Dieter Wellershoff - Der Sieger nimmt alles

Originaltitel: Der Sieger nimmt alles
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2002
550 Seiten, ISBN: 3442728517

Als Ulrich Vogtmann mit 27 zum ersten mal bei der Firma Pattberg am Fließband steht, hat er wenig vorzuweisen. Seine Eltern sind tot, seine Tante hatte ihn im Krieg in ein Internat abgeschoben. Seither hatte er zweimal das Studienfach gewechselt - um nun wieder an dem Punkt angelangt zu sein, wo er von den vermittelten Inhalten enttäuscht war. Da kam das Angebot eines Mitschülers gerade recht, der ihm für den Sommer seine Wohnung und einen Job bei Pattberg vermittelt hatte.

Auch als Fließbandarbeiter kann es möglich sein, die Aufmerksamkeit des Firmenchefs auf sich zu ziehen. Und bald schon wird aus ihm der Chaffeur des Alten, der ihm auf eigenartige Weise zu vertrauen scheint - und es dennoch immer wieder schafft, ihn auch auf Distanz zu halten.

Eine Distanz, die sich die Tochter Pattbergs, Elisabeth, nicht zu wünschen scheint. Jedesmal zögert ihr Schritt, wenn sie ihn sieht - und auf ihrem Geburtstagsfest tanzt sie dann nur mit ihm, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie ihre Gäste eventuell brüskiert.

Als Ulrich zurückfährt, sein Sommer vorbei ist, kommt sie ihn besuchen - und er ergreift seine Chance, bittet sie, ihn zu heiraten. Obwohl er weiß, dass er sie nicht liebt - und obwohl er auch weiß, dass er seine schwangere Freundin zutiefst verletzen wird.

Aber alles läuft nach seiner Zufriedenheit, sie heiraten, haben einen Sohn - und Ulrich steigt in die Leitung der Firma ein. Unter seiner Führung beginnt der Betrieb auf nicht gekannte Weise zu florieren, es wird expandiert, investiert, werden Kredite aufgenommen - allen Unkenrufen des Alten zum Trotz, der das Ausmaß der Unternehmungen bald nicht mehr überblickt.

Elisabeth liebt ihn immer noch, auch wenn sie spürt, dass ihr von Ulrich vielleicht Wertschätzung, Höflichkeit - aber kein inniges Gefühl entgegengebracht wird. Sie unterstützt ihn, alles, was sie von ihm verlangt, ist Ehrlichkeit.

Und dann fängt das komplizierte Finanzgefüge, das Ulrich aufgebaut hat, zu bröckeln. Er sitzt einem Betrüger auf, und die Spirale, die ihn langsam und stetig an die Sonnenseite befördert hatte, beginnt sich rasend schnell abwärts zu drehen...

Ja, diesen Roman zu lesen heißt, ein wunderbares Abbild des Wirtschaftswunderlands Deutschland zu sehen. Ein wenig könnte man das Buch mit Heinrich Manns "Untertan" vergleichen; hier wie dort wird aus dem eher weichen, sensiblen Jungen ein Mann, der sich von Macht und Geld verführen lässt.

Den Menschentyp des Ulrich Vogtmann begegnet man auch heute noch immer wieder; ein Mann, der davon überzeugt ist, als einziger die Gesetze des Marktes wirklich durchschaut zu haben, der aus diesem Grund so leicht zu betrügen ist, dessen Eitelkeit man nur schmeicheln muss.

Wenn man die Ehe zwischen Ulrich und Elisabeth ansieht, erkennt man wahrscheinlich ein typisch deutsches Paar wieder - aus Vernunftgründen geheiratet (er), trotzdem noch der Glaube und Wunsch nach Liebe (sie).

Bei über 500 Seiten ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass das Buch auch so einige Längen hat, die das Lesevergnügen manchmal ganz schön zäh machen. Aber alles in allem ist es ein hervorragendes Zeugnis der Lage in Deutschland von den 50ern bis in die 80er-Jahre.

Dieter Wellershoff

Dieter Wellershoff wurde 1925 in Neuss geboren, schrieb Romane, Erzählungen und Essays, Filmdrehbücher und Hörspiele. Er lebt in Köln.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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