiker Richard Wesley verheiratet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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